SPD in der Krise? Leipzigs OB verrät im Podcast, was der Partei fehlt | ABC-Z

Burkhard Jung ist einer der letzten erfolgreichen SPD-Spitzenpolitiker: Dreimal in Folge wurde er zum Oberbürgermeister von Leipzig gewählt. Die Gründe für den bundesweiten Niedergang seiner Partei benennt der 68-Jährige sehr klar: Die SPD habe die Bindung an die klassischen, nicht-akademischen Milieus verloren – und viele ihrer Themen an CDU und Grüne. „Dazwischen sind wir ein Stück weit zerrieben worden.“
Podcast-Folge
#37 Burkhard Jung über den deutschen Osten, die AfD und sein Yoga-Geheimnis
Meine schwerste Entscheidung
Eine Aussicht auf Besserung sieht Jung vorerst nicht: Die Jusos seien heute ein studentischer Jugendverband, die alte Industriearbeiterschaft gebe es kaum noch, und in den Großen Koalitionen sei die SPD noch ununterscheidbarer geworden. Jungs bitteres Fazit: „Man kann nicht mehr genau sagen, wofür die Sozialdemokratie steht.“ Auf die Frage, ob die SPD überflüssig geworden sei, antwortet Jung im Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ dieser Redaktion dennoch klar mit „Nein“. Aber die SPD schaffe es eben nicht, das zu beweisen. „Vielleicht fehlen die Willy Brandts und Helmut Schmidts.“ Persönlichkeiten, die für die Menschen glaubwürdig seien.
Jung ging 1991 in den Osten, als viele andere gerade in den Westen gingen: Als junger Lehrer verließ er seine westfälische Heimatstadt Siegen und machte Karriere in Sachsen. Erst als Pädagoge, dann als Politiker. Seit 20 Jahren ist Jung Oberbürgermeister von Leipzig und aktuell Präsident des Deutschen Städtetags.
„Wenn du Bundeskanzler in Berlin wirst, komme ich nicht mit“
Die Entscheidung für den Osten hat sein ganzes Leben verändert – aber auch das seiner Familie: Seine Frau tat sich damals schwer, seine zehnjährige Tochter protestierte heftig, sein sechsjähriger Sohn erklärte ihm: „Nur, dass du es weißt: Wenn du Bundeskanzler in Berlin wirst, komme ich nicht mit.“ Die Familie ging trotzdem.
Jung war fasziniert von der großen Geschichte Leipzigs – und von der Möglichkeit, eine neue Schule quasi aus dem Nichts heraus zu gründen. „Das hat mich angefixt.“ Bereut hat er es nie. Es gebe für ihn einen Heimatbegriff und einen Zuhause-Begriff. „Ich würde sagen, ich bin zu Hause in Leipzig, meine Heimat ist Siegen.“
Nach sieben Jahren wechselte er von der Schule in die Politik. Auf die Frage, ob ihn die Politik verändert hat, ist Jung sehr ehrlich: Er beschreibt den „unglaublichen Druck“, die permanente Öffentlichkeit. „Du gehst nicht mehr unbefangen irgendwohin. Man wird immer beobachtet.“
„Die Menschen sehnen sich nach dem Modelleisenbahn-Deutschland“
Heute, mehr als 35 Jahre nach der Wende, will Jung nicht begreifen, warum es immer noch einen Unterschied macht, wo jemand herkommt: „Ich finde es völlig irre, wie hier noch unterschieden wird und dass wir immer noch einen Konflikt zwischen Ost- und Westdeutschland aufrechterhalten.“
Man werde damit dem eigentlichen Thema nicht gerecht, findet Jung. „Wir müssen über die Machtverhältnisse, die Besitzverhältnisse und die Transformationserfahrungen reden.“ Das wirke hinein in die zweite und dritte Generation. „Wir werden mit dieser schlichten Ost-West-Thematik der Sache nicht gerecht.“
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.
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Auch die hohe Zustimmung zur AfD habe etwas mit der ökonomischen Situation zu tun – auch im Westen – und mit der Sehnsucht nach Halt, Orientierung und Heimatgefühl. „Die Menschen sehnen sich nach dem Modelleisenbahn-Deutschland.“
Den Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ können Sie auf allen gängigen Streaming-Plattformen wie Spotify, Apple Podcast und Amazon Music hören. Neue Folgen erscheinen jeden zweiten Donnerstag.





















