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“Das ist die Gefahr”: Neureuther warnt vor einem deutschen Problem | ABC-Z

AZ: Herr Neureuther, gerade ist in Lillehammer die letzte Kippstange der Weltcup-Saison zurück gependelt – was war das aus deutscher Sicht für ein Winter? Fangen wir in Ihrer Spezialdisziplin an, dem Slalom mit Ihrem ehemaligen Mannschaftskameraden Linus Straßer.
FELIX NEUREUTHER: Wenn man die Trainingsleistungen vor der Saison gesehen hat, haben sich alle glaube ich ein bisschen mehr erwartet, der Linus sicher auch. Er hat sich schon schwergetan, rein von der Motivation her. Einmal hat er es wirklich hervorragend gemacht: in Kitzbühel, wo alles gepasst hat. Insgesamt eine sehr stabile Saison, aber schon eine Saison, in der er gemerkt hat, dass in diesem starken Feld wirklich alles zusammen passen muss, wenn man da mithalten will. Vom Material her ist sicher noch das ein oder andere, das es zu optimieren gilt. Wenn man gerade den Timon Haugan im zweiten Durchgang von Lillehammer gesehen hat: Das ist schon bockstark. Aber Linus ist halt der einzige Deutsche, der da vorne eine Rolle spielen kann.

Neureuther: “Wenn der Linus mal aufhört, ist keiner mehr da”

Dahinter ist niemand in Sicht: Sebastian Holzmann belegt in der Gesamtwertung Rang 47, Anton Tremmel schaffte es in zehn Rennen kein einziges Mal in den zweiten Durchgang…
Wobei Sebi Holzmann realistisch betrachtet auch keiner ist, der konstant in die Top Ten fahren kann. Im Slalom haben wir nach dem Linus keinen. Das ist nicht leicht für ihn, immer der Einzige zu sein, der da eine Rolle spielen kann. Im Training fehlen ihm die Vergleiche, aus denen man Motivation ziehen und sich gegenseitig pushen kann. Von unten her kommt auch keiner nach. Das ist die Gefahr: Wenn der Linus mal aufhört, ist keiner mehr da. Dem Verband ist es in den letzten Jahren nicht gelungen, einen Jungen nach oben zu ziehen, der sich entwickeln und am Linus wachsen kann. Wir haben einfach nicht so viele junge Athleten.

Einzig positiver Lichtblick bei den DSV-Männern: die Riesenslalom-Truppe, in Lillehammer gerade mit drei Mann unter den besten Elf.
Die sind super! Das freut mich unheimlich, weil da sehr gute Arbeit geleistet wird. Man hat das Gefühl, dass die Jungs einen Plan haben, an dem sukzessive gearbeitet wird. Wie der Gratz Fabi sich entwickelt hat! Wie sich der Grammel Toni über die Saison stabilisiert hat! Dazu ein Jonas Stockinger, der dieser Mannschaft gut tut. Und den Schmid Alex, der aus einer schweren Verletzung zurückgekommen ist, darf man auch nicht vergessen. Dieses Team ist von der Breite her gesehen momentan fast die beste Riesenslalom-Mannschaft der Welt. Und das ist schon sehr erstaunlich, auch wenn da noch keine Podestplätze herausgekommen sind. Aber der Weg, den die eingeschlagen haben, ist gewaltig. Darauf kann man extrem aufbauen.

Deutscher Leistungsträger: Linus Straßer.
© IMAGO
Deutscher Leistungsträger: Linus Straßer.

von IMAGO

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“Muss dieses Gen haben, unbedingt gewinnen zu wollen”

