Neue schiitische Terrororganisation: Täter im Auftrag Teherans | ABC-Z

Seit zwei Wochen werden europaweit zahlreiche Anschläge gegen jüdische oder „zionistische“ Einrichtungen im Namen einer mysteriösen islamistischen Gruppe namens „Harakat Ashab al-Yamin al-Islamiya“ verübt, zu Deutsch: die „Bewegung der Gefährten der islamischen Rechtschaffenheit“.
In den frühen Morgenstunden des 9. März explodierte ein Sprengsatz vor einer Synagoge im belgischen Lüttich. Es folgten weitere vermeintliche und tatsächliche Angriffe in Griechenland, den Niederlanden und Großbritannien – darunter Brandanschläge auf Synagogen, eine jüdische Schule und die Krankenwagen einer jüdischen Hilfsorganisation. Der jüngste Anschlag soll sich erst am Dienstag ereignet haben, auf ein Auto vor einem jüdischen Restaurant in Antwerpen.
Die angeblich verantwortliche „Islamische Rechtschaffenheitsbewegung“ präsentiert sich als schiitische „Widerstandsgruppe“ und verbreitet Bekennervideos der Anschläge in den sozialen Medien, unterlegt mit thrillerartiger Musik und drohenden Texteinblendungen. „Im Namen Allahs ist dies die letzte Warnung. Distanzieren Sie sich unverzüglich von allen amerikanischen und zionistischen Interessen“, heißt es in einem Clip.
Auffällig ist, dass die Videos der jeweiligen Taten kurz danach in den einschlägigen Telegram-Kanälen der sogenannten Achse des Widerstands veröffentlicht werden – so nennt Iran sein antiisraelisches und antiwestliches Bündnis. Zum Beispiel auf Kanälen der Kata’ib Hisbollah in Irak oder mit Verbindungen zu den iranischen Revolutionsgarden selbst.
Aus einem Bekennervideo nach einen Brandanschlag auf Krankenwagen einer jüdischen Hilfsorganisation in London am 23. März 2026
Foto:
Screenshot/Telegram
Verstreute Zellen
Auch das Logo der „Islamischen Rechtschaffenheitsbewegung“ ähnelt denen vieler von Iran gesteuerten Proxy-Terrorgruppen: Eine gehobene Faust hält ein Gewehr, das nach rechts zeigt.
Am Wochenende erschien kurzzeitig ein eigener Telegram-Kanal der Gruppe samt aller Videos der bisherigen Anschläge. Dieser wurde in einem Bekennervideo über einen QR-Code verlinkt, ist inzwischen aber wieder deaktiviert. Eine taz-Anfrage, ob Telegram für die Sperrung verantwortlich war, ließ die Plattform unbeantwortet.
Sicherheitsexperten halten es gegenüber der taz für sehr wahrscheinlich, dass das iranische Regime die Angriffe koordiniert. „Es handelt sich um eine Tarnorganisation, die verstreute Zellen in ganz Europa nutzt, um die Anschläge zu organisieren und durchzuführen“, sagt Phillip Smyth, ein Terrorismusbekämpfungsberater aus Washington, der sich seit Jahren mit proiranischen schiitischen Milizen beschäftigt.
Ein Telegram-Video dokumentiert einen Brandanschlag auf eine Synagoge in Rotterdam am 13. März 2026
Foto:
Screenshot/Telegram
Smyth nennt das „implausible plausible deniability“. Damit ist eine Doppelstrategie gemeint, die es dem iranischen Regime ermöglicht, eigene Beteiligung abzustreiten und gleichzeitig das Drohpotential aufrechtzuerhalten, weil die eigene Verwicklung offensichtlich ist. Diese Strategie kenne er bereits aus Irak. „Es folgt einem Modell, das das iranische Ministerium für Nachrichtenwesen sowie die Revolutionsgarden längst übernommen haben.“
Die Motivationen der jeweiligen Täter könnten jedoch unterschiedlich sein, so Smyth: „Nicht alle sind überzeugte Anhänger.“ In der Vergangenheit hat Iran sowohl Minderjährige mit Migrationshintergrund als auch organisierte Kriminelle rekrutiert, um Angriffe durchzuführen.
Matthew Levitt von der Denkfabrik Washington Institute for Near East Policy glaubt, dass damit eventuell „der Eindruck erweckt werden soll, dass es da draußen eine organisierte und gefährliche Gruppe gibt, obwohl es sich in Wirklichkeit nur um Einzelpersonen handelt, die damit beauftragt sind“, Angriffe durchzuführen. „Aber es ist einfach noch zu früh, um zu sagen, wie echt diese Gruppe ist.“
Zu einem ähnlichen Schluss kommt der Terrorismusexperte Hans-Jakob Schindler von der NGO Counter Extremism Project. „Ich weiß nicht ganz klar, ob das jetzt überhaupt eine Gruppe ist“, sagt er. Name und Texte seien zwar typisch für schiitische Terrororganisationen. Aber: „Eine koordinierte Angriffsserie über drei europäische Länder, das spricht auch für einen sehr hohen Organisierungsgrad. Und eine kleine schiitische Gruppe wäre wahrscheinlich nicht in der Lage, sowas zu koordinieren.“ Dahinter vermutet er stattdessen Iran.
Verwirrung stiften
Bislang habe die „Islamische Rechtschaffenheitsbewegung“ eher „weiche Ziele“ ausgesucht, so Schindler – etwa leere Synagogen in der Nacht, in Ländern mit geringeren Schutzmaßnahmen. Solche Attacken dürften als „Warnschüsse“ dienen und sind nicht auf eine möglichst hohe Opferzahl ausgerichtet: Während dieser Anschlagsserie wurde bislang niemand getötet.
Beim vermeintlichen Anschlag in Griechenland ist bislang unklar, was das Ziel überhaupt gewesen sein soll – das Video dazu zeigt lediglich eine Explosion in einem Treppenhaus. Nach Gesprächen mit verschiedenen jüdischen Verbänden konnte die taz den Angriff nicht bestätigen.
„Solche Frontgruppen behaupten manchmal Angriffe, die nie stattgefunden haben“, sagt Phillip Smyth. „Das soll Verwirrung stiften und die Reichweite der Gruppe aufbauschen.“
Im Schatten des Irankrieges werden jüdische Einrichtungen weltweit attackiert, nicht nur im Namen der „Islamischen Rechtschaffenheitsbewegung“. Angriffe im Ausland würden zumindest zur erklärten Strategie Teherans passen.
Vergangene Woche drohte Irans Militärsprecher mit Attentaten weltweit auf Parks, Erholungsgebiete und Touristenziele. Der neue oberste Führer Irans, Modschtaba Chamenei, warnt, dass das Regime „neue Fronten“ eröffnen könnte, „wo der Feind wenig Erfahrung hat und besonders verwundbar wäre“.
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zeigt sich zutiefst besorgt: „Die Bedrohung, die vom Mullah-Regime in Iran ausgeht, ist existentiell“, sagte er der taz. Das Regime sei seit vielen Jahren einer der einflussreichsten Financiers des globalen Terrors. „Seit Langem treiben Agenten des iranischen Regimes und seiner Proxys auch bei uns ihr Unwesen.“
Die Frage bleibt, ob die mutmaßlich von Iran gesteuerte „Islamische Rechtschaffenheitsbewegung“ bei „weichen“ Zielen bleibt – oder zünftig mit „harten“ Zielen eskaliert.





















