Wirtschaft

Nur seriöse PV lohnt – immer: “Wir als Solarhandwerk hätten gerne auf den Solar-Boom verzichtet” | ABC-Z

Nur seriöse PV lohnt – immer“Wir als Solarhandwerk hätten gerne auf den Solar-Boom verzichtet”

29.03.2026, 07:11 Uhr

Eine Solaranlage gehört aufs Süddach? Das war einmal, sagt das Solarhandwerk. (Foto: picture alliance / ROBIN UTRECHT)

Der große Solar-Boom in deutschen Eigenheimen ist vorbei. Gut so, sagt das Solarhandwerk. Denn nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde auf deutschen Dächern viel Schindluder getrieben. “Es wurden viele Anlagen verkauft”, sagt Peter Knuth vom Bundesverband des Solarhandwerks im “Klima-Labor” von ntv. Bei Montage und Installation folgte das böse Erwachen. “Letztlich kann jeder Mensch Module aufs Dach schrauben, der sich hinauftraut.” Nach vier Jahren ruinösem Preiskampf stehen viele Handwerksbetriebe vor einer unsicheren Zukunft. Die geplante Abschaffung der Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen hat damit nichts zu tun. “Solartechnik ist inzwischen so günstig, dass man alle Flächen wirtschaftlich nutzen kann – in Süd- und Norddeutschland”, sagt Knuth. Das gilt nicht für die grüne Gas- oder Ölheizung: “Dieses Pferd ist totgeritten.”

ntv.de: Wie viele deutsche Dächer sind inzwischen mit Solaranlagen bestückt?

Peter Knuth: Das ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. Im Süden gibt es eine hohe Verbreitung. Dort hat man 10 bis 15 Prozent mehr Sonnenertrag. Deshalb hat der Solar-Boom dort bereits Anfang der 2000er begonnen. Inzwischen dürfte die Solardichte deutschlandweit zwischen 10 und 25 Prozent liegen.

Jedes vierte Haus in Süddeutschland hat eine Solaranlage?

Ungefähr.

Peter Knuth
Als Kunde wird man im Internet mit unseriösen Anzeigen überschüttet, warnt Peter Knuth vom Bundesverband des Solarhandwerks (BDSH). (Foto: BDSH)

Im Norden lohnt es sich aber auch?

Definitiv. Früher musste man fast das Zehnfache für ein Solarmodul bezahlen und scharf nachrechnen, ob der Ertrag ausreicht. Man hat nur das optimal geeignete Süddach bebaut, für alles andere war die Technik zu teuer. Heutzutage ist Solartechnik so günstig, dass man alle Flächen wirtschaftlich nutzen kann – egal, ob im süddeutschen oder im norddeutschen Raum.

Spiegelt sich das in der Auftragslage wider?

Die Trendlinie ist positiv. Der Solarausbau begann vor 25 Jahren mit der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Seitdem sieht man kontinuierliches Wachstum. Das wurde nur unterbrochen, als die Politik 2012 und 2013 das EEG eingedampft hat. Von diesem Einbruch hat sich der Markt langsam erholt, jetzt wiederholt sich die Entwicklung: In unserem Segment – Einfamilienhäuser, Mehrfamilienhäuser und Gewerbeanlagen mit einer Spitzenleistung von 30 Kilowatt – ist der Zubau nach wie vor hoch, aber nicht mehr so hoch wie 2022 und 2023. Das waren die Boom-Jahre. Darauf hatte sich der Markt nach der Energiekrise eingestellt – bei der Produktion und auch der Installation. Diesen Boom gibt es nicht mehr. Es werden weniger neue Anlagen installiert.

Woran liegt es?

Das ist wie immer ein Blumenstrauß an Gründen. Der Markt war 2022 definitiv überhitzt. Die Strompreise sind Anfang 2022 stark gestiegen, deshalb haben sich viele Leute für eine Solaranlage entschieden. Das wurde im Februar vom Beginn des Ukraine-Kriegs befeuert. Plötzlich haben alle über ihre Energieversorgung nachgedacht. Eine Photovoltaikanlage ist eine simple Lösung. Man muss nichts umbauen oder demontieren. Das vorhandene System wird einfach ergänzt.

