Die Kunst der Woche: Weg mit den Gefühlen | ABC-Z

L oad-Bearing“ hat Galerist Kai Müller die erste Gruppenausstellung in seinen neuen Berliner Räumen genannt, „belastbar“, „tragfähig“ also. Aber welche Last gilt es zu tragen? Wenn man sich umsieht im Charlottenburger Ladenlokal, bleibt man vielleicht an der Säule hängen, die Göksu Baysal hineingestellt hat: übereinandergestapelte Olivenölkanister mit einer Keramik als Kopf. Nicht sehr stabil wirkt das, eher provisorisch.
Baysal, in Ankara geboren, heute, wie die beiden mit ihm in der Ausstellung vertretenen Künstlerinnen, in Berlin lebend, arbeitet mit Objekten, die er auf täglichen Wegen oder Reisen findet. Seine Fotografien, von denen vier zu sehen sind, scheinen auf ähnliche Weise zu entstehen.
Auch die französisch-bosnische Künstlerin Marina Stanimirović benutzt Alltagsgegenstände, Fotos sowie Text und fügt sie zu Installationen zusammen, die Persönliches mit kulturgeschichtlich Aufgeladenem und scheinbar Banalem verbindet. Allerlei Metallteile, auf denen Fotografien, analoge wie digitale kleben, lehnen da etwa an einer vorhangartigen Folie. Streckt man sich etwas, kann man ganz oben ein Schwarz-Weiß-Bild sehen, auf dem Stanimirovićs Großvater einen Handstand vollführt. Bückt man sich, liegen da Herzchen aus Autoscheinwerferteilen vom Schrottplatz.
Göksu Baysal, Yasmin Nebenführ und Marina Stanimirović: „Load-Bearing“. Müller Contemporary, bis 25. April
Thomas Radin: „Echoes of Ka“. Esther Schipper, bis 18. April
Überhaupt das elende Herz: Auf zur Wandarbeit aneinandergefügten Metallregalbrettern hat sie „Stay professional“ geritzt und anschließend mit grüner Sprühfarbe wieder durchgestrichen. Der zweite Teil des stereotypen Vorwurfs an vermeintlich zu gefühlsbetonte Frauen wurde zum Titel der Arbeit: „Don’t be so emotional“.
Yasmin Nebenführ „Untitled (XIII)“, 2025 bei Müller Contemporary
Foto:
Adrian Escu
Als dritte steuert die Australierin Yasmin Nebenführ zwei Leuchtkästen bei: großgezogene schimmelige Dias vom Flohmarkt, aufgenommen in einem Museum mit römischen Artefakten.
Die Schau ist Ein- und Ausblick in das Programm von Müller Contemporary. Die Galerie firmierte seit 2022 unter dem Namen UNTILED Gallery in Sofia, auch in Berlin soll der Fokus auf Kunst aus Südosteuropa liegen.
Immer in Bewegung
Dass Thomas Radin, geboren in Guadaloupe, aufgewachsen in Frankreich, ausgebildeter Tänzer und Choreograf ist, merkt man seiner Kunst an. Immer wieder sind Füße, die sich strecken und dehnen, auf seiner Malerei zu sehen, oder Hände, die sich irgendwo abzustützen scheinen.
Thomias Radin, „Echoes of KA“, bei Esther Schipper
Foto:
Andrea Rossetti; Courtesy the artist and Esther Schipper, Berlin/Paris/Seoul
Benannt hat Radin seine Ausstellung bei Esther Schipper nach dem altägyptischen Konzept des Ka, einer unsichtbaren Lebenskraft, die den physischen Tod des Menschen, Zeit und Raum also überdauert. In kreolischen Sprachen wiederum zeigt „ka“ als grammatikalisches Element Handlungen im Verlauf an. Energie, Bewegung darum geht es ihm.
Dazu passen die holzgeschnitzten Feuerpferde, Symboltiere des chinesischen Horoskops 2026, des Torbogens, durch den man die Ausstellung betritt. Auch da bleibt Radin aber nicht im Hier und Jetzt stehen: Am Ausgang warten bereits die Feuerziegen, mit denen es 2027 weitergeht.





















