Viele unbelegte Ernährungsmythen für Krebserkrankte im Umlauf | ABC-Z

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Im Netz kursieren verschiedene Behauptungen, wie an Krebs Erkrankte sich am besten ernähren sollten. Doch weder fürs Fasten, den Verzicht auf Zucker oder säurehaltige Lebensmittel gibt es Evidenz, dass es wirklich hilft.
“Du fütterst den Krebs” – Behauptungen wie diese gibt es viele: In den sozialen Netzwerken und auf Videoplattformen erreichen sie Zehntausende Aufrufe, zudem sind zahlreiche Bücher über die vermeintlich beste Ernährung für Krebserkrankte erschienen. Doch aus wissenschaftlicher Sicht sind viele solcher Ernährungsaussagen nicht haltbar.
Tumorzellen ernähren sich nicht nur von Zucker
Betroffene sollen keinen Zucker mehr essen, ist eine Behauptung, die sehr weit verbreitet ist. Die Idee dahinter: Da sich die Tumorzellen von Glukose (Traubenzucker) ernähren, entzieht man ihnen dadurch die Grundlage und sorgt dafür, dass sie quasi verhungern. Allerdings ist das falsch, sagt Diana Rubin, Leiterin des Zentrums für Ernährungsmedizin der Vivantes-Kliniken und Expertin der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM).
“Tumorzellen können sich nicht nur von Zucker ernähren, sondern auch von anderen Substraten”, sagt Rubin. So könnten Tumorzellen auch auf Eiweiß, Fett, Laktat oder Ketonkörper zurückgreifen, sollten sie keinen Zucker bekommen. Auf Zucker zu verzichten sorge somit nicht dafür, dass die Tumorzellen nicht weiter wachsen können.
Das gelte auch für den Verzicht auf Kohlenhydrate, der ebenfalls häufig propagiert wird. Die sogenannte ketogene Diät ist eine extrem kohlenhydratarme, fettreiche Ernährungsweise, die in den sozialen Netzwerken und in Büchern oft bei einer Krebserkrankung empfohlen wird. Doch auch hier gibt es bislang keine belastbaren wissenschaftlichen Belege für einen Nutzen.
Ketogene Diät wird nicht empfohlen
So heißt es in dem Leitlinienprogramm Onkologie, dass die ketogene Diät nicht empfohlen werden soll – weder mit dem Ziel der Verbesserung der Lebensqualität, noch bei einzelnen Tumorarten. In einer Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRIO) in der Deutschen Krebsgesellschaft steht, dass keine wissenschaftlichen Untersuchungen vorliegen, die belegen, dass eine ketogene oder kohlenhydratarme Diät die Wirksamkeit einer Chemo- und/oder Strahlentherapie verbessert.
Eine ketogene Diät birgt sogar Risiken, sagt Rubin. “Die ketogene Diät ist eine extreme Ernährungsform und schränkt die Lebensqualität stark ein. Zudem besteht das Risiko für Mangelerscheinungen und Gewichtsverlust.” Oftmals sei der Körper durch die Tumorerkrankung geschwächt und auch die Nahrungszufuhr vermindert, so dass ein Gewichtsverlust vorliege. Dann sei es wichtiger, nicht noch mehr Gewicht zu verlieren, als penibel darauf zu achten, nur bestimmte Lebensmittel zu sich zu nehmen.
Gefahr von Gewichtsverlust
Denn ein Gewichtsverlust kann schwerwiegende medizinische Folgen für die Patienten haben, heißt es im Leitlinienprogramm Onkologie: “Die in den Publikationen berichteten Gewichtsabnahmen liegen alle im Bereich der Definition der Mangelernährung bei Tumorpatienten. Eine Mangelernährung ist nachweislich mit einer schlechteren Verträglichkeit der Tumortherapie und einer teilweise deutlichen Verschlechterung der Prognose assoziiert.”