Ohne den russischen Angriff auf die Ukraine hätte es trotzdem ein Wachstum gegeben?

Definitiv. Es wäre sicherlich auch gesünder gewesen. Die Anlagen sind schnell verkauft. Die Herausforderungen sind Montage, Installation und Materialbeschaffung. Wir wären froh gewesen, wenn es den Boom nicht gegeben hätte. Dann hätten wir die Ressourcen kontinuierlicher aufbauen können und Handwerksbetriebe müssten heute kein Personal abbauen oder sich komplett vom Markt verabschieden.

Der Iran-Krieg soll erneut zu einer steigenden Solar-Nachfrage geführt haben. Freut Sie das oder bereiten Ihnen solche Meldungen Bauchschmerzen?

Der Nachfrage-Sprung ist verglichen mit 2022 verhalten. Man wird sehen, ob er tatsächlich auf den Krieg im Iran zurückzuführen ist oder ob es sich um saisonale Erhöhung handelt. In unserer Branche beginnt die Saison üblicherweise im März mit den ersten Sonnentagen. Wir können in unseren Daten keinen großen Unterschied im Vergleich mit den Vorjahren erkennen.

Trotzdem werden Stellen abgebaut. Trotzdem beklagt die Branche einen Fachkräftemangel. Wie passt das alles zusammen?

Im Handwerk gibt es verschiedene Herausforderungen. Wir kämpfen gegen die Industrie. Die bietet wirtschaftlich interessantere Arbeitsplätze. Unsere Betriebe haben etwa 10 bis 30 Mitarbeiter. Jeder einzelne ist eine langfristige Investition. Die werden über Monate aufgebaut und sollen möglichst lange bleiben. Die werden auch nicht beim ersten Gegenwind wieder ausgestellt. Für solche Stellen herrscht Personalknappheit. Speziell im Solarbereich gab es durch den Boom gleichzeitig einen enormen Zuwachs: 2022 gab es knapp 4500 Solarteure. Danach waren es zwischenzeitlich mehr als 9000.

Das waren Quereinsteiger, die vom Boom profitieren wollten?

Genau. Es wurden viele Unternehmen gegründet. Letztlich kann jeder Mensch Module aufs Dach schrauben, der oder die sich hinauftraut. Angeschlossen werden darf so eine Anlage aber nur von Fachbetrieben. Die entsprechenden Zertifikate kann man aber auch zukaufen. Diese Betriebe haben vor allem einen ruinösen Preiskampf verursacht. Als Kunde wird man im Internet überschüttet mit Anzeigen, die versprechen: Wir bauen Ihnen die günstigste Solaranlage aufs Dach! Das ist ein Grund, warum wir den BDSH gegründet haben.

Es ist gar nicht so einfach, ein kompetentes Installationsunternehmen zu finden?

Die beste Referenz ist tatsächlich der Nachbar, der schon gebaut hat und bei dem man sich die Anlage anschauen kann. Gibt es den nicht, sollte man nach Anbietern Ausschau halten, die bereits seit vielen Jahren Anlagen installieren, und sie nicht einzeln betrachten. Wir möchten der Hausbesitzerin und dem Hausbesitzer eine Energielösung liefern, die in der Stromproduktion, Hauswärmetechnik und Mobilität gekoppelt ist. Das Energiemanagementsystem (EMS) und der Smartmeter müssen ebenfalls damit kombiniert werden. Dafür muss man mehr können, als auf ein Dach zu klettern und Module anzuschrauben. Unserer Meinung nach sollte das ein eigener Ausbildungsberuf sein. Dafür müssen wir aber erst die verschiedenen Handwerkskammern – Heizung, Dach und Elektrotechnik – zusammenbringen.

Und dann kommt ein Heizungsinstallateur vorbei, der sich gleichzeitig mit Solaranlagen und dem E-Auto auskennt?

Das wäre die Wunschvorstellung.

Ist das realistisch?

