Afrika und arktisches Eis: Wagners „Rheingold“ bei den Osterfestspielen Salzburg | ABC-Z

Dass es sich beim Vorabend zum „Ring des Nibelungen“ eigentlich um ein Konversationsstück handelt, haben schon viele Dirigenten behauptet. Niemand setzt es aber so konsequent um wie Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern: Das Orchester spielt leicht, schlank und wendig. Wenn Wagner auftrumpft, etwa den Zwischenspielen oder beim Einzug der Götter in Walhall, bleibt der Dirigent nichts schuldig, obwohl auch dort bei aller Kraftentfaltung die Musik durchhörbar, fast zart bleibt.
Petrenko hat das „Rheingold“ in Meiningen, Bayreuth und München nicht anders dirigiert. Aber er hat seine Sicht perfektioniert und verfeinert: Sie hat nichts Demonstratives mehr, die Übergänge sind noch natürlicher, das Orchester in seinem seidigen Transparenz und dem Goldglanz seines Blechs noch perfekter. Und wenn die Partitur für Momente katastrophenhafte Schwärze fordert, blitzt die ebenfalls auf. Gibt es da gar nichts auszusetzen? Nibelheims Ambosse könnten etwas weniger nach Märchenzwergen und mehr nach Industrialisierung klingen. Aber das ist wirklich der einzige Einwand.
Zu diesem musikalischen Konzept passt Christian Gerhahers hellstimmiger Wotan. Man fühlt sich – wie schon beim kammermusikalischen Ansatz des Dirigenten – in Salzburg fast unvermeidlich an Dietrich Fischer-Dieskaus „Rheingold“-Wotan aus Herbert von Karajans „Ring“ mit den Berliner Philharmonikern erinnert, für den die Osterfestspiele 1968 gegründet wurden.
Ein betrogener Betrüger
Nur versucht Gerhaher gar nicht erst einen Heldenbariton zu imitieren und einen Gott darzustellen. Sein Wotan ist ein betrogener Betrüger, ein von den Geschehnissen Getriebener, ein Mann, der wie es im Text heißt, „in Schönheit herrscht“, dem aber innerhalb von 24 Stunden seine ganze Macht zwischen den Fingern zerrinnt und der beim Einzug in die Götterburg bereits reif für die „Götterdämmerung“ ist.
© Frol Podlesnyi
von Frol Podlesnyi
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Das widerspricht zwar ein wenig den Wagner-Klischees und konnte bisher mehr in klugen Büchern nachgelesen werden. So konsequent aus der Musik herausgeholt hat das aber noch kein Sänger zuvor. Auch die böse Komik dieses Einakters über die Wirrnisse der Macht wurde noch nie musikalisch so konsequent umgesetzt wie in dieser Aufführung. Trotzdem ist es wahrscheinlich weise, dass Gerhaher auf den heroischeren Wotan aus der „Walküre“ verzichtet, auch wenn er dafür alle Töne und die nötige Durchschlagskraft hätte.

© Frol Podlesnyi
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Gerhahers Wotan ist ein extremer Fall, gewiss – ähnlich wie der Amfortas des Sängers. Aber nichts ist interessanter, einem klugen Interpreten dabei zuzuhören, wenn er stimmlich wie intellektuell aus dem Vollen schöpft, zugleich auf Risiko spielt und trotzdem gewinnt.
Wasser ist Gold
Die anderen, ebenfalls eher schlanken Stimmen können dabei nicht immer mithalten. Dass Alberich mit einem ebenfalls eher hellen Bariton besetzt ist, mag ein Konzept sein. Aber Leigh Melrose singt längst nicht so souverän wie Gerhaher und kämpft auch ein wenig mit der deutschen Diktion. Und bei dieser Rolle fehlt etwas Schwärze dann doch.
Fasolt (Le Bu) hat einen schönen hohen Bass, Fafner (Patrick Guetti) rumpelt ein wenig, was aber zur Rolle passt. Brenton Ryan ist ein souveräner, virtuoser Loge, Catriona Morison eine sehr ordentliche Fricka. Und die Osterfestspiele Salzburg haben mit Jasmin White auch eine wirkliche Altistin für die Erda gefunden.

© Frol Podlesnyi
von Frol Podlesnyi
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Das Gold war bei 2013 in Frank Castorfs ebenfalls von Petrenko dirigiertem Bayreuther „Ring“ Erdöl, nun ist es bei Kirill Serebrennikov Wasser in Form von Eis. Videos zeigen eine arktische Wüste, in der ein nackter Indigener aus der Südhalbkugel unseres Planeten herumläuft. Auch sonst bringt der Regisseur allerlei afrikanische Objekte auf die Bühne, und wer auch nur ein ethnografisches Buch gelesen hat, wird im Loge dieser Inszenierung nicht nur einen Medizinmann erkennen, sondern auch einen mythologischen Trickster.

© Frol Podlesnyi
von Frol Podlesnyi
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Das ist er bereits bei Wagner, der dafür das altdeutsche Wort „Schelm“ verwendet. Das alles ist nicht falsch und vermeidet den beim „Ring“ mittlerweile abgedroschenen Trash-Realismus. Aber als Rückkehr zum Mythos überzeugt es nicht wirklich, dafür wirkt das Ethnologische zu sehr auf die Geschichte draufgepappt und streift die Grenze zum Kitsch.
Die Berliner Philharmoniker sind der Star
Interessanter ist die Vervielfachung der Figuren in Richtung Körpertheater. Das hat bei den eitel sich selbst bespiegelnden Rheintöchtern viel für sich, entwickelt sich dann ins Dekorative und wird gegen Ende wieder interessanter, wenn sich bei Fasolts Tod das Double des Riesen zärtlich von Freia verabschiedet. Und ganz zuletzt deutete die schwarz gekleidete Baumannschaft so etwas wie Sozialkritik an.

© Lena Laine
von Lena Laine
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Es hat schon sehr viele „Ring“-Inszenierungen mit einem gelungenen „Rheingold“ und einer schwachen Fortsetzung gegeben. Vielleicht ist es hier andersherum, vielleicht wird Serebrennikovs Ansatz im weiteren Fortgang deutlicher.
Immerhin gelang es, die breite Bühne und den Raum der Felsenreitschule angemessen zu nutzen. Und Petrenkos Berliner Philharmoniker sind es allein wert, den neuen „Ring“ der Osterfestspiele Salzburg weiter zu verfolgen.
Wieder am 1. und 6. April in der Felsenreitschule, ausverkauft





















