Bundesliga: Augsburgs Michael Gregoritsch erfährt viel Lob für seine Ehrlichkeit – Sport | ABC-Z

Nach einem Spiel, das keinen Helden verdient gehabt hätte, war Michael Gregoritsch ein gefragter Mann. Wohin man auch schaute, die Aufregung in den Katakomben des Hamburger Volksparkstadions war seinetwegen groß. Und das kollektive Staunen ebenfalls. Insbesondere die anwesenden Reporter und Fernsehfachkräfte schienen nach Schlusspfiff nur zwei Themen zu beschäftigen: Was hatte sich Michael Gregoritsch bloß dabei gedacht – und würde er womöglich der erste Fußballer sein, der mit Antritt des Feierabends das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommt?
Sogar Merlin Polzin, der sonst sehr sachliche Trainer des Hamburger SV, fasste Gregoritsch vor den Umkleidekabinen an die Schulter und fragte ungläubig nach: „Was hast du gesagt? Dass es kein Foul war?“ Gregorisch‘ Antwort war aus ein paar Metern Distanz nur schwer zu verstehen, seine Körperhaltung schien jedoch zu vermitteln: Ja, logisch, was auch sonst?
:Turbulentes Ende eines nicht gerade turbulenten Spiels
War das wirklich Borussia Dortmund? In Stuttgart zeigt der BVB eine rätselhaft teilnahmslose Leistung – dass trotzdem ein 2:0-Erfolg herausspringt, liegt an drei Einwechselspielern.
Der Ausnahmezustand, der nach dem 1:1 zwischen dem HSV und dem FC Augsburg herrschte, erzählte zwar auch etwas über die nicht gerade hochklassige Partie, während der kaum zu übersehen war, dass sich zwei eher formschwache Teams gegenüberstanden. Er erzählte aber auch einiges über die Sitten der Branche, denn eigentlich war ja nicht viel passiert: Kurz vor dem Halbzeitpfiff lieferten sich HSV-Spielmacher Fabio Vieira und Gregoritsch einen Zweikampf; dem ersten Anschein nach hatte Vieira ein Foul begangen, aufgrund des vermeintlichen Tatorts in unmittelbarer Nähe des Hamburger Strafraums war auch die Möglichkeit eines Elfmeterpfiffs im Raum gestanden.
In Wahrheit war es aber der Augsburger, der Vieira in die Hacken trat. Schiedsrichter Deniz Aytekin eilte daraufhin zum vermeintlich Gefoulten, der sich am Seitenaus behandeln ließ, und holte dessen Einschätzung ein. Dessen Antwort lautete nach übereinstimmenden Augen- und Ohrenzeugenberichten: kein Foul. Eine ehrliche Einschätzung, die letztlich maßgeblich für Aytekin war, sein ursprüngliches Urteil (Foul von Vieira) zu revidieren.
Aus moralischer Perspektive hatte Gregoritsch bloß getan, was er tun musste
Gregoritsch hatte in Zeiten der Stadionvollausleuchtung mit mehreren Dutzend Fernsehkameras nicht mehr getan, als auf Nachfrage nicht zu lügen – eine eigentliche Selbstverständlichkeit, die ihn hernach von Spielern, Verantwortlichen und Beobachtern nahezu in den Rang eines Schutzheiligen manövrierte. „Chapeau ans Gregerl“, sagte auch Augsburgs Trainer Manuel Baum. Davon abgesehen war er für Sentimentalitäten eher nicht zu haben. „Ich finde es nicht gut, dass der Schiedsrichter den Spieler fragt“, führte der Coach weiter aus: „Was wäre denn gewesen, wenn er gesagt hätte, dass es ein Foul war? Dann wäre er jetzt der Buhmann.“ Der Schiedsrichter, so Baum, solle die „Verantwortung nicht auf den Spieler abschieben“, denn: „Dafür ist der Schiedsrichter da. Ich würde die Spieler da nicht in die Bredouille bringen und nachfragen.“
Aus moralischer Perspektive hatte Gregoritsch also getan, was er tun musste. Aus fußballerischer Perspektive fügte sich der Angreifer allerdings passgenau ins sonstige Geschehen ein: Beide Teams schafften es nur sehr vereinzelt, das jeweils andere Team unter Druck zu setzen; Hamburg und Augsburg lieferten sich eines dieser kampfbetonten Duelle, die es in dieser Saisonphase häufig zu sehen gibt. Viel Fehlervermeidung, wenig Risiko – obschon sich Fehler nicht ganz verhindern ließen. Die erste Hälfte ging optisch an die Augsburger, nicht zuletzt deshalb, weil der HSV in dieser ersten Hälfte nur sehr punktuell in die gefährlichen Zonen gelangte und sich durch zahlreiche Ungenauigkeiten selbst aus dem Spiel nahm.
