Sport

Eiskunstlauf: WM-Gold nach dem Olympia-Drama – Die triumphale Rückkehr des Ilia Malinin | ABC-Z

Er ist zurück: Sechs Wochen nach seinem desaströsen Auftritt bei den Olympischen Spielen begeistert Eiskunstlaufstar Ilia Malinin bei der WM mit zwei spektakulären Programmen. Der 21-Jährige holt seinen dritten WM-Titel in Folge. Eine Befreiung.

Alle Augen sind gerichtet auf Ilia Malinin. Mehr als 15.300 Zuschauer in der ausverkauften Prager Sportarena blicken nach unten aufs Eis, es ist der Moment, auf den die Eiskunstlaufwelt an diesem Samstagnachmittag gewartet hat. Sechs Wochen, nachdem Überflieger Malinin bei den Olympischen Spielen in Mailand die sicher geglaubte Goldmedaille auf dramatische Weise mit einem Fehler- statt Flugspektakel aus den Händen gegeben hatte und weit zurückgefallen war, läuft er diese Kür erneut.

Der Vierfach-Flip zum Auftakt gelingt, dann soll der Axel folgen, der einzige Sprung, der vorwärts abgesprungen wird und den in vierfacher Ausführung nur der junge Amerikaner in Wettbewerben schon sauber stand. Jener Sprung, der lange als unspringbar galt – bis, ja bis Malinin kam. In Mailand jedoch hatte er ihn aufgerissen – nur einfach. Dann nahm das Unheil seinen Lauf. Jetzt, bei den Titelkämpfen in Prag, riskiert er es nicht: sauber dreifach. Dazu insgesamt fünf Vierfach-Sprünge. Als die Musik verstummt und es vollbracht ist, schreit der 21-Jährige seine Erlösung hinaus.

Am Ende wird es für den 21-Jährigen ganz klar WM-Gold vor dem Japaner Yuma Kagiyama. Es ist nach 2024 und 2025 sein dritter Weltmeistertitel in Folge und eine triumphale Rückkehr nach den Geschehnissen von Mailand. Durch seine Kür und das fabelhafte sowie fehlerfreie Kurzprogramm vom Mittwoch, als er mit 111,29 Punkten eine persönliche Bestleistung aufgestellt hatte, erhält Malinin insgesamt 329,40 Zähler.

Er ist und bleibt das Maß der Dinge in dieser Sportart: Wunderkind, Phänomen, Grenzensprenger und selbst ernannter Vierfach-Gott. Sprunggewaltig wie niemand zuvor, dazu künstlerisch modern. Das Drama der Winterspiele, das hat er an diesem Tag im Rampenlicht der WM von Prag bewiesen, hat er verdaut. Die Kür vor spektakulärer Kulisse – sie war seine Befreiung.

Malinin: „Ich wollte diese Kür in einem Stück beenden“

„Ich habe es sehr genossen, hier zu laufen. Bei jedem Element habe ich die Zuschauer hinter mir gespürt“, sagt der Amerikaner direkt nach der Kür ins Hallenmikrofon. Dann spielt er auf seinen körperlichen und mentalen Zusammenbruch in Mailand an: „Ich wollte diese Kür hier in einem Stück beenden, das habe ich geschafft. Vielen Dank für die Unterstützung, das bedeutet mir sehr viel!“ Die anschließende Siegerehrung und die folgenden Ehrenrunden vor begeistertem Publikum genießt er sichtlich gelöst mit seinen beiden japanischen Konkurrenten.

Der Olympia-Zweite Kagiyama hatte sich nach einem Patzer im Kurzprogramm durch eine glänzende Kür noch von Rang sechs nach vorn gearbeitet (306,67). Bronze ging an dessen Landsmann Shun Sato (288,54). Überraschungs-Olympiasieger Mikhail Schaidorow aus Kasachstan war in Prag nicht angetreten. Der mit 18 Jahren jüngste Teilnehmer des Feldes, Genrikh Gartung aus Deutschland, kam bei seiner WM-Premiere auf Rang 24.

Etwas später berichtet Malinin dann noch, wie er an diese WM herangegangen sei. „Anders als an Olympia“, sagt er. „Ich wollte es für mich tun, ich wollte es genießen und hier Spaß haben. Und ich habe es geschafft, all die Erwartungen anderer Leute sowie den Druck auszublenden.“ Wie ihm das Ausblenden gelungen ist? „Es klingt egoistisch, aber manchmal muss man an sich selbst denken. Daran, was einem selbst guttut. Und ‚nein‘ sagen.“

Den Druck loslassen, um neu starten zu können

Er brauchte diese WM als Abschluss und Neustart. „Ich wollte hier all den Druck der Olympischen Spiele loslassen“, sagt er zum Abschluss, „um dann frisch in die nächste Saison starten zu können.“ Es gelang ihm. Und das Publikum wusste um die Relevanz, die dieser Auftritt für den jungen Amerikaner hatte.

