Artenschutz im Alpenvorland: Meister Lampe kehrt langsam zurück – Starnberg | ABC-Z

In rauen Massen machen sie sich gerade in Supermärkten breit, doch ihre Vorbilder gelten als bedrohte Art: Auf der Roten Liste wird der Feldhase noch als „gefährdet“ aufgeführt. Im Vergleich zu den 1980-er Jahren ist sein Vorkommen auf ein Viertel des ursprünglichen Bestands zurückgegangen, schätzt der Naturschutzbund Deutschland. Doch die jüngste Entwicklung macht ein wenig Hoffnung: Seit 20 Jahren bleiben die Populationen stabil oder wachsen sogar – das gilt wohl auch für das Fünfseenland.
Auf den jährlichen Streckenlisten im Landkreis Starnberg ist allerdings kein Aufwärtstrend zu erkennen: Die Statistiken der unteren Jagdbehörde verzeichnen seit 2018 meist um die 50 erlegte Feldhasen; dazu kommen 20 bis 30 Tiere, die dem Verkehr oder anderen Umständen zum Opfer fallen. In der zuletzt erfassten Saison 2024/2025 wurden sogar bloß 34 Hasen geschossen, ein deutlicher Rückgang gegenüber 2023/2024, als die Jäger 64 Rammler und Zibben – wie Häsinnen waidmännisch heißen – zur Strecke brachten.
Doch Hartwig Görtler, Vorsitzender des Kreisjagdverbands Starnberg, hält diese Zahlen für wenig aussagekräftig: Jagdstrecken gäben nicht unbedingt tatsächliche Wilddichten wieder, weil darin krankheitsbedingte Ausfälle kaum erfasst werden. Zudem unterliegen gerade Hasenpopulationen starken Schwankungen. Entscheidend ist oft das Frühjahr, denn Jungtiere verbringen ihre ersten Wochen in einer flachen Sasse, wo sie Wetter und Beutegreifern fast schutzlos ausgeliefert sind. Mehr als die Hälfte der Neugeborenen erlebt den ersten Geburtstag nicht, die Setzzeit beginnt im März. „Die ersten Junghasen haben wir schon“, sagt Görtler. Der Kälteeinbruch der vergangenen Tage hat seinen Optimismus jedoch gedämpft.
Der Gautinger darf als Experte für Niederwildhege gelten und hat zum Thema einige Beiträge für Jagdzeitschriften und ein Buch verfasst. Sein 8,6 Quadratkilometer großes Jagdgebiet entlang der Amper wird bayernweit als „Leuchtturmrevier“ gerühmt, in dem Hasen, aber auch Fasane, Rebhühner und Rehe optimale Bedingungen vorfinden. Dazu kommen Wiedehopf, Waldschnepfe oder Feldlerche. „Das sind Beobachtungen, die mich einfach glücklich machen“, sagt Görtler. Dahinter steckten freilich hoher finanzieller und viel persönlicher Einsatz in der Landschaftspflege.
In seinem Revier sei es zwischen Emmering und Fürstenfeldbruck innerhalb von rund 15 Jahren gelungen, die Hasendichte von unter einem auf sechs bis zehn Tiere pro Quadratkilometer zu steigern, sagt Görtler. Es sei auch der guten Zusammenarbeit mit den Bauern und den benachbarten Hegegemeinschaften zu verdanken, dass dem Feldhasen dort nun eine Fläche halb so groß wie der Ammersee als Biotop zur Verfügung steht.
Inzwischen müssen die Jäger eingreifen, weil sonst Myxomatose oder Hasenpest die Dichte regulieren – Krankheiten, die auch schlagartig die gesamte Population auslöschen könnten. 30 bis 40 Feldhasen erlegten er und seine Jagdgenossen inzwischen pro Jahr, sagt Görtler. Dabei erlebe er bei Spaziergängern sehr unterschiedliche Reaktionen – je nachdem, ob er mit dem Gewehr oder mit dem Greifvogel zu Werke geht. Um das Überleben von Meister Lampe nachhaltig zu sichern, sollten Jagdpächter zwei Faktoren im Blick behalten, rät Görtler: „Die Kontrolle von Prädatoren wie Fuchs, Dachs oder Mardern und die Lebensraumgestaltung machen jeweils 50 Prozent des Erfolgs aus.“