„Damit war ich nicht einverstanden“, sagte Coach Polzin: „Wir waren zu fahrig, hatten zu wenig tiefe Laufwege.“ Die Augsburger Führung durch Arthur Chaves (23. Minute) war zu diesem Zeitpunkt jedenfalls sehr verdient. Nach Schlusspfiff sollte dies jedoch nicht mehr der Fall sein, weil die Teams quasi mit Start der zweiten Hälfte ihr jeweiliges Konzentrationslevel tauschten: Nun waren es die Augsburger, denen wenig bis gar nichts gelang; nicht mal in Überzahl, nachdem Hamburgs Außenverteidiger Miro Muheim nach einem etwas dilettantischen Stolperer und einer darauffolgenden Notbremse mit Rot vom Platz gestellt wurde (64.).
Beim HSV steht plötzlich Robert Glatzel wieder in der Startelf
Im Gegenteil: Nach Ansicht von Augsburgs Trainer Baum habe in der Schlussviertelstunde „Chaos“ geherrscht – und das sei in dieser Phase insbesondere selbstverschuldet gewesen, wie der Coach zudem monierte. Zuvor war dem HSV durch einen Distanztreffer von Ransford Königsdörffer bereits der Ausgleich (60.) gelungen, vorausgegangen war eine schicke Kombination, an der sich auch dessen Sturmkollege Robert Glatzel maßgeblich beteiligt hatte. Hierbei handelte es sich durchaus um eine Nachricht: Glatzel ist Publikumsliebling, zählte in dieser Saison aber nicht gerade zu den Lieblingsstürmern des Trainers Polzins, weshalb er zumeist zwischen Ersatzbank und Tribüne umherpendelte. Zur Not wurden ihm auch erschreckend formschwache Konkurrenten wie Winterzugang Damien Downs vorgezogen, die Begründung lautete: Glatzel sei nun mal kein begnadeter Anläufer, auch für Kontersituationen sei er aufgrund fehlender Geschwindigkeit eher nicht geeignet.
Alles valide Punkte, nur: Glatzel kann Bälle annehmen, behaupten und gefährlich aufs Tor schießen – alles Standardfertigkeiten eines Bundesligastürmers, die bei den anderen Hamburger Stürmern jedoch nicht standardmäßig zu sehen waren. Auch Glatzel war das wohl aufgefallen, weshalb er der Hamburger Morgenpost jüngst eine Art Mini-Manuel-Neuer-Interview gab: ohne Autorisierung des Vereins, inklusive dargelegten Unverständnis seiner Situation. Glatzel wurde daraufhin für ein Spiel suspendiert und mit einer Geldstrafe belegt, umso überraschender war es, dass er plötzlich in der Hamburger Startelf stand.
Selbst hatte er damit nicht gerechnet, sagte Glatzel: „Aber Fußball ist verrückt. Es ist sehr, sehr schön, dass ich wieder spielen durfte.“ Polzin lobte Glatzels „guten Auftritt“ und seine Stärken als „Wandspieler“. Letzteres ist eigentlich keine sonderlich neue Beobachtung. Weil der HSV nur eines seiner letzten sieben Spiele gewonnen hat, handelt es sich hierbei jedoch wohl um eine Tatsache, die Polzin im Saisonendspurt nicht länger ignorieren kann.





















