Lungenkrebsscreening für Raucher in Deutschland startet im April – Gesundheit |ABC-Z

Langjährigen Zigarettenrauchern wird von 1. April an eine jährliche Früherkennungsuntersuchung auf Lungenkrebs angeboten. Die Untersuchung ist freiwillig und wird von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlt. Sie steht allen Menschen offen, die zwischen 50 und 75 Jahre alt sind und mindestens 25 Jahre lang stark geraucht haben. Stark heißt in diesem Fall, dass 15 oder mehr sogenannte Packungsjahre zusammengekommen sind. Das sind die täglich konsumierten Packungen multipliziert mit den Jahren, in denen geraucht wurde. Auf diesen Wert kommt beispielsweise, wer 15 Jahre lang täglich eine Schachtel verbraucht. Ehemalige Raucher können an der Untersuchung teilnehmen, wenn sie seit weniger als zehn Jahre abstinent sind.
Etwa 5,5 Millionen Menschen in Deutschland dürften für das Screening infrage kommen, sagte Torsten Gerriet Blum von der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin auf einer Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin.
Was haben sie genau zu erwarten? Zunächst einmal ein paar Anlaufschwierigkeiten: Das Screening werde nicht sofort flächendeckend verfügbar sein, warnt die Pneumologengesellschaft. Wenn das Programm dann aber läuft, beginnt die Untersuchung mit dem Gang zum Hausarzt. Er wird die geeigneten Patienten an eine radiologische Praxis oder Klinik überweisen.
Dort werden sich die Teilnehmer in einen Computertomografen legen, der Bilder von ihrer Lunge anfertigt. „Die Aufnahme dauert nur wenige Sekunden“, erläuterte Jörg Barkhausen, Direktor der Klinik für Radiologie und Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck, während der Pressekonferenz. Was dann passiert, hängt von den Bildern ab.
„In der Summe sehen wir mehr Nutzen als Schaden.“
Von 1000 Menschen, die durchs Screening gehen, werden im Durchschnitt ungefähr 800 Entwarnung bekommen. Ihre Lungen werden keine Auffälligkeiten zeigen, wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) auf der Basis vorangegangener Studien bilanziert. Die Aufnahmen der restlichen 200 Teilnehmer werden nicht eindeutig sein. An dieser Stelle wird ein zertifiziertes Lungenkrebszentrum zur Überprüfung der Aufnahmen hinzugezogen. Manche Untersuchungsteilnehmer werden dann in einigen Monaten zum Kontroll-CT einbestellt. Ungefähr 26 von den ursprünglichen 1000 Teilnehmern wird eine Gewebeprobe aus der Lunge entnommen.
Am Ende werden etwa zwölf von den 1000 Geröntgten die gefürchtete Diagnose bekommen: Lungenkrebs. Nicht jeder von ihnen wird einen lebensbedrohlichen Tumor haben, nicht jeden wird man heilen können. Aber für fünf aus der 1000er-Gruppe dürfte das Screening zum Lebensretter werden. Ihr Krebs wird so früh entdeckt werden, dass er geheilt werden kann.
Dieser Gewinn – fünf gerettete Leben pro 1000 Untersuchungen – ist das, was Fachleute aus Radiologie, dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem IQWiG überzeugt hat. Denn er bedeutet: „In der Summe sehen wir mehr Nutzen als Schaden“, wie IQWiG-Wissenschaftler Stefan Sauerland auf einem Pressegespräch des Science Media Center bilanzierte.
Schaden kann zum einen durch Ungenauigkeiten der Untersuchungen entstehen. Prinzipiell ist das Verfahren recht zuverlässig. Sauerland geht davon aus, dass es deutlich mehr als 90 Prozent der Krebsfälle auch erkennt. Es wird aber auch Fehlalarme erzeugen. 14 von jenen 1000, die die Untersuchung antreten, werden sich einer Biopsie unterziehen, die sich im Nachhinein als überflüssig herausstellt. Sie werden in Sorge versetzt, die sich erst später als unbegründet erweist.
Weitere sieben von den anfänglich 1000 Menschen werden eine sogenannte Überdiagnose erhalten. Bei ihnen wird zwar korrekterweise Krebs festgestellt, allerdings werden dies Tumore sein, die wahrscheinlich nie Probleme bereitet hätten, weil sie nur sehr langsam oder gar nicht wachsen. Solche Überdiagnosen können zu unnötigen und prinzipiell riskanten Behandlungen führen.
Zudem geht jede Untersuchung im CT-Scanner mit einer Strahlenbelastung einher. Sie liege bei etwa 0,8 Millisievert, sagt Jörg Barkhausen unter Berufung auf eine vorangegangene Studie. Das entspreche der Dosis, der man bei vier Hin- und Rückflügen in die USA durch die Höhenstrahlung ausgesetzt ist. Wenn man auch hierbei auf 1000 Untersuchte schaut, werden nach 25 jährlichen Untersuchungen etwa zwei von ihnen Krebs aufgrund der Strahlung bekommen.
120 Millionen Euro könnte das Screening pro Jahr kosten
Das ist nach Einschätzung von Fachleuten für Menschen mit einem hohen Risiko für Lungenkrebs vertretbar. Bei den anderen fällt die Nutzen-Schaden-Abwägung nicht so günstig aus. Daher wird das Screening auf die starken Raucher beschränkt.
Die Kosten für die gesetzliche Krankenversicherung sind noch nicht klar. Eine Schätzung gehe von 120 Millionen Euro pro Jahr aus, das halte er für realistisch, sagt Sauerland. Rudolf Kaaks, Leiter der Abteilung Epidemiologie von Krebserkrankungen am Deutschen Krebsforschungszentrum, verweist darauf, dass sich das Screening in anderen Ländern wie der Schweiz oder den Niederlanden als kostengünstig erwiesen hat. Das heißt, der Preis bewegt sich im Rahmen dessen, was üblicherweise für gewonnene Lebenszeit ausgegeben wird.
Der Aufwand für Mediziner ist nicht klein, sie müssen geschult und ihre Geräte zertifiziert werden, was noch nicht überall geschehen ist. Längerfristig aber rechnen Radiologen damit, dass es genügend Kapazitäten für die Untersuchungen geben wird. Befürchtet wird eher das Gegenteil: Dass ein Großteil der gefährdeten Menschen die Untersuchung nicht in Anspruch nimmt. „Es wird nun darauf gehofft, dass Ärzte ihre Patienten auf das Screening ansprechen. Besser aber wäre, wenn es regelmäßige Einladungsschreiben gibt wie bei der Mammografie“, sagt Kaaks.
Wie sich das Programm am Ende bewährt, ist nicht abzusehen. Das gilt auch für eine zweite Hoffnung, die daran geknüpft ist: Dass es manche der Teilnehmer dazu animiert, mit dem Rauchen aufzuhören. Sicher ist, so schreibt das DKFZ: „Die wichtigsten Maßnahmen, um Lungenkrebs nachhaltig einzudämmen, sind eine konsequente Tabakkontrollpolitik sowie Angebote, um Raucherinnen und Raucher beim Rauchstopp zu unterstützen.“




















