Ruder-Klassiker Boat Race: Kölner Schwestern beim Schlagabtausch – Sport | ABC-Z

Morgens um 5.52 Uhr fährt die Bahn von Cambridge nach Ely, die Verbindung, sagt Mia Freischem, ist stadtbekannt. Denn das ist der tägliche Frühzug, den die Ruderer nehmen, um auf dem Flüsschen Great Ouse zu trainieren. Um neun Uhr sind sie zurück, pünktlich zum Vorlesungsbeginn. Ungefähr zur selben Zeit sitzt Lilli Freischem in Oxford in einem Minibus, das Bootshaus in Wallingford liegt zwanzig Autominuten entfernt. Rudern ist Tradition an den Universitäten Oxford und Cambridge, ein zivilisierter Studentensport. Jedenfalls bis zu dem Frühlingstag, an dem jedes Jahr die Rivalität der beiden Eliteunis eskaliert: im Boat Race, dem gnadenlosen Schlagabtausch auf der Londoner Themse, der keine Freunde und Verwandten kennt.
Das erste Boat Race zwischen Oxford und Cambridge wurde 1829 ausgerufen, es war eine männliche Angelegenheit. Studentinnen steigen seit 1927 in den Achter. Und dass sich zwei Schwestern mit Ruderblättern duellieren, ist, sofern man den Annalen vertraut, erst einmal vorgekommen: vor mehr als zwanzig Jahren, als die Frauenrennen noch auf einen Nebenschauplatz bei Henley-on-Thames verbannt waren, was sich erst 2015 änderte. Lilli und Mia Freischem, geboren in Köln, sind die ersten Schwestern, die am Samstag, wie die Männer, auf dem berühmten Stadtkurs zwischen Putney Bridge und Mortlake zu den Riemen greifen, wenn Hunderttausende am Ufer stehen werden. Entsprechend groß ist das Medieninteresse. Lilli Freischem, 26, rudert im dunkelblauen Oxford-Achter, Mia Freischem, 24, im hellblauen Cambridge-Boot. „Historisch“ nennt die Londoner Times die Freischem-Familienregatta.
Superlative sind ausnahmsweise angebracht bei dem alljährlichen Kräftemessen in kippeligen Langbooten auf fließendem Gewässer mit Tidenhub, entstanden aus einer akademischen Schnapsidee. Ausgetragen wird das Boat Race bei Wind und Wetter. Flussaufwärts. Auf einer absurd schwierigen doppelten Schleife über 6,8 Kilometer Distanz. Es hat schon Jahre gegeben, als die Achter untergingen.
Das Rennen ist 43 Jahre älter als das englische Fußball-Cupfinale, 67 Jahre älter als die modernen Olympischen Spiele, und über den Ausgang wird auf der Insel penibel Buch geführt: Bei den Männern gewann Oxford von 170 Rennen 81, Cambridge 88 (dazu kommt ein Unentschieden, anno 1877). Bei den Frauen ist Cambridge seit Jahren ungeschlagen und führt 49:30. Niemand, so heißt es im Team von Mia Freischem, will am Riemen sitzen, wenn diese Serie reißt. Schon gar nicht Mia Freischem – auch wenn sie der „größte Fan“ ihrer Schwester ist. „Sobald wir am Start stehen“, sagt sie, „denkt man nur noch an das Rennen und daran, für sein Boot Bestleistung zu bringen.“ Es gibt keinen zweiten Platz in diesem archaischen Format: Der Verlierer ist Letzter. Auch das lernt man in Oxford und Cambridge im ersten Semester.
