Geopolitik

Sabotage: „Schluss mit der Verharmlosung“ – Wie Linksextremisten die Infrastruktur angreifen | ABC-Z

Neue Zahlen belegen, dass Sabotage-Taten in vielen Bundesländern deutlich zunehmen. Häufig führen Ermittlungen ins linksextreme Milieu. Recherchen zeigen: Auch im Falle der „Vulkangruppen“ gibt es konkretere Spuren als bislang bekannt.

Angriffe auf kritische Infrastruktur in Deutschland nehmen nach Recherchen von WELT AM SONNTAG zu. Verantwortlich sind häufig Täter aus dem linksradikalen Spektrum. Das zeigt eine Umfrage unter allen 16 Bundesländern.

Demnach hat sich in Hamburg die Zahl der Attacken auf Energieanlagen und militärische Einrichtungen im vergangenen Jahr laut Innenbehörde verdoppelt. Auch Brandenburg und Niedersachsen melden steigende Fallzahlen. In Niedersachsen wurden zwischen 2019 und 2024 insgesamt 208 Angriffe auf Wirtschaftseinrichtungen, Infrastruktur, Justiz und Militär registriert. Allein 2025 kam eine „hohe zweistellige Zahl“ von Fällen hinzu.

Liegen konkrete Spuren vor, richten sich die Ermittlungen häufig gegen das linksextreme Milieu. In Nordrhein-Westfalen gehen seit 2019 nach Angaben des Innenministeriums 425 von 445 Angriffen auf das Strom- und Energienetz – rund 95 Prozent – auf politisch links motivierte Täter zurück. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Hessen: Zwischen 2015 und 2024 wurde dort eine mittlere zweistellige Zahl an Sabotagehandlungen registriert. Der überwiegende Teil der Vorfälle, zu denen es Tatverdächtige gibt, wird der linksextremistischen Szene zugeordnet.

In Niedersachsen beobachten die Sicherheitsbehörden die wachsende Bedeutung des Tatmotivs „Antimilitarismus“. Die Aktionen richten sich zunehmend nicht nur gegen Einrichtungen, sondern auch gegen Personen und deren Umfeld.

Nach Angaben des Bundeskriminalamts (BKA) wurden im vergangenen Jahr bundesweit 321 Sabotage-Verdachtsfälle registriert, mit Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Im dritten Quartal lag der Höchststand bei 94 Fällen. Besonders betroffen waren Einrichtungen von Bundeswehr und Polizei sowie Bahn- und Schienenanlagen, später rückte auch die Energieinfrastruktur stärker in den Fokus.

Sicherheitsbehörden beobachten zugleich eine qualitative Verschärfung der Bedrohung. Zuletzt hatte vor allem in Berlin und Brandenburg mehrere Brandanschläge für erhebliche Stromausfälle gesorgt. Allein der sogenannten „Vulkangruppe“ werden 13 Taten zugerechnet. Laut Recherchen von WELT AM SONNTAG liegen Ermittlern dabei konkretere Spuren vor als bislang bekannt. Sie führen in ein Milieu von seit Jahren behördenbekannten Linksextremisten.

Die Recherchen, die WELT AM SONNTAG an diesem Wochenende in einem Titelthema veröffentlicht, zeigen, dass Ermittler weitgehend von alternativen Erklärungen der Sabotageserie – etwa einer möglichen Spur nach Russland – abgerückt sind. Im Frühjahr 2024 gerieten mehrere Linksextremisten am Rande eines Protestcamps gegen das Tesla-Werk in Grünheide ins Visier der Fahnder. Unter ihnen ist auch ein Mann, der bereits im Umfeld der G20-Randale in Hamburg 2017 und der Leipziger „Hammerbande“ aufgefallen war. Die „Vulkangruppe“ bekannte sich im März 2024 zu einem Anschlag auf einen Strommast nahe dem Tesla-Werk, der für einen tagelangen Produktionsstopp sorgte. Die Tat gilt als nicht aufgeklärt, der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen.

Zu den Verdächtigen eines Anschlags auf die Stromversorgung des Technologieparks Berlin-Adlershof im September 2025 zählt zudem ein Linksextremist, der bereits bei der Generalstaatsanwaltschaft München aktenkundig geworden ist. Die Ermittlungsbehörde warf diesem vor, zu den Herausgebern des anarchistischen Magazins „Zündlumpen“ zu gehören. Das Landgericht München lehnte eine Anklageerhebung Ende vergangenen Jahres ab. Über eine Beschwerde der Generalstaatsanwaltschaft ist noch nicht entschieden worden.

„Die Gefährdungslage durch ideologisch motivierte Sabotageakte hat sich qualitativ verändert“, ließ Brandenburgs Innenminister René Wilke (SPD) mitteilen. Während früher vor allem symbolische Sachbeschädigungen im Vordergrund standen, zielen aktuelle Taten zunehmend auf die Unterbrechung von Versorgungsketten. Innerhalb des linksextremistischen Spektrums seien zudem wachsende Fachkenntnisse über die Verwundbarkeit technischer Netze festzustellen.

Analysen von Bekennerschreiben zeigten, dass gezielt Knotenpunkte mit geringen Redundanzen ausgewählt werden, um möglichst große Ausfälle zu erzielen. „Dies betrifft neben dem Stromnetz insbesondere auch Schienenverkehrswege. Die Sicherheitsbehörden verzeichnen eine wachsende Bereitschaft dieser Akteure, durch die Lahmlegung kritischer Infrastruktur auch schwerwiegende Folgen in Kauf zu nehmen“, heißt es aus dem Potsdamer Innenministerium weiter.

Informationen über kritische Infrastruktur solle man zukünftig restriktiver handhaben. „Wir dürfen kein digitales Glashaus bauen, während draußen Leute mit Steinen warten“, warnt Wilke wörtlich. Auch Hessens Heimatschutzminister Roman Poseck (CDU) mahnt: „Wir müssen die Transparenzregeln für kritische Infrastruktur in den Blick nehmen, damit offene Informationen nicht zu einem Sicherheitsrisiko werden.“

Fachpolitiker der Fraktionen bewerten das Phänomen unterschiedlich. Der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Alexander Throm, sagte WELT AM SONNTAG: „Es muss endlich Schluss sein mit der Verharmlosung von Linksterrorismus“. Sein SPD-Amtskollege Sebastian Fiedler sprach von einer „sehr ernsten“ Bedrohungslage und forderte ein bundesweit einheitliches Lagebild.

Der innenpolitische Sprecher der Grünen, Marcel Emmerich, sagte der WELT AM SONNTAG, der Schutz kritischer Infrastruktur sei „nach wie vor löchrig wie ein Schweizer Käse“. Es sei ein sicherheitspolitisches Versäumnis, dass nach wiederholten Anschlägen die Schwachstellen nicht abschließend geschlossen worden seien.

Clara Bünger von den Linken beschwichtigt hingegen auf Anfrage. „Es gab in den vergangenen Jahren sicherlich einige spektakuläre Sabotageakte, gerade im Raum Berlin/Brandenburg. Hieraus eine neue Qualität der Gefährdungslage abzuleiten, ist eine nachvollziehbare, aber nicht zwingende Schlussfolgerung“. Der innenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion, Arne Raue, verlangt eine grundlegende Neuausrichtung des Bevölkerungsschutzes. „Ein verschärfter Umgang insbesondere mit linksextremen Gruppierungen ist dringend notwendig“, sagte Raue der WELT AM SONNTAG. Die AfD fordert unter anderem höhere Strafen für Sabotage, mit Freiheitsstrafen von mindestens fünf Jahren ohne Bewährung.

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