Geopolitik

Litauen: „Der Russe beobachtet uns ständig“ – Wie die Bundeswehr die Nato-Ostflanke sichert | ABC-Z

Seit Januar unterstützt die Bundeswehr die Luftraumüberwachung an der Nato-Ostflanke. Regelmäßig kommt es dort zu heiklen Vorfällen mit russischen Militärmaschinen. WELT hat die Soldaten besucht – und auch über Schwachstellen gesprochen.

Umzäunt von Stacheldraht ist der Militärstützpunkt im litauischen Kaunas nahezu abgeschirmt von der Außenwelt. Funkmasten ragen in den Himmel, Kameras beobachten die Umgebung. Das Gelände wirkt wie ein Hochsicherheitstrakt. Mittendrin steht ein gelbes Ortsschild, wie man es nur aus Deutschland kennt: Holzdorf. Willkommen in Brandenburg.

Das Areal dahinter gehört der Bundeswehr. Bis zu 80 Container stehen dicht an dicht, in der Mitte ein tarngrünes Zelt. Es ist das Deployable Control and Reporting Center (DCRC) – ein verlegefähiger Gefechtsstand der Luftwaffe, der eigentlich im brandenburgischen Holzdorf stationiert ist und regelmäßig ins Ausland verlagert wird.

Seit Anfang des Jahres bilden die Soldaten hier das wachsame Auge der Nato im Baltikum. Aus dem Containerdorf heraus unterstützen sie Estland, Lettland und Litauen bei der Luftraumüberwachung – und verteidigen somit die Achillesverse der Nato. Denn hier an der Ostflanke der Verteidigungsallianz ist Russland ganz nah.

Der internationale Luftraum über der Ostsee ist eng, zwischen Finnland und Estland teilweise nur wenige Kilometer breit. Russische Militärmaschinen fliegen in diesem Gebiet regelmäßig zwischen Sankt Petersburg und der russischen Exklave Kaliningrad hin und her.

Dabei schalten sie häufig ihr Transpondersignal aus und reichen keine Flugpläne ein. Für die zivile Flugsicherung sind sie damit unsichtbar und stellen ein Risiko für den Luftverkehr dar. Immer wieder verletzen russische Jets zudem den Nato-Luftraum – ob aus Versehen oder aus reiner Provokation.

In den Containern herrscht konzentrierte Ruhe. Die Soldaten tragen Headsets, über die sie miteinander kommunizieren. Ihre Blicke haften an den Monitoren, bunte Symbole wandern über eine grüne Karte. Oberleutnant Andy (Transparenzhinweis der Redaktion: Name aus Sicherheitsgründen geändert) beobachtet das sogenannte Luftlagebild ständig.

Hunderte Radargeräte in ganz Europa liefern dafür rund um die Uhr die Daten. Selbst Maschinen ohne Transpondersignal lassen sich so erfassen. Für den Luftlageoffizier ist das Routine. „Da ist kein Druck dahinter“, sagt er. Wenn jedoch ein russischer Jet auf den Bildschirmen erscheint, zählt jede Sekunde. Dann muss die Nato entscheiden: Steigt eine Alarmrotte auf?

Kommt der Einsatzbefehl, geht alles ganz schnell. Jägerleitoffizier Malte (Name von der Redaktion geändert) startet eine Alarmrotte, die von den Basen im estnischen Ämari oder im litauischen Siauliai aus innerhalb von 15 Minuten in der Luft sein muss.

Alarmrotten sind die Polizei des Luftraums und bestehen meist aus zwei Kampfjets. Weil die baltischen Staaten über keine eigene Luftwaffe verfügen, übernehmen Nato-Partner diese Aufgabe im Wechsel.

Unter Hochdruck gibt Malte im Ernstfall den Kurs und die Flughöhe per Funk an die Piloten weiter. „Vor zwei Jahren waren wir in Estland und haben dort russische Kampfjets abgefangen“, sagt er. „Da hingen tatsächlich Waffen dran.“ Mehr als 500 Alarmstarts verzeichnete das Nato-Luftkommando im vergangenen Jahr.

Die Alarmrotte eskortiert die russischen Militärmaschinen aus dem Nato-Luftraum. So auch im Herbst 2025, als russische Jets für zwölf Minuten über Estland und 18 Sekunden über Litauen geflogen sind. Eine Provokation des Kremls, die Nato und EU scharf verurteilten.

Seitdem gab es hier zwar keine Luftraumverletzungen mehr, aber die Gefahr bleibt groß. „Wir merken, wie angespannt die Lage hier vor Ort ist, wie die Leute anders fokussiert sind“, sagt Oberst André Megow. Er ist der Kommandeur des Einsatzes. Die Mission dient vor allem der Abschreckung. „Der Russe beobachtet uns ständig, auch wenn es hier so ruhig wirkt“, sagt Megow.

Aus Sorge vor Spionage entsorgen viele Soldaten nach dem Einsatz ihre Smartphones. Manche kaufen sich dafür eigens gebrauchte Geräte. Funkfähige Technik ist im Gefechtsstand ohnehin tabu – das Risiko, sensible Daten könnten abgegriffen werden, ist einfach zu groß.

Doch das DCRC ist nicht nur digital verwundbar. Auch seine Struktur gilt als Schwachstelle. Das Containerdorf existiert seit 2006 und wird immer wieder verlegt. Seine Größe und Bündelung machen es potenziell angreifbar. Und für Gegner berechenbar.

In der Bundeswehr wächst deshalb die Forderung nach einem modularen System. Würden die Einheiten stärker verteilt, wäre das System schwerer auszuschalten. „Wir müssen uns den neuen Bedrohungen anpassen“, sagt Megow.

Neben der Überwachung trainieren die deutschen und litauischen Soldaten gemeinsam den Ernstfall. Nur wenige Schritte ist das litauische Quartier entfernt. In verschiedenen Szenarien üben sie Manöver mit Kampfflugzeugen. So können sie den Luftraum besser verstehen und die Zusammenarbeit stärken.

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