Am Ende seiner beeindruckenden Kür, als der WM-Titel angesichts Malinins Brillanz schon sicher war, erhob sich das Publikum von seinen Sitzen. In Mailand hatte es versucht, den strauchelnden Champion aufzufangen, ihn zu tragen, als die Abwärtsspirale mit jedem Schritt sichtbarer und fataler wurde, als er tapfer, aber vergebens kämpfte. Die Kulisse – sie erzeugte dort nur noch mehr Druck auf den gebrochenen jungen Mann auf dem Eis. In Prag nun konnte er sich tragen lassen. Malinin lief und sprang sich frei.

Und er hat ja noch einiges vor, ist zwar bereits immens erfolgreich, aber hat erst einmal Olympische Spiele erlebt. 2022 in Peking musste er das Großereignis noch aus der Ferne verfolgen, danach begann er, die Eiskunstlaufwelt in neue Dimensionen zu pushen. Mit seinem Talent, seinem Können und seiner Art – sprungstark, längst auch ausdrucksstark, stilistisch mehr modern als klassisch, auch gern mal in der Wahl seiner Musik – öffnet er seinen Sport für neue Generationen und neue Zuschauer. Und genau das ist, neben sportlichem Erfolg, sein Ziel.

Im Jahr 2022 war es bereits, als er den Vierfach-Axel als erster Eiskunstläufer der Geschichte in einem Wettkampf sauber landete. Nach WM-Bronze 2023 folgten die ersten beiden Titel. Beim Grand-Prix-Finale im Dezember 2025 in Nagoya/Japan lieferte er dann sein bisheriges Meisterstück, als er seinen eigenen Kür-Weltrekord pulverisierte und 238,24 Punkte erhielt. Am Ende kam er dort auf 332,29 Zähler. In Mailand erlebte er dann, angetreten als haushoher Favorit, ein Desaster.

Mensch sein – die Suche nach der Balance

Schon während seiner Programme im Teamwettbewerb kämpfte Malinin dort mit Unsicherheiten. Beim Kurzprogramm des Einzelwettbewerbs überzeugte er dann mit 108,16 Punkten und führte deutlich vor Kagiyama. Er hätte danach in der Kür auf Nummer sicher laufen können, ging jedoch ins Risiko – und brach zusammen. Es war ein Schock – für die Zuschauer, für die Konkurrenten, für ihn selbst.

Bereits kurz danach sprach er von mentalen Herausforderungen, davon, keine Kontrolle gehabt zu haben. Etwas später erzählte er dann ausführlich über den für ihn unheilvollen Mix aus nie gekanntem und großem Druck auf der olympischen Bühne, Hass-Nachrichten im Internet und Angst, die in ihm hochgekrochen war. Der Zuspruch danach war enorm. Er selbst nahm einen der Hauptgedanken auf, den einstige Sportgrößen immer wieder geäußert hatten, um ihm Mut zu machen. „Eine einzige Niederlage macht nicht zunichte, was du bereits aufgebaut hast“, sagte Malinin. „Aus Misserfolgen lernt man Dinge, die einem der Sieg niemals beibringen würde.“

Dass Malinin bei der Abschluss-Gala in Mailand zu dem Song „Fear“ (Angst) des amerikanischen Rappers und Songwriters NF lief, hätte passender nicht sein können – ausgewählt wohlgemerkt lange vor den Spielen. Die Botschaft hatte ihn angesprochen. „Es spiegelt wider, wie ich mich im Jahr vor den Spielen gefühlt habe. Es gab so viel Druck, so viele Zweifel und alles um mich herum, der Lärm in den Medien … Es war einfach überwältigend.“

Nach dem Kurzprogramm in Prag sprach er dann auch über die Zeit nach den Spielen und berichtete, wie hart sie für ihn gewesen sei. Er habe sich 24 Stunden am Tag Gedanken gemacht. „Es war schwer“, sagte Malinin. „Ich habe dann versucht, den Kopf freizubekommen, mich mental und körperlich zu erholen. Ich muss nach vorne blicken, darf mich nicht verrückt machen, sondern muss daraus lernen.“ Dazu zählt für ihn vor allem, die Balance zu finden.

„Wir sind Spitzensportler, aber es ist auch unser Job, Mensch zu sein. Für mich war es schwer, die Balance zu finden. Auch mit dem Druck, meinen eigenen Erwartungen und allem“, sagte er und befand: „Ich fange jetzt an, die Balance zu finden.“ Und er ist noch jung. Mit dem WM-Titel und seiner Leistung in Prag hat er die Saison positiv beendet, kann abschließen. Vor allem: „Ich bin die Kür mit Freude gelaufen, darauf kommt es an.“

Back to top button