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Offshore-Masterplan für Nordsee: “Deutlich weniger Windräder sparen 50 Milliarden Euro, erzeugen aber nicht weniger Strom” | ABC-Z

Offshore-Masterplan für Nordsee“Deutlich weniger Windräder sparen 50 Milliarden Euro, erzeugen aber nicht weniger Strom”

05.04.2026, 08:05 Uhr

Eine Windkraftanlage steht vor Dänemark: Die Nordsee soll der grüne Energiehub Europas werden. (Foto: picture alliance / imageBROKER)

Die Nordsee ist das Kraftwerk Europas. Theoretisch. Sie hat ein hervorragendes Windangebot, einen guten Baugrund und ist relativ flach. Bisher kocht jeder Anrainer jedoch sein eigenes Offshore-Süppchen und verzettelt sich. Deutschland plant etwa zu viele Windräder. Sie nehmen einander den Wind weg. “Das ist ineffizient”, sagt Tim Meyerjürgens. Der Ingenieur leitet Deutschlands größten Übertragungsnetzbetreiber Tennet Germany und ist somit für den Anschluss der Nordsee-Windparks verantwortlich. Meyerjürgens überbringt im “Klima-Labor von ntv” eine überraschende Botschaft: Weniger Turbinen erzeugen nicht weniger Strom. Werden die Windparks europäisch vernetzt, können sie dem Tennet-Chef zufolge sogar rund um die Uhr laufen: “Wir beuten eine Sturmfront erst in Großbritannien aus und übertragen den Strom nach Deutschland. Tags darauf machen wir es umgekehrt.”

ntv.de: Wenn Sie der Energiewende eine Schulnote geben müssten, welche wäre es?

Tim Meyerjürgens: Wenn wir den Startpunkt berücksichtigen, durchaus eine Drei. Wir haben nicht alles erreicht, was wir erreichen wollten, aber trotzdem eine ganze Menge. Und wenn ich zurückschaue: Als ich angefangen habe, als Ingenieur im Netzbereich zu arbeiten, haben mir die erfahrenen Kollegen gesagt, dass wir technisch maximal zwei Prozent Erneuerbare ins Stromnetz integrieren können.

Wann war das?

Mitte der 90er Jahre. Inzwischen sehen wir im deutschen Strommix knapp 60 Prozent Erneuerbare. In unserem Netzgebiet sind es sogar 85 Prozent.

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“Offshore ist nicht die günstigste Energieform”, sagt Tennet-Chef Tim Meyerjürgens. “Im Vergleich zur Solarenergie ist sie aber deutlich häufiger verfügbar.” (Foto: picture alliance/dpa)

Die Pessimisten wurden widerlegt.

Definitiv. Wir haben eine technische Entwicklung durchlaufen, die in dieser Form einmalig ist, und dabei auch einige Rückschläge erlebt – viele politisch getrieben. Das rächt sich in Situationen, wie wir sie gerade mit dem Iran erleben.

Greg Jackson, der britische Chef von Octopus Energy, hat uns im Januar gesagt: Europa macht Energiewende so, als würde man wollen, dass sie scheitert. Stimmen Sie zu?

Nein. Es gibt aber immer wieder politische Richtungswechsel. Die haben die Energiewende an vielen Stellen leider teuer gemacht. Vielleicht meint er das. Mit etwas mehr politischer Klarheit und einer einheitlichen Vorgehensweise hätten wir sie schneller und günstiger realisieren können.

Wie erklären Sie sich die fehlende Klarheit?

Die wirtschaftliche Situation war anders. Auch der Klimawandel war nicht immer präsent. Mitunter wurden andere Prioritäten gesetzt.

Die sicherheitspolitische Bedeutung der Energiewende wurde vermutlich auch nicht erkannt?

Wir reagieren gut in Krisensituationen. Das haben wir beim Ausbruch des Ukraine-Kriegs gesehen und der Gasmangellage, als plötzlich schnell LNG-Terminals gebaut wurden. Die waren seit Jahren geplant. Man wollte sie aus Kostengründen trotzdem nicht bauen, weil man meinte: Das ist ineffizient.

Gerade die Flüssiggas-Versorgung fällt uns jetzt aber auf die Füße. An den Tankstellen sieht man die Auswirkungen des Iran-Kriegs bereits. Im kommenden Winter werden Menschen mit einer Gasheizung ebenfalls steigende Preise sehen. Hätten wir statt der LNG-Terminals nicht lieber mehr Geld und Fokus auf die Energiewende verwenden müssen?

Das ist kein Entweder-oder. Die LNG-Terminals waren eine richtige Entscheidung. Für eine diversifizierte Energieversorgung hätten wir sie sogar früher bauen müssen, denn wir werden Gas und perspektivisch grüne Gase auch in Zukunft als Baustein benötigen. Es gibt Momente, in denen Sonne und Wind nicht zur Verfügung stehen. In diesen Größenordnungen lässt sich Strom nicht speichern, selbst mit Batterien nicht. Wir benötigen Alternativen, insbesondere Gasmoleküle. Perspektivisch wird es grüner Wasserstoff sein, aber der Weg dorthin ist weit. Bis dahin benötigen wir Importmöglichkeiten.

