Doku über Russland: Eine Gesellschaft, die in den Totalitarismus abgleitet | ABC-Z

Das Perfide am Unterdrückungssystem eines autoritären Staates ist nicht zwingend das, was passiert, sondern das, was jederzeit passieren könnte. Der Zustand der permanenten Angst und Ungewissheit ist das entscheidende Kontrollprinzip, nicht die letztendliche Ausführung. Als die russische Regierung im Jahr 2021 begann, neben Organisationen auch Einzelpersonen als ausländische Agenten einzustufen, fing sie nicht mit den bekanntesten Oppositionellen an, sondern mit einer willkürlichen Liste, die keine Logik aufwies. Die Botschaft war klar: Es kann jeden jederzeit treffen.
Das dazugehörige Gesetz existiert bereits seit 2012, wurde aber nur auf wenige NGOs angewendet. Erst ab dem Sommer 2021 kamen unabhängige Medien und Journalist:innen hinzu. Meist am Freitagabend wurden die neuen Namen veröffentlicht. Einmal auf der Liste, müssen nicht nur alle persönlichen Ausgaben an den Staat übermittelt werden. Zudem müssen jegliche öffentlichen Äußerungen mit einer Erklärung versehen werden, die darauf hinweist, dass man als ausländischer Agent tätig ist. Das gilt nicht nur für publizistische Veröffentlichungen, sondern auch für banale Posts auf Instagram oder Facebook.
Für die amerikanische Regisseurin Julia Loktev, die im damaligen Leningrad (heute St. Petersburg) geboren wurde und mit neun Jahren in die USA immigrierte, war das der Ausgangspunkt ihres Dokumentarfilms „My Undesirable Friends: Part I – Last Air in Moscow“, wie sie selbst erklärt: „Was mich an dieser Geschichte wirklich fesselte, war eine Gesellschaft, die begann, Menschen dazu zu zwingen, sich selbst als anders, als ‚nicht einer von uns‘ zu kennzeichnen – es war schwer, nicht an einen offensichtlichen historischen Präzedenzfall zu denken.“
„My Undesirable Friends: Part I – Last Air in Moscow“. Regie: Julia Loktev. USA 2024, 324 Min. Läuft auf Mubi
Herausgekommen ist ein rohes, unmittelbares und mit einer Spielzeit von fast 6 Stunden monumentales Zeitdokument, das eine Gesellschaft zeigt, die in den Totalitarismus abgleitet. Loktevs Film spielt in den letzten Wochen und Monaten, in denen noch so etwas wie eine unabhängige Zivilgesellschaft existierte, bevor Russland am 24. Februar 2022 seine Vollinvasion in der Ukraine begann. Alle Protagonistinnen (es werden ausschließlich Frauen begleitet) sind innerhalb einer Woche nach Kriegsbeginn aus dem Land geflohen. Insgesamt verließen seitdem über eine Million Menschen Russland.
Ihr gesamtes Leben unter Putin
Zu ihnen gehören auch die Mitarbeiter:innen des unabhängigen Fernsehkanals Rain TV, der mittlerweile von Amsterdam aus arbeitet. Über die Moderatorin Anna Nemzer, die auch als Co-Regisseurin des Films genannt wird, erhält Loktev Zugang zu einem Netzwerk unabhängiger Journalist:innen. Sie interessiert sich dabei weniger für ihre konkrete Arbeit als vielmehr für ihr alltägliches Leben.
Die meisten ihrer Protagonistinnen gehören zur Gen Z und haben nahezu ihr gesamtes Leben unter Putin verbracht. Sie tauschen sich über ihr Guilty Pleasure, die Netflix-Serie „Emily in Paris“ aus, verspotten Putin als Lord Voldemort und wollen schlicht Teil der (westlichen) Welt sein. Einige von ihnen wurden bereits als ausländische Agentinnen eingestuft. Die Angst, wie andere Kolleg:innen verhaftet zu werden, ist allgegenwärtig.
Loktev, die zuletzt das Drama „The Loneliest Planet“ (2011) mit Gael García Bernal drehte, verzichtet gänzlich auf Interviews oder Archivmaterial. Sie ist schlicht die Kamera, die immer und überall zugegen ist. Dabei verwendete sie ausschließlich ein iPhone. Eine so pragmatische wie kluge Entscheidung, da sie eine Intimität zulässt, wie sie mit einer professionellen Kamera (inklusive Filmteam) kaum möglich gewesen wäre.
Es ist verblüffend, mit wie viel Humor und Standhaftigkeit die Frauen ihren Ängsten und der staatlichen Repression begegnen. Gemeinsam feiern sie Silvester und stoßen auf ein neues Jahr ohne Putin an. In einer Szene fragen sie Loktev, ob ihr bewusst sei, dass sie gerade in einem Raum stehe, der sehr wahrscheinlich verwanzt ist.
Im Alleingang produziert, gefilmt und geschnitten
In einer anderen wird darüber gewitzelt, welche Unterhose man am besten tragen sollte, wenn frühmorgens die Polizei anrückt. Sie sollte nicht zu aufreizend sein, aber auch keinen verlotterten Eindruck machen. Am Ende, als die Journalistin Ira Dolinina zusammen mit Kolleg:innen aus dem Land flüchtet, scherzt sie im Auto darüber, dass sie im Februar Sommerklamotten eingepackt hat. Schließlich habe sie keine Hoffnung mehr.
Diese jungen Frauen tragen ein bewundernswertes Maß an Verantwortung und auch Scham in sich
Gleichzeitig tragen diese jungen Frauen ein bewundernswertes Maß an Verantwortung und auch Scham in sich. Bezeichnend dafür steht die damals erst 26-jährige Investigativjournalistin Alesya Marokhovskaya. Als am 24. Februar das passiert, von dem alle auch noch am Abend davor hofften, es würde nicht eintreten, richtet sie den Blick auf sich selbst: „Wahrscheinlich ist es unser aller Schuld. Wir haben 20 Jahre lang damit gelebt, und was wir getan haben, war nicht genug, um das zu verhindern.“
Julia Loktev hat ihren Film nahezu im Alleingang produziert, gefilmt und geschnitten. Ihr ist ein eindringliches und erschütterndes Werk gelungen, das jene Menschen zeigt, die ihre Freiheit riskierten, um das Leben in diesem finsteren Land nur ein wenig erträglicher zu machen. Im Verlauf dieses Jahres soll der zweite Teil erscheinen. Der Titel lautet „My Undesirable Friends: Part II – Exile“.
Mittlerweile leben alle Journalistinnen verstreut in Europa und den USA und versuchen weiterhin, über die Situation in Russland und den Krieg zu berichten. Und das ist vielleicht das Tröstlichste an der ganzen Tragik ihrer Geschichte: Sie können morgens aufstehen und einfach ihrer Arbeit nachgehen, ohne um ihr Leben zu fürchten.





















