Kriegspräsident & Marktflüsterer – wie Trump in Nahost auf die Wall Street schielt | ABC-Z

Donald Trump führt den Iran-Krieg inzwischen, als sei er zugleich Oberbefehlshaber und Marktflüsterer. Binnen einer Woche setzte er Teheran drei verschiedene Fristen. Die diffuse Botschaft war stets gleich: Wenn das Regime bis zum Zeitpunkt X – aktuell ist das Ostermontag, 6. April, 20 Uhr Ostküstenzeit – nicht auf ganzer Linie kapituliert, werde er die zivilen Energie-Anlagen des Iran in Schutt und Asche legen.
Seine vorläufig letzte Termin-Verschiebung kam am Donnerstag nur wenige Minuten nachdem die US-Börse einen ihrer schlimmsten Tage in diesem Jahr hinter sich gebracht hatte. Der S&P 500 fiel drastisch ab, die Anleihekurse gaben ebenfalls nach. Die erhoffte Beruhigung blieb aus. Das Barrel Öl rangierte am Abend wieder über 100 Dollar. Aktien-Experten in Washington führen das darauf zurück, dass „die Sorgen über Dauer und Ausgang des Krieges so stark sind, dass Trumps Beschwichtigungsgesten schnell verpuffen.”
Hinweise für einen Durchbruch? Fehlanzeige
Hintergrund: Trump sprach zwar auch am Donnerstag von „sehr konstruktiven” Unterredungen, die sein Unterhändler Steve Witkoff mit nicht genannten Top-Leuten des Regimes in Teheran über eine Einstellung der Feindseligkeiten führe, aber belastbare Hinweise auf einen realen Durchbruch gibt es nicht. Im Gegenteil.
Teheran bestreitet weiter, mit Washington in einem direkten Austausch zu stehen. Dem 15-Punkte-Katalog der US-Regierung, der auf eine Kapitulation des Iran hinausliefe, setzen die Mullahs ihrerseits Forderungen entgegen, die für Washington unannehmbar sind; etwa den Abzug der Vereinigten Staaten von ihren Stützpunkten im Mittleren Osten.
Die „Washington Post“ fasste die Lage deshalb als „wachsende Verwirrung” zusammen. Das spricht für eine unbequeme These, die zunehmend Unterstützer findet: „Trump hat keinen belastbaren Plan zur Beendigung dieses Krieges. Er hat nur mehrere schlechte Optionen”, sagte ein Ex-Militär im US-Fernsehen.
Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe
Ein großer Militärschlag gegen iranische Energieanlagen würde Öl-Preis und Inflation in die Höhe schießen lassen; weltweite Rezession nicht ausgeschlossen. Ein Angriff auf die Straße von Hormus oder auf die Insel Kharg, Irans wichtigstes Ölexportdrehkreuz, könnte politisch verheerend sein, wenn US-Soldaten sterben. US-Beamte nennen eine solche Operation „sehr riskant”.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.
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Hinzu kommt der innenpolitische Druck. Trumps Zustimmungswert ist auf 36 Prozent gefallen – das ist der niedrigste Stand seiner zweiten Amtszeit. Der von ihm angezettelte Krieg im Iran ist vier Wochen nach Beginn bei zwei Dritteln der Amerikaner massiv unbeliebt.

Für die Händler auf dem New Yorker Börsenparkett ist gerade wieder Achterbahn-Zeit – wegen Iran.
© Getty Images via AFP | ADAM GRAY
Damit erklärt sich auch die widersprüchliche Choreografie seiner Ultimaten. Sie richten sich nicht nur an Teheran, sondern ebenso an Händler, Wähler und republikanische Nervenzentren an der Heimatfront. Wenn Trump von „sehr guten und produktiven” Gesprächen mit Vertretern jenes Regimes redet, das die amerikanisch-israelischen Verbündeten durch zig Enthauptungsschläge stark dezimiert haben, dann ist das übersetzt an die Märkte die fast flehende Bitte: Bitte glaubt noch einmal an Deeskalation.
Aktuelle Nachrichten zum Krieg in Nahost
Weil die Märkte auf Eskalation mit Panik reagieren
Das heißt nicht, dass Trump definitiv blufft, wenn er mit noch extremerer Gewalt droht. Es heißt nur: Seine Kriegsführung wirkt zunehmend taktisch, nicht strategisch. Er verlängert Fristen, weil die Märkte auf Eskalation mit Panik reagieren. Er redet von Fortschritten, weil Öl und Aktien jeden Zweifel an seiner Kontrolle sofort bestrafen. Und er schreckt vor Bodentruppen zurück, weil aus einem begrenzten Krieg sonst sehr schnell ein politischer Sumpf werden könnte.

Für die Händler auf dem New Yorker Börsenparkett ist gerade wieder Achterbahn-Zeit – wegen Iran.
© Getty Images via AFP | ADAM GRAY
Der Fluchtpunkt kurz vor Beginn der fünften Kriegswoche ist deshalb aus Sicht von Kriegsgegnern ernüchternd. Trump lässt sich die Kriegsplanung mehr oder weniger von den Börsen und Energiemärkten diktieren. Seine deeskalierend gemeinten Worte wirken weniger wie Ausdruck eines tragfähigen Friedensfahrplans als wie Versuche, temporär Panik zu dämpfen – bis zur nächsten Marktreaktion





















