Zwei Jahre nach der Cannabis-Legalisierung ziehen Forscher Zwischenbilanz – Gesundheit |ABC-Z

Zwei Jahre ist es jetzt her, dass die Ampelregierung den Konsum von Cannabis in Teilen legalisiert hat. Zuvor hatte es heftige Debatten gegeben. Wie würde sich die Freigabe der Droge auswirken? Noch mehr Abhängige und Suchtkranke? Dafür weniger Kriminalität? Um die Fragen seriös zu beantworten, hat die damalige Regierung mit dem Gesetz eine wissenschaftliche Evaluation in Auftrag gegeben. Nun, nach zwei Jahren, liegt wie geplant der zweite Bericht des Forschungsprojekts „Evaluation des Konsumcannabisgesetzes“ (Ekocan) vor, das am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), der Universität Tübingen und der Universitätsmedizin Düsseldorf angesiedelt ist. Der dritte und abschließende Bericht soll im April 2028 folgen.
Manche Ziele des Gesetzes seien erreicht worden, resümieren die Autorinnen und Autoren in ihrem 222 Seiten langen Zwischenbericht. So gibt es erheblich weniger Delikte rund um die Beschaffung von Cannabis, und Konsumenten beziehen Cannabis oftmals aus legalen Quellen. Das ist grundsätzlich positiv. Allerdings sind damit auch zwei fragwürdige Nebeneffekte verbunden. So wird der Ekocan-Analyse zufolge die Organisierte Kriminalität schlechter verfolgt als vor der Legalisierung. In Befragungen gaben Polizistinnen und Polizisten an, dass es für sie nun schwieriger geworden sei, illegale Händler zur Rechenschaft zu ziehen. Denn angesichts der mit 25 Gramm erheblichen Menge an Cannabis, die Konsumenten legal besitzen dürfen, sind Dealer oftmals nur schwer von Konsumenten zu unterscheiden.
Zudem beziehen Konsumenten ihr Cannabis inzwischen häufig über Online-Apotheken, welche die Droge eigentlich nur zu medizinischen Zwecken abgeben dürfen. Zuletzt war jedoch immer klarer geworden, dass dort keineswegs nur Patienten bestellen. Denn die importierte Menge an Medizinalcannabis hat sich seit der Legalisierung fast verdreifacht. Deutschland habe so „den größten legal-kommerziellen Markt für Cannabis in Europa geschaffen“, sagt Jakob Manthey, Koordinator von Ekocan und Arbeitsgruppenleiter am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung des UKE, laut einer Pressemitteilung. Das sei auch deshalb ein Problem, weil die in Apotheken gehandelten Cannabisblüten einen überdurchschnittlich hohen Gehalt an dem berauschenden Wirkstoff THC haben. Die Nutzung dieser hochpotenten Blüten sei mit einem erhöhten Risiko psychischer Probleme verbunden, warnt Manthey: „Sie sollten daher nicht regelhaft verschrieben werden.“
Höchstmenge für THC und Werbeverbot
Außerdem wird das Medizinalcannabis zum Teil aggressiv und rechtswidrig beworben. Es haben sich Netzwerke gebildet, über die man ohne Probleme die nötigen Rezepte beziehen kann. Das Ekocan-Team regt an, das Werbeverbot konsequent durchzusetzen und einen Höchstwert an THC in Medizinalcannabis festzulegen.
Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat bereits einen Entwurf für eine Gesetzesnovelle erarbeitet – allerdings geht es darin nur darum, dass Rezepte künftig nur noch im persönlichen Kontakt ausgestellt werden dürfen. Die Ekocan-Forschenden sehen jedoch weiteren Handlungsbedarf, etwa bei den Cannabis Social Clubs, in denen Mitglieder laut Gesetz gemeinsam Cannabis anbauen dürfen. Dieses Konzept funktioniere bisher nicht, kritisiert der Bericht, denn es seien bisher kaum solche Clubs genehmigt worden. Laut Jakob Manthey sollten „Anbau und Weitergabe von Cannabis in Anbauvereinigungen gestärkt werden, damit das Ziel der Schwarzmarktverdrängung erreicht werden kann“.