Im Speed-Bereich wird es allerdings ziemlich übersichtlich: Andreas Sander hat gerade seine Karriere beendet, Romed Baumann ebenfalls, bleiben eigentlich nur noch Simon Jocher und Luis Vogt. Mehr ist nicht, oder?
Mit Felix Rösle haben wir noch einen Junioren-Weltmeister, aber im Speed braucht es einfach Zeit, um sich zu entwickeln. Der Simon ist mit seinen bald 30 Jahren auch nicht mehr jung. In jedem Jahr dachte man: ‘Jetzt, jetzt!’ Trainingsleistungen gut, aber der Übergang ins Rennen: äußerst schwierig. Prinzipiell müssen wir dort hinkommen, dass man nicht zu schnell zufrieden ist. Nicht bloß bester Deutscher sein wollen, sondern ganz nach vorn! Da sind Kapazunder wie Odermatt, van Allmen, Paris, Franzoni, Kriechmayr, Monnet: richtige Bretter! Wenn du mit denen mithalten willst, musst du über dich hinaus wachsen, mental unfassbar stark sein, Risiko gezielt eingehen wollen, ski- und materialtechnisch top sein – und das ist unheimlich schwer. Luis Vogt ist derjenige, auf den wir künftig bauen, bei dem es aber auch noch sehr viel Arbeit gibt.

Was machen Schweizer, Norweger und Italiener so viel besser?
Die sind in der Tat meilenweit voraus. Man muss einfach dieses Gen haben, unbedingt gewinnen zu wollen, um jeden Preis. Das brauchen wir dringend wieder in Ski-Deutschland. Und da kannst du als Trainer reden, wie du willst: Wenn du das als Athlet nicht hundertprozentig umsetzen willst, ist es schwierig. Da nehme ich den Linus und die Riesenslalom-Truppe aus, aber im Speed-Bereich sehe ich dieses Sieger-Gen noch nicht. Da sind wir noch weit weg.

Neureuther lobt Damen-Trainer des DSV

Ein Blick zu den Damen, wo Emma Aicher bis zum letzten Rennen den Kampf um den Gesamt-Weltcup gegen Mikaela Shiffrin offen hielt. Haben Sie noch Worte für das Phänomen Aicher?
Wenn sie im letzten Riesenslalom nicht diesen einen Fehler macht, kann man sich vorstellen, was da los ist! Die Emma ist erstaunlich. Man kann ihr nicht hoch genug anrechnen, was für ein Programm sie in diesem Winter gefahren ist. Wie die abgeliefert hat: unfassbar! Dabei hat sie praktisch keine Zeit zum Trainieren.

Wobei sie nicht im DSV ausgebildet wurde, sondern in ihrer Heimat Schweden…
Aber: Was für einen Job Damen-Trainer Andi Puelacher und sein Team machen, ist phänomenal. Wie sie auch die Kira (Weidle-Winkelmann, d. Red.) dieses Jahr wieder hinbekommen haben! Die Geschichte von Lena (Dürr, d. Red.) kennt man. Sie ist auch keine ganz Junge mehr. Eine Emma Aicher aber kann mit ihren 22 Jahren alle mitziehen – und das müssen wir ausnutzen, damit die Jungen sehen, was für ein Mindset es braucht, um schnell Ski zu fahren. Aber auch bei den Frauen gilt: Ich muss das wollen, über meine Grenzen zu gehen! Skirennfahrerin ist ein harter Job.

Nicht nur bei Olympia erfolgreich: Emma Aicher.
Nicht nur bei Olympia erfolgreich: Emma Aicher.
© IMAGO
Nicht nur bei Olympia erfolgreich: Emma Aicher.

von IMAGO

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Neureuther: “Da sieht man Potenzial, absolut”

Wie Kollege Straßer veranstalten auch Sie seit Jahren Kids-Camps für junge Skifahrer – sind da denn mal ein paar Vielversprechende dabei?
Da sieht man Potenzial, absolut. Bei vielleicht zwei, drei Athleten. Wenn man nach Italien, Norwegen, Frankreich oder in die Schweiz schaut, sieht man das gleiche Potenzial bei 50 Athleten. Und dann kommt da eine Doppel-Junioren-Weltmeisterin wie Anna Trocker heraus, die mit 17 im Weltcup schon zwei Mal in die Top Ten fährt. Lecko mio, fährt das Mädel gut Ski! Wir haben nur ein paar wenige, die es gilt richtig zu fördern und auch zu fordern, sodass sich nicht zu früh eine Zufriedenheit einstellt. Letzten Endes muss größer gedacht werden, um dann über sich hinauszuwachsen.

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