Und nehmen hin, dass geopolitische Krisen den Gaspreis alle paar Jahre nach oben treiben?

Wir haben in zwei Krisen schmerzhaft gelernt, dass Abhängigkeit die teuerste Lösung ist. Je schneller uns diese Umstellung gelingt, desto besser. Aber wir dürfen uns keine Illusionen machen: Europa ist kein rohstoffreicher Kontinent. Wir können nicht die geopolitische Lage kontrollieren. Selbst mit Erneuerbaren können wir die Auswirkungen nur reduzieren, nicht vollständig vermeiden.

Inwiefern?

Der jährliche deutsche Energiebedarf liegt bei etwa 2500 Terawattstunden. Davon entfallen 20 Prozent auf Strom. Wenn wir die Erneuerbaren weiter schnell ausbauen, werden wir 40 bis 50 Prozent erreichen. Ob es möglich ist, alles zu elektrifizieren, ist technisch offen. Wir dürfen uns also nicht nur auf einen Weg fokussieren, wenn wir als Wirtschaftsstandort erfolgreich bleiben wollen.

Welche Optionen gibt es denn? Beim Gas ändern wir offensichtlich nur, von wem wir gerade abhängig sind: früher von russischen Pipelines, jetzt vom amerikanischen Flüssiggas.

Es geht nicht nur um Energieträger, sondern auch um Infrastruktur. Wir werden ebenfalls unabhängiger, wenn wir den Netzausbau europäisch denken und mehr Schnittstellen zwischen den Ländern herstellen. Dann können wir verschiedene Wettersysteme miteinander kombinieren.

Im Januar haben sich zehn Länder beim Nordsee-Gipfel in Hamburg verpflichtet, bis 2050 gemeinsam 100 Gigawatt Offshore-Windkraft zu bauen – mit grenzüberschreitenden Stromleitungen, die alle miteinander verbinden. Warum fällt uns das erst 2026 ein?

Die Ideen für ein europäisches Verbundnetz in der Nordsee haben wir bereits 2015 vorgelegt.

Es hat elf Jahre gedauert, ihn umzusetzen?

Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass wir stärker in diese Richtung denken müssen. Aber Europa ist nach wie vor stark von nationaler Regulierung und nationalen Marktmodellen geprägt. In der Zwischenzeit ist trotzdem eine Menge passiert. Die naheliegendsten Lösungen sind umgesetzt, das sind die radialen Systeme: Punkt zu Punkt vom Offshore-Windpark an Land mit möglichst kurzer Verbindung. Wir als Tennet Germany sind für den Netzanschluss der deutschen Nordsee-Windparks verantwortlich. In den vergangenen 15 Jahren haben wir zehn Gigawatt Offshore erschlossen. Das entspricht etwa dem Stromverbrauch von 10 Millionen Haushalten.

Das ist eine ganze Menge.

Und trotzdem nur der Anfang. Europaweit sollen insgesamt 300 Gigawatt Offshore bis 2050 installiert werden. Wir sehen aktuell aber die zweite Energiekrise innerhalb kurzer Zeit, die auch zu Preissteigerungen in der Lieferkette führt. Deshalb müssen wir umso mehr darauf achten, dass wir den Ausbau möglichst kosteneffizient gestalten.

Unser Plan für den Offshore-Ausbau rechnet sich nicht mehr?

In Deutschland haben wir aus meiner Sicht den Fehler gemacht, politisch ein Ziel von 70 Gigawatt Windkraft auf See auszurufen.

Nur in der Nordsee?

Nur in der Nordsee. Das ist ein Kapazitätsziel, das definiert: So viele Windmühlen sollen da draußen stehen. Besser wäre ein Energieziel: So viel Strom sollen sie erzeugen. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die deutsche Nordsee im Vergleich zu den Gebieten anderer Länder relativ klein ist. Die Turbinen würden deutlich enger zusammenstehen, als es Sinn ergibt.

Die Windräder nehmen sich den Wind gegenseitig weg?

Ja, der Fachbegriff lautet Wake-Effekt: Wenn der Wind auf eine Turbine trifft, entsteht dahinter eine Verwirbelung. Das kennt man auch von Flugzeugen. Stehen die Anlagen zu dicht beieinander, wird die hintere Turbine nicht so gut angeströmt. Ihr Energieertrag wird schlechter.

Also bauen wir weniger Windräder, erhalten aber trotzdem mehr Strom?

Wir können deutlich weniger bauen. Das Jahr hat 8760 Stunden. In der Nordsee kann eine Turbine ungefähr 4500 Stunden mit Volllast laufen, also ungefähr die Hälfte der Zeit. Aufgrund der dichten Planung landen wir teilweise bei 2500 Volllaststunden. Die Turbinen laufen also nur noch ein Viertel der Zeit. Das ist ineffizient. Entzerren wir die Planung, sparen die Windparkbetreiber zweistellige Milliardenbeträge ein und wir bei den Netzanschlüssen ebenfalls. Insgesamt könnten wir 40 bis 50 Milliarden Euro sparen, ohne dass signifikant weniger Strom erzeugt und übertragen wird. Das ist die erste Effizienzstufe.

