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Lochham: Abbruchhaus als Bühne für immersives Theaterstück – Landkreis München | ABC-Z

An der Tür steht: Betreten auf eigene Gefahr. Ein pragmatischer Hinweis, aber auch ein poetischer. Denn, wer hier einkehrt, betritt nicht nur ein 90 Jahre altes, teils marodes Haus in der Lochhamer Lobmaier-Siedlung, das bald abgerissen wird, sondern gleichsam auch den Kopf eines Mannes: Eugen Hinkemann, Protagonist und Titelfigur eines Ernst-Toller-Dramas aus den frühen Zwanzigern. Der haust hier mit seinen dunklen Gefühlen und Gedanken, die verkörpert und ausgesprochen werden von gekrümmten menschlichen Gestalten in den schwach beleuchteten Räumen, oder kraftvoll aus dem Off erklingen. Atmosphärisch flankiert von Sound-, Licht- und Schatteneffekten.

Das immersive Theaterstück „Alles wankt“, das hier in den kommenden Tagen von einer Gruppe freier, junger Kunstschaffender aufgeführt wird, ist nichts für zartbesaitete Seelen. Hinkemann  ist ein versehrter Kriegsheimkehrer, dem die Genitalien weggeschossen wurden, der als „Homunkulus“ am Jahrmarkt auftritt: In ihm münden existenzielle Verzweiflung, Kriegstrauma, zerbrochene Emotionen und Unfähigkeit zur Liebe. „Fucking hoffnungslos“, wie Lulu Bogenberger, eine der Darstellerinnen, kommentiert.

Initiatorin und Spiritus Rector des Projekts, dessen theatralisch-experimentelle Umsetzung in acht Aufführungen von 26. bis 30. März realisiert wird, ist Mia Helligrath. Die 24-Jährige, die in ihrem Studiengang „Bühnenbild und Kostüm“ an der Akademie der Bildenden Künste München auf den dramatischen Stoff aufmerksam wurde, wohnt in einer WG gegenüber dem jetzt als begehbares Theater genutzten Haus im Gräfelfinger Ortsteil Lochham. Als sie erfuhr, dass besagtes Haus leer steht und die Eigentümerin einer Zwischennutzung gegenüber offen sei, verfestigte sich schnell die Idee, aus der ursprünglichen Semesterarbeit ein Konzept für ein immersives Theater zu formen.

„Ich habe mir ein Team zusammengesucht und nun wagen wir gemeinsam dieses freie Experiment“, erklärt die gebürtige Gräfelfingerin. Etwa 15 Beteiligte, davon zehn Darstellerinnen und Darsteller, fanden sich zusammen, teils aus Akademie-Kreisen, teils aus freier Theater- und Performance-Szene. Basierend auf Helligraths  konzeptioneller Arbeit, wurde das Stück „Alles wankt“ nach Tollers „Der deutsche Hinkemann“ kollektiv erarbeitet – mit quasi null Euro Budget und mit nachhaltigem Anspruch: Kostüme wurden aus Bettdecken genäht und gefärbt, Bühnenbild und Requisiten wurden selbst erstellt und besorgt, technische und grafische Effekte gestaltet.

Initiatorin und Regisseurin des experimentellen Theaterprojekts: Mia Helligrath. Robert Haas

Für Helligrath, die als Regisseurin fungiert, eine inspirierende Herausforderung: „Ich bin aufs Haus eingegangen, habe ein bisschen mit dem Haus gespielt“, sagt sie. So werden die Nachtöfen für Lichtspiele genutzt, ein Raum ist mit Erde und Knochen angefüllt, in einem anderen liegen Hanteln und hängen Boxhandschuhe, Mullbinden sind schräg-labyrinthisch zwischen die Wände gespannt. Das leicht verwinkelte, dunkle und kalt-feuchte Ambiente des Hauses von 1936, das lange von einer Pianistin und zuletzt von zwei ukrainischen Familien bewohnt war, korrespondiert ohnehin gut mit dem düsteren, expressionistischen Stoff.

Freilich: Das Team, das an diesem Montagnachmittag zur Probe erscheint, wirkt auf entspannte Art hoch motiviert, und die Mitwirkenden strahlen eine lässig-professionelle Energie und Spiellust aus, die sich ja oft in gemeinsamer kreativer Arbeit entfalten kann. „Ich wollte Leute, die wirklich Bock haben“, sagt Helligrath – das merkt man dem Geist der Gemeinschaft an.

Lulu Bogenberger und Joe Bogner Carbó existieren als Figuren und Gedanken in einem Zimmer mit Erde und Knochen (Probenszene).
Lulu Bogenberger und Joe Bogner Carbó existieren als Figuren und Gedanken in einem Zimmer mit Erde und Knochen (Probenszene). Robert Haas

Bei aller Tragik und desperaten Stimmung, die droht, wenn man tief in das aus Hinkemanns Gedanken konzipierte Stück eintaucht, mutet das Projekt andererseits vom Kontext her ja auch cool-beflügelnd und ungewöhnlich an: Experimentelles in einem gut situierten Wohnviertel am Stadtrand, eine begehbare Inszenierung in einem in der NS-Zeit erbauten Haus, inspiriert von einem jüdischen Schriftsteller, der eine wichtige Figur der Münchner Räterepublik war. Helligrath, die Tollers kraftvoll-poetische Sprache schätzt, hat in den vergangenen Wochen Gefallen an der Regiearbeit gefunden. Hilfreich dabei ist, neben dem kollektiv-kreativen Austausch, wie tief sie in den von ihr bearbeiteten Stoff eingedrungen ist. Sie spricht im Zusammenhang von Krieg und Verstümmelung über die „brüchige Fassade einer überstarken unverwundbaren Männlichkeit“, vom Problem der Wirkungsmacht des Einzelnen, von der traurigen Erkenntnis, dass die Menschen beim nächsten Mal doch wieder den Kriegstreibern gehorchen.

„Es geht auch um die Angst, dass wir nicht ernst genommen werden. Und darum, dass wir einander nicht zuhören.“ Der letzte Satz des Toller-Stückes ist aber in trotz seiner fatalistischen Ambivalenz nicht ganz ohne Hoffnung: „Jeder Tag kann das Paradies bringen, jede Nacht die Sintflut.“ Und ein paar junge, freie Kreative bringen atmosphärisch-immersives Theater an den Stadtrand.

Etliche Tickets für die Vorstellungen von 26. März bis 30. März in Lochham, Röntgenstraße, sind bereits vergriffen. Der Eintritt ist kostenlos, wegen der Platzbeschränkung im Haus muss man sich aber anmelden.  Genaue Informationen und Restkarten gibt es über die Website https://alleswankt.de

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