Erfolgreich ist hingegen offenbar die Investition der Regierung in Aufklärung: „Unter Jugendlichen scheint es ein ausgeprägtes Risikobewusstsein für die Gesundheitsgefahren von Cannabis zu geben, und bestehende Präventionsangebote – zum Beispiel in Schulen und sozialen Medien – werden von ihnen auch in Anspruch genommen“, sagt Daniel Kotz, Mitglied des Ekocan-Teams und Leiter des Düsseldorfer Schwerpunkts Suchtforschung und klinische Epidemiologie, in einer Pressemitteilung. So hat die Zahl der Konsumenten entgegen vielfach geäußerter Befürchtungen bisher auch nicht zugenommen – weder unter Erwachsenen noch unter Jugendlichen. Dies erklären die Autoren damit, dass der Cannabiskonsum in Deutschland schon seit Jahren hoch ist und es auch vor der Legalisierung keine großen Schwierigkeiten gab, an die Droge heranzukommen. Die Legalisierung hat den Konsum somit zwar legaler gemacht, jedoch nicht viel leichter.
Aber auch wenn der Anteil der Konsumierenden offenbar nicht steigt: Diejenigen, die kiffen, zeigen häufiger einen problematischen Konsum. Dies gelte vor allem für junge Erwachsene, konstatieren die Autoren des Berichts. Sie verweisen auf eine Pilotstudie der Bezirkskliniken Schwaben. Diese hatten im vergangenen Jahr eine Zunahme an psychischen Störungen infolge von Cannabis um 46 Prozent und eine Zunahme von Cannabis-induzierten Psychosen um 78 Prozent festgestellt.
Diese Zunahme ist womöglich zum Teil auf eine höhere Aufmerksamkeit der Ärztinnen und Ärzte für Cannabis-Probleme zurückzuführen. Es gebe jedoch verschiedene Hinweise auf unerwünschte Entwicklungen, sagte Eva Hoch, die Leiterin der Forschungsgruppe Cannabinoide am Klinikum der Universität München, die nicht zum Ekocan-Team gehört, dem Science Media Center. „Eine höhere Verfügbarkeit, Entkriminalisierung und gesellschaftliche Akzeptanz nach der Teillegalisierung könnten bei Konsumerfahrenen den Übergang vom regelmäßigen zu einem problematischen oder abhängigen Cannabisgebrauch begünstigen“, so Hoch. Umso wichtiger sei es, dass die Bemühungen um Prävention und frühe Hilfsangebote bei problematischem Gebrauch auch in Zukunft nicht nachlassen.
Doch gerade solche Angebote werden seit der Legalisierung weniger in Anspruch genommen. Dies liegt zwar vornehmlich daran, dass wegen der Entkriminalisierung der Konsumenten niemand mehr von Polizei und Justiz dazu gezwungen wird, Frühinterventionsprogramme aufzusuchen. Doch umso mehr müsse für eine gezielte Ansprache getan werden, sagt Hoch: „Viele junge Erwachsene erkennen ihren Hilfebedarf nicht und meiden Suchtberatungen, weil sie sich selbst nicht als ,Süchtige‘ wahrnehmen.“
Das Bild nach zwei Jahren Cannabis-Legalisierung sei somit insgesamt gemischt, folgert Eva Hoch. Sie weist zwar, ähnlich wie weitere Experten, darauf hin, dass die tatsächlichen Auswirkungen einer Legalisierung auf die verschiedenen Bereiche zwischen Kriminalität, Konsumverhalten und Gesundheitsgefahren erst nach fünf bis zehn Jahren sichtbar würden. Dennoch rät sie dazu, die Entwicklung weiterhin intensiv im Auge zu behalten und bereits jetzt nachzujustieren: vor allem beim Jugend- und Gesundheitsschutz.





