Sie entschlossen sich in der Pandemie, es mit Rudern zu probieren – und belegten einen Anfängerkurs
Dass Lilli und Mia Freischem je einen Platz in den Booten eroberten, ist insofern erstaunlich, als sie erst seit fünf Jahren rudern. Sie fingen nicht auf dem Rhein, sondern auf dem Ergometer in Edinburgh damit an. Beide gingen nach dem Abitur zum Studieren zunächst nach Schottland. Erst Lilli, die Ältere, die inzwischen Doktorandin in atmosphärischer Physik ist. „Wir versuchen zu verbessern, wie wir Wolken in Klimamodellen darstellen“, sagt sie, wenn sie ihr Forschungsgebiet so knapp wie möglich zusammenfasst. Mia, die Jüngere, folgte ihr nach. Sie studierte in Edinburgh zunächst Biochemie und promoviert nun in der Grundlagenforschung für Nierentransplantationen. Zum Rudern, sagt sie, seien sie zufällig gekommen, „weil es damals, zu Beginn der Corona-Pandemie, eine der wenigen Sportarten war, die man machen konnte“. Sie belegten einen Unisport-Anfängerkurs.
Lilli Freischem wechselte kurz darauf nach Oxford, nicht ahnend, dass sie bald in dem berühmten Blue Boat sitzen würde. Überhaupt wusste sie wenig über Oxfords glorreiche Regattageschichte, wie sie lachend erzählt: „Als ich mich für die Promotion bewarb, habe ich mich mit Mia unterhalten und gesagt: Ach ja, ich glaube, die haben auch ein ganz gutes Ruderteam.“ Vielleicht könne sie da ja weitermachen, zum Spaß.
Der Spaß ist durchgetaktet an sechs Tagen pro Woche in Oxford. Im Cambridge University Boat Club wird an sieben Tagen trainiert, „aber dafür haben wir zweimal morgens frei“, sagt Mia Freischem. Die erste Einheit beginnt vor dem Studium, die zweite um 17.30 Uhr, wenn alle aus den Hörsälen, Laboren und Kliniken kommen: „Um halb acht ist man zu Hause und dann auch bald im Bett.“ Um fünf Uhr geht’s von vorne los.

Nicht alle halten diese akademisch-athletische Doppelbelastung durch. Die große Gruppe aus rund achtzig Ruderinnen, die sich im Frühherbst bei den University Clubs meldet, schrumpft bis November, wenn es um die Auswahl für die Achter geht, um weit mehr als die Hälfte. Wer es nicht ins Blue Boat schafft, kann sich für die Ersatzboote qualifizieren, die ebenfalls Rennen austragen. Lilli Freischem ruderte zweimal in der Reserve, ehe sie im vergangenen Jahr erstmals im Paradeboot am Start in Putney saß – neben Heidi Long, die 2022 Weltmeisterin wurde und 2024 für den britischen Achter Olympiabronze gewann. Eine von Mia Freischems Teamkolleginnen ist dieses Jahr Antonia Galland, Mitglied des deutschen U23-Nationalteams aus Essen, eine andere Camille Vandermeer, ebenfalls Weltmeisterin.
Es gibt keine Stammplatzgarantie in diesem Rennen mit einzigartigen Anforderungen. Die Themse ist keine Regattastrecke mit Bahnen. Es wird neben- oder hintereinander gerudert, es gibt Kurven mit taktischen Vorteilen, es gibt Regeln. Voriges Jahr musste der Frauen-Achter neu gestartet werden, weil die Boote manövrierunfähig wurden: Sie kamen sich so nahe, dass sich die Ruderblätter gefährlich verhakten.
Alles kann passieren am Karsamstag um 14.21 Uhr britischer Zeit, wenn der Startschuss für ein Duell fällt, das David und James Livingston „Blut über Wasser“ nannten. Die Brüder waren 2003 im Boat Race der Männer gegeneinander angetreten und haben ein Buch über ihre Rivalität geschrieben. Lilli und Mia Freischem hingegen wissen jetzt schon, dass sie später an ein schönes gemeinsames Erlebnis zurückdenken werden. Und die Familie kann am Ufer der Themse beide anfeuern. Die Töchter haben Shirts ihrer Klubs gekauft, hellblau und dunkelblau, auseinandergeschnitten und die Hälften neu zusammengenäht. „Eine von uns beiden wird ohnehin gewinnen“, sagen sie.





















