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DFB-Team siegt spektakulär: Sieben Tore und Wirtz’ Zauberfuß | ABC-Z

Testen oder Einspielen, war Julian Nagelsmann am Tag vor dem Spiel gefragt worden. Die Antwort fiel kürzer aus, als der Fragesteller sich das vorgestellt hatte. „Einspielen.“ Am Freitagabend dann, 76 Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft, zeigte sich im St.-Jakob-Park von Basel eine deutsche Mannschaft, die ein paar Mal zu oft ausgespielt wurde.

Es zeigte sich aber auch, dass sie einen Spieler hat, der allein das Zeug hat, ein Spiel zu entscheiden – und dass man diesen Florian Wirtz, der beim 4:3-Sieg gegen die Schweiz auf allen Positionen unterwegs war, aus allen Lagen für Gefahr sorgte, zwei Tore einleitete und am Ende zwei Mal selbst traf, auf dem Zettel haben sollte, wenn es um Spieler geht, die die WM prägen können.

Zwei Mal gingen die Schweizer vor der Pause in Führung, durch Dan Ndoye (17. Minute) und Breel Embolo (41.), jeweils begünstigt durch eine deutsche Abwehr, die alles andere als weltmeisterschaftsreif eingespielt wirkte. Zweimal hatte das deutsche Team eine Antwort, durch Jonathan Tah mit seinem ersten Länderspieltor (26.) und Serge Gnabry (45.+2).

In der zweiten Hälfte, in der die Schweizer intensiv durchwechselten, brachte Wirtz sein Team erstmals in Führung (61.), mit einem besonders kunstvollen Schuss, einmal noch glich Joel Monteiro aus (79.), doch dann nahm noch einmal Wirtz Maß. Sein Treffer (86.) bedeutete auch, dass es für eine deutsche Nationalmannschaft im fünften Anlauf in 18 Jahren zum ersten Mal zu einem Sieg gegen die Schweiz reichte.

Flug in den Knick: Bei Wirtz’ erstem Treffer schlägt der Ball genau im Winkel ein.Reuters

Das konnte bei alles Freude allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein großes Fragezeichen da auftauchte, wo der Bundestrainer eigentlich gerade einen Punkt gesetzt hatte. In der Innenverteidigung zeigte sich sein Team in der ersten Hälfte nicht auf der Höhe, individuell, aber auch in der Abstimmung. Nico Schlotterbeck leitete die beiden ersten Gegentore mit Fehlpässen ein, bei beiden herrschte zudem Unklarheit in der Zuordnung, so dass Nagelsmann etwas zum Nachdenken mit auf den Weg zum nächsten Test am Montag in Stuttgart gegen Ghana nehmen musste.

Havertz als Meister der Anbahnung

In Basel fing es gar nicht schlecht an für die Deutschen, die erstmals im neuen Auswärts-Outfit in Blau und Mint aufliefen. Sie begannen engagiert und schufen gleich zu Beginn zwei, drei vielversprechende Pressingmomente, schon hier war zu sehen, wie hochtourig Wirtz unterwegs war. Er war auch, in der England-Connection mit Kai Havertz, an der ersten guten Chance beteiligt. Dessen Schuss parierte Kobel; es war nicht der einzige Moment, in dem man Havertz, seit November 2024 erstmals wieder dabei, zwar als Meister der Anbahnung, aber nicht der Vollendung sah. Unmittelbar danach stand Tah bei einem Schuss von Gnabry im Weg.

Doch unter Kontrolle hatte die DFB-Auswahl das Spiel keineswegs, und in gewisser Weise zeichnete sich das Unheil des ersten Gegentors ab. Schon kurz bevor es passierte, war eine Flanke von Vargas gefährlich durch den Strafraum gerauscht, dann löste Schlotterbecks Fehlpass, nicht sein erster, eine verhängnisvolle Unordnung aus. Am Ende musste Angelo Stiller dort, wo eigentlich Kimmich sein sollte, gegen Ndoye verteidigen, das tat er so passiv, dass der Schweizer dem Tor viel zu nahe kommen konnte, beim Schuss ins kurze Eck sah dann auch Torwart Oliver Baumann nicht gut aus.

Es sprach für das deutsche Team, wie es gleich danach begann, am Ausgleich zu arbeiten, David Raum auf Vorlage von Wirtz hatte eine gute Gelegenheit aus dem Spiel heraus, dann klärte Akanji bei einer Flanke von Joshua Kimmich im letzten Moment vor Havertz. Den folgenden Eckball führte Kimmich kurz aus, Wirtz flankte lang, und fand am zweiten Pfosten Tah, der per Kopf sein erstes Länderspieltor erzielte – auch Kobel machte dabei keine gute Figur.

Mit der Stabilität in der Innenverteidigung ist es schnell vorbei

Nagelsmann hatte sich am Tag vor dem Spiel überraschend auskunftsfreudig gezeigt, was einzelne Positionen seiner Startelf anging. Er gab Havertz die Zusage für einen Posten im Sturm, er machte auch kein Geheimnis aus der Mittelfeldzentrale: Neben Leon Goretzka sollte Stiller spielen, der erst nachnominiert worden war, als der Absage von Felix Nmecha auch jene von Aleksandar Pavlovic gefolgt war. In Nagelsmanns großem Personallagebild lautet die Annahme, dass Stiller kein Mann für die Bank, wohl aber einer für einen Einsatz von Beginn an ist. Auch das stellte er zunächst allerdings nur eingeschränkt unter Beweis, umsichtig, aber überraschungsarm.

Darüber hinaus legte der Bundestrainer sich auch über den Tag hinaus auf Tah und Schlotterbeck als Innenverteidiger-Duo fest: Das würden sie bleiben, so lange sie „stabil“ blieben, sagte er. Damit allerdings schien es dann schon nach einer knappen Halbzeit vorbei.

Ein weiterer Fehlpass Schlotterbecks löste einen weiteren Richtungswechsel aus, dem die Deutschen gedanklich nicht schnell genug folgten. Bei der Flanke von Widmer hätte vielleicht auch Baumann zum Ball gehen können, Tah jedenfalls war dann einen halben Schritt zu spät gegen Embolo. In der 43. Minute traf Rieder für die Schweiz noch die Latte. Präzisionsarbeit war es dann, wie Wirtz den Weg für Gnabry zum Ausgleich in der Nachspielzeit öffnete.

Während der Schweizer Coach Yakin zur Pause gleich vier Wechsel vornahm – vereinbart waren bis zu elf pro Team – und auch seinen Kapitän Xhaka vom Feld nahm, blieb Nagelsmann seinem Motto treu: Einspielen. Lange sah es aus, als würde die Dominanz nicht belohnt werden, Goretzka ließ zwei gute Chancen aus, Wirtz eine.

Das Beste hatte er sich aber für den Schluss aufgehoben. Zuerst nach einer wieder kurz ausgeführten Ecke, als er den Ball mit perfekter Flugkurve auf den Weg über den diesmal machtlosen Kobel hinweg und hinein ins Netz schickte. Dann fand er den richtigen Dreh zentral von der Strafraumlinie.

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