Laien verwechseln Hasen leicht mit den Kaninchen, die zwar ähnlich aussehen, sich aber in der Lebensweise stark unterscheiden. Im Gegensatz zum ungeselligen Meister Lampe leben Kaninchen in großen Kolonien in unterirdischen Höhlen; in der freien Flur sind sie kaum noch verbreitet, stattdessen bevölkern sie nun urbane Grünflächen wie in München. Der einzelgängerische, scheue Hase neigt weniger zum Kulturfolger. Als Schmuse-Tier ist der „derbe Geselle“, wie ihn der Populärwissenschaftler Alfred Brehm in seinem „Tierleben“ beschrieben hat, denkbar ungeeignet. Kaninchen hingegen sind das beliebteste Kleintier in deutschen Haushalten: Ihre Anzahl wird auf mehr als 2,5 Millionen geschätzt – die kommerzielle Zucht als Fleisch- und Felllieferant nicht eingerechnet. Und im Gegensatz zum moppeligen Karnickel ist Meister Lampe ein Vorzeige-Athlet: Er kann so hoch und weit springen wie Olympiateilnehmer, im Sprint ist er doppelt so schnell wie die besten 100-Meter-Läufer. Die Rammler tragen regelrechte Wettkämpfe um die Gunst der körperlich überlegenen Häsinnen aus.
Als Steppenbewohner besiedeln sie Felder und Wiesen, die mit Hecken und kleinen Wäldern Deckung bieten. Feldhasen sind auf eine Vielfalt von Wildkräutern, die „Hasenapotheke“, angewiesen: Finden sie etwa nur Mais vor, leiden sie unter Mangelernährung. Flurbereinigung und Intensivierung der Landwirtschaft haben ihre vielfältigen Lebensräume schrumpfen lassen. Im deutschen Durchschnitt wurden zuletzt 19 Feldhasen pro Quadratmeter Fläche gezählt – mehr als in den zwei Jahrzehnten zuvor. Für das Alpenvorland verzeichnete der Jagdverband 2023 eine Dichte von neun Individuen pro Quadratkilometer, 38 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch im feuchten Frühjahr 2024 brach die Hasenpopulation wieder ein.

Langfristig aber kommen Meister Lampe wohl drei Faktoren zugute: Infolge der Klimaerwärmung fallen die Frühjahre immer milder aus und die Vegetation, die Junghasen Schutz bietet, wächst rascher heran. „Außerdem arbeiten die Landwirte immer ökologischer, das merkt man deutlich“, sagt Görtler. Sie ließen beispielsweise bei der Mahd oder Getreideernte einen schmalen Randstreifen als Rückzugsort für Niederwild übrig, um dessen „Ernteschock“ abzumildern. Und drittens sei auch in der Jägerschaft ein Bewusstseinswandel zu bemerken: Das Interesse an Trophäen gehe zurück, und der Wunsch, vielfältige Lebensräume zu erhalten, trete mehr in den Vordergrund. „Immer mehr junge Jäger wollen draußen etwas gestalten. Alle haben verstanden, dass wir der Natur etwas zurückgeben müssen“, hat Görtler beobachtet. In diesem Kontext sei auch das Interesse an Niederwild gewachsen. „Es wird zumindest trendiger.“
Weshalb der Hase mit Ostern in Verbindung gebracht wird, wird meist mit seiner besonderen Fruchtbarkeit begründet: Eine Zibbe kann bis zu viermal jährlich Junge in die Welt setzen. Wie aber Meister Lampe in den Ruf kam, zur Feier der Auferstehung Christi bunte Eier für Kinder zu verstecken, ist unklar. Dieser Aberglaube ist nur im deutschen Sprachraum verbreitet – in Frankreich etwa sollen Kirchenglocken Süßigkeiten verteilen. Neuerdings aber ist dort auch der Osterhase dank des Marketings von Schweizer Süßwaren-Konzernen auf dem Vormarsch: Das Produkt heißt dort allerdings nicht Lievre, sondern Lapin de Pâques, also Osterkaninchen.





















