Queere Kunst in der DDR – gab es die? | ABC-Z

Vier Berliner Kunstinstitutionen haben DDR-Kunst auf ihre Queerness untersucht. Das Ergebnis ist eine Ausstellung, die Bezüge erst auf den zweiten Blick liefert – und damit die nötige Vorsicht der Zeit trifft.
Gab es queere Kunst in der DDR? Und wenn ja, wie sah sie aus? Diesen Fragen sind Berliner Kunstinstitutionen nachgegangen. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung an vier Standorten in der Hauptstadt gezeigt. Bei den einzelnen Künstlerinnen und Künstlern gibt es große Unterschiede – zwischen einzelnen Generationen liegen Welten.
Toni Ebel beispielsweise wurde 1881 geboren, Harry Hachmeister 1979. Ebel hatte schon eine Geschlechtsanpassung und zwei Kriege hinter sich, als die DDR gegründet wurde, Hachmeister war erst zehn Jahre alt, als sie zusammenbrach. Ebels Selbstporträts, die sie in den 50er Jahren mit Kreide auf Leinwand zeichnete, wirken nachdenklich – Hachmeisters poppige Hinter-Glas-Malereien sind fröhlich bunt.
Sie gehören zu den wenigen Werken in der Ausstellung, die Sexualität zum Thema machen. Da sind nackte Männer durch eine Nabelschnur verbunden, die von Penis zu Penis reicht, andere Männer reiten aufeinander oder treffen sich im Gebüsch. Doch diese Bilder sind lang nach dem Mauerfall entstanden. In der DDR gab es diese homoerotischen Darstellungen nicht.
Die Werke von Harry Hachmeister, geboren 1979, sind fröhlich bunt – so wie “Boy with Horse”.
Gemälde, Grafiken, Skulpturen – und Stasi-Akten
Warum das so ist, hat der Kurator der Ausstellung Stephan Koal, der auch Leiter des Kunstvereins KVOST ist, erforscht. “Wir mochten die Idee, queere Kunst über die gesamte Stadt zu verteilen”, so Koal. Präsentiert werden Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Fotos und Schmuck, aber auch Stasi-Akten, die zeigen, wie Künstler überwacht wurden.
Eine Grundidee der Ausstellung sei, nicht nur Kunstwerke zu präsentieren, sondern auch die Biografien der Künstlerinnen und Künstler. Koal hat gemeinsam mit seinem Team ein Heft zusammengestellt, in dem private Lebensumstände und politische Entwicklungen sehr übersichtlich dargestellt werden. Dieses Heft wird in der Ausstellung kostenlos verteilt, zusammen mit einem Zeitstrahl, der wichtige Ereignisse für queere Menschen in der Gesellschaft auflistet – von der ersten Nennung des Wortes “homosexual” 1869 bis zum Inkrafttreten des Gesetzes zur Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag im Jahr 2024.
Queere Bezüge erst auf den zweiten Blick
Vor diesem Hintergrund überrascht die Ausstellung: kein Sex, keine Rebellion, keine Betonung von Andersartigkeit. Die queeren Bezüge erkennt man erst auf den zweiten Blick – etwa in einer Serie aus Holz- und Linolschnitten von Jürgen Wittdorf aus dem Jahr 1964. Sie heißt “Jugend und Sport” und zeigt im Stil des sozialistischen Realismus Kollektive selbstbewusster junger Menschen. Jedes dieser Bilder strahlt den staatlich gewünschten Optimismus aus – bis auf eines, das junge Männer in einer Gemeinschaftsdusche darstellt. Hier dominiert eine homoerotische Spannung.
In Wittdorfs Biografie kann man nachlesen, dass er 1964 sein Coming-out hatte. Jürgen Wittdorf war Mitglied der Regierungspartei SED und bekam viele staatliche Aufträge. Er verbarg seine sexuelle Orientierung und konnte so bis zum Ende der DDR in der staatlich geförderten Kunstszene eine wichtige Rolle spielen.
Unterschiedlicher Umgang mit dem Druck
Ganz anders als Jochen Hass, der sich nicht den Konventionen des sozialistischen Realismus unterwarf. Er hatte an der Hochschule für Baukunst und bildende Künstler studiert, war dort Meisterschüler und hatte einen eher expressionistischen Malstil. Die Ausstellung präsentiert seine melancholischen Männerporträts aus den frühen 50er Jahren. “Unter anderem wegen dieser Porträts wurde ihm die Aufnahme in den Verband Bildender Künstler der DDR verwehrt”, erklärte Stephan Koal. “Und wer dort nicht Mitglied war, bekam keine staatlichen Aufträge.”
Jochen Hass musste sich einen anderen Beruf suchen. Er arbeitete in der Denkmalpflege und malte nur noch privat. Seine erste Ausstellung bekam er erst 1983 – nicht in einer staatlichen Galerie, sondern im Berliner Dom.
Langsame Normalisierung und ein verspäteter Aufbruch
Kaum ein Künstler zeigte offen seine Homosexualität. Obwohl gleichgeschlechtlicher Sex in der DDR seit 1968 nicht mehr strafbar war, blieb die gesellschaftliche Akzeptanz begrenzt. Erst in den 1980er-Jahren öffneten sich vereinzelt Räume für Selbstverständigung. 1989 kam der Film “Coming Out” von Heiner Carow in die Kinos. Ein Meilenstein, der die gesellschaftliche Debatte weiter hätte vorantreiben können. Doch am Tag der Filmpremiere fiel die Mauer und die DDR war Geschichte.
Die Stimmung in den Jahren zuvor hat der Fotograf Andreas Fux festgehalten. Seine Schwarzweiß-Bilder zeigen Jugendliche, die sich durch ihren Kleidungsstil von der realsozialistischen Tristesse abgrenzen. Auch männliche Aktfotos sind dabei – Zeugnisse einer zaghaften Emanzipation.
Queerness ohne Label
Auch queere Frauen gab es in der DDR, aber sie hätten sich nicht so bezeichnet. Der Begriff existiert in seiner heutigen Bedeutung erst seit den 90er-Jahren und Worte wie schwul oder lesbisch waren damals negativ besetzt. Viele Frauen verstanden sich vor allem als Feministinnen – die Malerin Erika Stürmer-Alex zum Beispiel. Ihre abstrakt-verspielten Gemälde sind ebenfalls in der Ausstellung zu sehen. Auch hier sind keine queeren Botschaften zu erkennen.
Aber wenn man weiß, dass Erika Stürmer-Alex seit 1971 mit einer Frau zusammenlebt und im brandenburgischen Lietzen einen unabhängigen Künstlerhof aufgebaut hat, ahnt man, dass ihr Leben ein Balanceakt war. Hätte sie den Staat zu sehr provoziert, hätte sie auch ihren Hof gefährdet.
Eine einfache Antwort auf die Frage nach der Existenz queerer Kunst in der DDR bietet die Ausstellung nicht. Aber: Es gab eher queere Künstler als queere Kunst an sich. Wer das Queere erkennen will, muss sich auch mit den Künstlerbiografien auseinandersetzen. Und dazu lädt die Ausstellung ein.





