Wie lautet die zweite?

Das ist die europäische Vernetzung: Wir verlängern die Leitungen in der Nordsee und schließen die Windparks unserer Nachbarn ebenfalls an. Für Deutschland ist speziell Großbritannien interessant. Mit wenig zusätzlichen Investitionen können wir aus 4000 Volllaststunden 8000 machen.

Wie das?

Speziell Windkraft hängt von Wettersystemen ab. Eine Sturmfront ist klassischerweise ein Tiefdruckgebiet, das von Island kommt, etwa einen halben Tag Großbritannien durchläuft und dann Deutschland erreicht. Wenn wir die Windparks vernetzen, können wir ein- und dieselbe Sturmfront in Großbritannien ausbeuten und den Strom nach Deutschland übertragen und tags darauf machen wir es umgekehrt.

Das klingt schlüssig. Deshalb noch einmal die Frage: Warum setzen wir solche Ideen erst 2026 um? Wie sind wir beim Ziel von 70 Gigawatt auf See nur in Deutschland gelandet?

Die Planungen waren bisher sehr national. Man hat schlicht versucht, den eigenen Strombedarf zu decken. Gerade die Kapazität ist für viele Menschen, die nicht in der Branche arbeiten, einfacher zu verstehen: So viele Windräder werden installiert. Das ist eine griffigere Größe als die Angabe, wie viel Energie produziert wird. Auch die Preisfindung für den Strom geschieht letztlich national, obwohl wir einen europäischen Strommarkt haben. Deutschland fördert die erneuerbaren Energien mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). In Großbritannien entscheidet ein Differenzvertrag (CfD) darüber, wie viel ein Windpark verdient. Wenn man aber einen deutschen und britischen Windpark verbindet – wie viel Geld bekommt er dann? Beim Nordsee-Gipfel in Hamburg haben wir mit der Politik intensiv über die Notwendigkeit gesprochen, Marktmodelle und Regularien zu harmonisieren.

Die Politik ist an Bord?

Ja. Vor fünf Jahren gab es Verständnis, aber wenig Umsetzungswillen. Inzwischen gibt es Verständnis und Umsetzungswillen. Das sehen wir auch an ersten Projekten: Wir als Tennet arbeiten mit den britischen Kollegen beim Projekt Griffin Link an Antworten auf diese Fragen. Unsere Kollegen von 50 Hertz haben in Hamburg mit den dänischen Kollegen einen Plan für einen gemeinsamen Windpark vor Bornholm vorgestellt.

Und damit sparen wir viel Geld?

Offshore ist nicht die günstigste Energieform. Im Vergleich zur Solarenergie ist sie aber deutlich häufiger verfügbar. Speziell die Nordsee hat ein hervorragendes Windangebot. Verglichen mit anderen Meeren ist sie außerdem relativ flach und hat einen guten Baugrund. Man kann einen Windpark viel günstiger errichten als in anderen Meeren. Die küstennahen Flächen sind aber erschlossen, wir müssen weiter raus. Je länger die Kabel werden, desto teurer wird es. Es ist aber ein vergleichsweise geringer Aufwand, diese Leitungen anschließend bis ins Ausland zu verlängern. Das macht das System als Ganzes wieder effizienter, resilienter und günstiger. Derzeit fallen für uns als Übertragungsnetzbetreiber große Mengen an Netzdienstleistungen an. Das sind Kosten für die Kunden.

Netzdienstleistungen?

Der Redispatch: Wir haben Engpässe im Netz und müssen in den Strommarkt eingreifen, um sie aufzulösen.

An einer Stelle im Netz wird mehr Strom erzeugt, als abgenommen werden kann, …

… und an anderer Stelle fehlt er. In dünn besiedelten Regionen gab es in der Vergangenheit wenig Grund für Netzausbau. Genau das sind heute die Hotspots für erneuerbare Energien. An diesen Stellen reicht das Netz nicht aus, um den Strom dorthin zu bringen, wo er benötigt wird. Deshalb greifen wir ein. Diese Redispatch-Kosten machen ungefähr die Hälfte der Netzentgelte aus. Auch wenn der Netzausbau teuer ist: Mit jeder Leitung, die man baut, reduziert man diese Kosten. Vor drei Jahren haben wir für eine Milliarde Euro eine neue Leitung südlich von Bremen gebaut. Im ersten Jahr hat sie 500 Millionen Euro Redispatch vermieden, war also nach zwei Jahren abbezahlt. Diese Leitung wird 40 Jahre betrieben, spart den Stromkunden also 38 Jahre lang Geld.

Mit Tim Meyerjürgens sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast “Das Klima-Labor von ntv” anhören.

Quelle: ntv.de

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