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WM-Kandidatenturnier im Schach: Blübaum wartet noch auf die Fehler seiner Gegner – Sport | ABC-Z

Das Internet hatte seinen Spaß mit Matthias Blübaum. Als kurz vor Beginn des Kandidatenturniers eine Statistik die Runde machte, nach der der Deutsche im direkten Vergleich die beste Bilanz aller acht Teilnehmer aufweist, ging „The Great Bluebaum Sweep“ viral. Frei übersetzt: Matthias Blübaum würde über seine Gegner hinwegfegen, jede der vierzehn Partien gewinnen und am Ende dieses Jahres Schachweltmeister Gukesh Dommaraju herausfordern, der natürlich ebenso wenig eine Chance haben würde.

Ein Witz eben. Blübaum ist der klare Außenseiter, schon seine Qualifikation für das Kandidatenturnier war eine große Überraschung, der Sieg wäre eine Sensation, mindestens. Aber Humor hat er. Und so entschuldigte sich Blübaum nach seinem Remis in der ersten Runde beim Internet: „Ich habe den Great Bluebaum Sweep schon jetzt ruiniert.

Inzwischen sind vier Runden in Pegia an der Westküste Zyperns gespielt, dieser Donnerstag ist der erste von insgesamt vier Ruhetagen. Der Sieger steht Mitte April fest. Und die Bilanz von Blübaum ist bislang absolut ausgeglichen. Auf das Remis zum Auftakt gegen den Chinesen Wei Yi folgten weitere Punkteteilungen gegen Javokhir Sindarov aus Usbekistan, gegen Andrej Esipenko aus Russland und gegen Rameshbabu Praggnanandhaa aus Indien. „Bislang spielt er das ganz, ganz solide“, sagt Kevin Högy, der Sportdirektor des Deutschen Schachbundes (DSB), am Telefon. Blübaum liegt derzeit auf einem geteilten dritten Rang und ist neben Spitzenreiter Sindarov der einzige noch ungeschlagene Spieler.

Matthias Blübaum ist keiner fürs Rampenlicht

Strategisch scheinen der 28-Jährige und sein Team dabei dem Erfolgsrezept der vergangenen Monate zu folgen. Sowohl bei seinem zweiten Platz im Grand Swiss, durch den er sich für das Kandidatenturnier qualifiziert hatte, als auch bei seinem überzeugenden Auftritt im niederländischen Wijk aan Zee Anfang dieses Jahres agierte er eher zurückhaltend. Sein Motto: Das Risiko können schön die anderen eingehen. Blübaum selbst will erstens keine Fehler machen und zweitens die seiner Kontrahenten ausnutzen. Diese Spielweise führt auch nun in Pegia dazu, dass seine Partien in den anschließenden Highlight-Shows eher am Rande behandelt werden. Aber einer fürs Rampenlicht war Blübaum ohnehin nie.

„Es war ja klar“, sagt Högy, „dass Matthias keine Feuerwerke zünden würde.“ Und Bundestrainer Jan Gustafsson, der das Turnier für den Schachweltverband vor Ort kommentiert und analysiert, sagte auf seinem Youtube-Kanal, bislang schlage sich Blübaum „mehr als wacker“. Man werde sehen, wie das Turnier laufe, „wenn die Leute anfangen, mehr Risiko gegen ihn zu nehmen“.

Scheitert der Favorit Fabiano Caruana wieder am jüngsten Spieler des Feldes?

Eine gewisse Dringlichkeit in dieser Hinsicht könnte Fabiano Caruana, der große Favorit und Blübaums nächster Gegner, verspüren. Denn der erfahrene US-Amerikaner hat am Mittwoch seine Partie gegen den jungen Usbeken Javokhir Sindarov verloren. Zuvor hatten die beiden das Feld gemeinsam angeführt, mit je zwei Siegen aus den ersten drei Partien.

Caruana, 32, gehört seit vielen Jahren zur absoluten Weltspitze und spielt sein sechstes Kandidatenturnier in Serie. 2018 in Berlin triumphierte er bereits und scheiterte anschließend im WM-Finale (wie so viele Schachspieler seiner Generation) an Magnus Carlsen. Doch als dieser vor vier Jahren ankündigte, seinen Titel nicht länger verteidigen zu wollen, hielten viele Beobachter Caruanas Zeit endlich für gekommen. Aber weder 2022 noch 2024 war er stark genug, als es drauf ankam: beim Kandidatenturnier. Beim vergangenen Mal überflügelte ihn der damals 18-jährige Gukesh, und auch diesmal scheint ihm wieder der jüngste Teilnehmer des Feldes am gefährlichsten zu werden.

Javokhir Sindarov, hier bei der Schnell- und Blitzschachweltmeisterschaft im Dezember, hat gute Chancen, der nächste WM-Herausforderer zu werden.
Javokhir Sindarov, hier bei der Schnell- und Blitzschachweltmeisterschaft im Dezember, hat gute Chancen, der nächste WM-Herausforderer zu werden. Imago/Noushad Thekkayil

Javokhir Sindarov, 20, hat eine bemerkenswerte Entwicklung hingelegt. In den vergangenen zwölf Monaten verbesserte der Usbeke seine Elo-Punktzahl um mehr als 50 Punkte – auf diesem Niveau ein gigantischer Sprung. In der Live-Weltrangliste ist er inzwischen bis auf den sechsten Rang vorgedrungen. Für das Kandidatenturnier hat er sich vergangenen November durch den Gewinn des World Cups qualifiziert. Nie zuvor war ein Sieger jünger.

Sollte sich Sindarov nun bei diesem Kandidatenturnier, in dem noch zehn Runden zu spielen sind, tatsächlich durchsetzen können, dürfte seine Partie gegen Fabiano Caruana am Mittwoch in der Rückschau als vorentscheidender Moment gelten. Bemerkenswert war nicht nur, dass sich Sindarov mit den weißen Steinen durchsetzte, sondern vor allem wie. Caruana selbst sagte hinterher, dass Sindarov ihn in der Eröffnung „erwischt“ habe. Im Schach ist solch eine Aussage im Grunde gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, dass der Gegner besser vorbereitet war als man selbst. Und das wiederum dürfte Caruana bei solch einem Wettkampf zuletzt vor einer halben Ewigkeit passiert sein. Die detaillierte Kenntnis der Theorie ist eigentlich seine ganz große Stärke.

Doch diesmal war Sindarov stärker. Auch die anschließende Pressekonferenz der beiden war bezeichnend für das Kräfteverhältnis an diesem Tag. Caruana, sichtlich niedergeschlagen, setzte eher lustlos zur Analyse seines 16. Zuges an: „Ich schätze, Turm auf G8 war ein Fehler“, als ihm Sindarov auch schon ins Wort fiel: „Ja, Turm auf G8 ist ein großer Fehler. Schwarz muss stattdessen den Bauern auf D4 nehmen.“ Spätestens da schien Caruana jede Lust an der Nachbesprechung vergangen zu sein, er ließ die restlichen Ausführungen seines Gegners weitgehend regungslos über sich ergehen.

Als zum Abschluss der Pressekonferenz ein Journalist den jungen Usbeken fragte, ob er sich zutraue, Weltmeister Gukesh im anstehenden WM-Kampf zu besiegen, war das natürlich einerseits voreilig. Andererseits illustrierte es: Der Gejagte heißt fortan Javokhir Sindarov. Und Fabiano Caruana könnte am Freitag einen Sieg gegen Matthias Blübaum ziemlich gut gebrauchen.

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