Unsere Betriebe möchten sich in diese Richtung entwickeln und letztlich spart es beim Einbau des Energiesystems Zeit, Arbeit und Geld, wenn ein Meister alle notwendigen Qualifikationen besitzt und sich nicht drei verschiedene Gewerke absprechen müssen.

Wie bewerten Sie in dem Zusammenhang die Pläne von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche? Sie plädiert für einen gemäßigten Ausbau der Erneuerbaren. Sie möchte die Einspeisevergütung für kleine Solaranlagen streichen. Im Heizungsbereich öffnet sie die Türen für neue Gas- und Ölheizungen.

Als Verband sagen wir seit einiger Zeit, dass eine winzige Einspeisevergütung von sieben oder acht Cent je Kilowattstunde überflüssig ist. Den Großteil des Stroms verbrauchen die Menschen selbst für E-Auto und Wärmepumpe. Insofern hat Frau Reiche recht: Eine Photovoltaikanlage rechnet sich auch ohne Einspeisevergütung.

Aber?

Diese Diskussionen führen bei Endkunden zu massiven Verunsicherungen, ohne dass bestehende Probleme gelöst werden. Was hemmt Deutschland seit Jahren? Der Smartmeter-Rollout. Derzeit verfügen weniger als zehn Prozent der Haushalte über einen intelligenten Stromzähler. Das Netz wurde auch nicht aufgerüstet, obwohl das Erneuerbare-Energien-Gesetz bereits 26 Jahre alt ist. Was sagt die politische Führung in Berlin dazu? Sie erklärt die erneuerbaren Energien zu den Schuldigen für den Niedergang der deutschen Wirtschaft und verhilft plötzlich Zentralenergien zu neuem Aufwind. Das macht es uns als Branche extrem schwer, eine klare Linie zu fahren.

Eigenheimbesitzer zögern, weil in Berlin plötzlich wieder von Atomstrom gesprochen wird?

Die Leute lesen, dass sie keine Einspeisevergütung mehr erhalten, sondern künftig sogar für eingespeisten Strom eine Abgabe zahlen sollen. Das bleibt hängen. In den Gesprächen mit unseren Kundinnen und Kunden spüren wir eine große Verunsicherung. Schlimmstenfalls werden Aufträge wieder storniert. Das macht uns zu schaffen.

Welche Überschrift wäre für einen Artikel zur Solarenergie in Deutschland die richtige?

Die Solaranlage bleibt wirtschaftlich. Daran hat sich in den vergangenen 25 Jahren nichts geändert. Die Investition refinanziert sich nach etwa 10 bis 13 Jahren.

Auch ohne Einspeisevergütung?

Eine typische Hausanlage mit einer Spitzenleistung von 8 Kilowatt produziert im Jahr grob gerechnet 8000 Kilowattstunden Strom. Wärmepumpe, Elektroauto und Haus verbrauchen zusammen etwa 5000 Kilowattstunden. Man kann also 3000 Kilowattstunden einspeisen. Liegt die Einspeisevergütung bei 7 Cent, erhalte ich für diese 3000 Kilowattstunden sage und schreibe 210 Euro.

Für Eigenheimbesitzer bleibt die Solaranlage also das System der Wahl, wenn man sich günstige Energie wünscht – speziell in Kombination mit anderen Systemen wie der Wärmepumpe?

Die Lage hat sich trotz aller politischen Pläne und Äußerungen nicht verschlechtert. Der Anteil der fossilen Energiesysteme im Einfamilienhausbereich geht stetig zurück. Wärmepumpe und Solaranlage legen zu. Das wird auch in Zukunft so bleiben, denn wenn man sich Alternativen wie die grüne Gas- oder Ölheizung im Detail anschaut, sieht man: Dieses Pferd ist totgeritten. Woher soll die Energie dafür herkommen? Das hört man von allen Energieberatern und Dienstleistern. Die heimische Versorgung mit Öl und Gas ist unrealistisch.

Mit Peter Knuth sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast “Das Klima-Labor von ntv” anhören.

Quelle: ntv.de

Back to top button