Ähnlich sieht es beim Thema Fasten aus, sagt Rubin. Auch das werde oftmals fälschlicherweise empfohlen. “Es gibt keinen Wirksamkeitsnachweis, dafür besteht aber die Gefahr eines starken Kaloriendefizits und einer Mangelernährung.” Im Leitlinienprogramm Onkologie steht, dass keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit von Fasten unter laufender Tumortherapie bei Patienten mit einer onkologischen Erkrankung vorliegen.
Auch in einer Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRIO) in der Deutschen Krebsgesellschaft heißt es, dass das Fasten vor, während und nach der Chemotherapie auf Grundlage der bisherigen Studienergebnisse für Krebspatienten unter einer Therapie mit keinen Vorteilen, aber mit erheblichen Risiken assoziiert ist.
Basische Ernährung hat keinen Nutzen
Ebenfalls wird vielfach die Behauptung aufgestellt, eine basische Ernährung würde bei einer Krebserkrankung helfen. Bei der Ernährungsform sollen basenbildende Lebensmittel gegessen und säurebildende Lebensmitteln gemieden werden. Die Idee dahinter ist, den Körper vor “Übersäuerung” zu schützen. Allerdings ist diese Annahme wissenschaftlich nicht haltbar, sagt Rubin.
“Der pH-Wert in unserem Blut ist extrem stark reguliert und liegt immer zwischen 7,35 und 7,45. Dafür sorgen im Wesentlichen die Nieren”, sagt sie. Der pH-Wert gibt an, wie sauer oder basisch das Blut im Körper ist. “Den pH-Wert im Blut mit der Ernährung zu verändern geht nicht. Und dass das dann noch bei den Tumorzellen ankommt, ist einfach Quatsch.”
Warnung vor hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln
Auch Antioxidantien werden immer wieder erwähnt, wenn es um vermeintliche Ernährungsweisen geht, die den Krebs besiegen könnten. Antioxidantien schützen die Körperzellen vor freien Radikalen und oxidativem Stress. Es gibt körpereigene Antioxidantien, zudem können sie über die Nahrung aufgenommen werden, beispielsweise besitzen mehrere Vitamine antioxidative Eigenschaften. Hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel werden daher immer wieder beworben.
Ein zusätzlicher Nutzen hochdosierter Antioxidantien während einer Krebstherapie ist nicht belegt, sagt Rubin. “Wir sollen natürlich gesunde, natürliche Lebensmittel zu uns nehmen und die werden sicherlich auch keinen Krebswachstum fördern oder auslösen. Aber die Nahrungsergänzungsmittel haben in der Regel sehr hohe Dosen.” Das könne sogar dazu führen, dass die Therapie gegen den Tumor schlechter wirke. “Deshalb muss man immer aufpassen, dass die Nahrungsergänzungsmittel am Ende nicht sogar das Gegenteil von dem bewirken, was man sich eigentlich von ihnen erhofft hat.”
“Patienten haben keine Schuld an Krebserkrankung”
Dass sich so viele Ernährungsmythen rund um das Thema Krebs halten, hat aus Sicht von Rubin vor allem zwei Gründe. Zum einen erhofften sich die Patienten durch veränderte Ernährungsweisen eine höhere Chance im Kampf gegen die Krankheit und seien daher anfälliger auch für falsche Heilsversprechen. “Ein weiterer großer Faktor ist die Schuldfrage. Viele Patienten fragen sich, ob ihre Lebensweise vielleicht Schuld an der Erkrankung ist und sind deshalb auch zu radikalen Einschnitten bereit. Doch hier ist es wichtig, die Menschen zu entlasten, denn niemand hat Schuld an seiner Krebserkrankung.”
Wenn Patienten ihrem Körper etwas Gutes tun wollen, dann sollten sie versuchen, sich jeden Tag ein bisschen zu bewegen und sich ausgewogen zu ernähren. “Wir wollen ja die gesunden Zellen mit guten Substraten ernähren. Und dazu gehören Proteine, Kohlenhydrate und Fette. Das braucht unser Körper.” Der Stellenwert der Ernährung mit Blick auf die Heilungschancen sei jedoch deutlich geringer, als es in den sozialen Netzwerken oftmals suggeriert werde.






















