Kinder- und Jugendbücher im Frühjahr: Lakikak heißt Ziegenmist | ABC-Z

Haw êkwa!“ bedeutet in der Sprache der indigenen Cree Nordamerikas „Los geht’s!“. Das rufen sich auch die Kinder in Julie Fletts aktuell erschienenem Bilderbuch zu, bevor sie mutig auf ihre Rollbretter springen.
Inspiriert von Erinnerungen an die Kindheit ihres eigenen Sohnes erzählt die kanadische Autorin und Illustratorin in „Wieder da!“ von kleinen Lernschritten, denen große Veränderungen folgen.
Fasziniert beobachtet das Kind in Fletts Bildgeschichte vom Fenster die vorbeisausenden Skater auf dem Gehweg, lauscht dem monoton kratzenden Sound ihrer Rollen auf dem Asphalt und stellt sich bald schon vor, wie es wäre, selbst auf dem Board dahinzugleiten.
Julie Flett: “Wieder da!” Aus dem Englischen von Barbara Brennwald. Baobab Books, Basel 2026. 44 Seiten, 22 Euro. Ab 6 Jahren
Doch wirklich los geht es für den Jungen erst, als die Mutter nach einem Besuch im Haus der Oma ihr altes Rollbrett mitbringt: „Haw êkwa!“
Indigene Traditionen
Die Autorin Julie Flett gehört zur kanadischen Cree-Community und stellt in ihren Bilderzählungen eine zeitgenössische Verbindung zu den Gewohnheiten, der Sprache und Kultur ihrer indigenen Vorfahren her.
Für ihre einprägsam flächigen Illustrationen verwendet Julie Flett einen Mix aus farbigen Collagen, Zeichnung und der Maltechnik Gouache. Die Figuren gestaltet sie zweidimensional mit klaren Konturen, denen sie einen freundlichen und offenen Ausdruck gibt. Ihre reduzierten Darstellungen wirken zugleich wie eine Hommage an das Werk Ezra Jack Keats (1916–1983).
Für den Bilderbuchklassiker „The Snowy Day“ erhielt der New Yorker Autor und Illustrator 1963 die renommierte Caldecott Medaille für Kinderbuchliteratur. Es handelt von dem Schneeabenteuer eines afroamerikanischen Jungen in Brooklyn.
Mit zurückhaltender Aufmerksamkeit für die Details und einem spannungsreichen Wechsel der Bildausschnitte begleitet Julie Flett in „Wieder da!“ das geduldige Üben des Jungen auf dem Skateboard. Erst sitzend, balancierend, dann schon stehend, auf dem Basketballplatz stürzend, wieder an der Hand der Tante und später allein auf dem Schulhof kurvend.
Im Skatepark
Aus der Ich-Perspektive und in knappen Sätzen schildert der Junge die Fortschritte auf dem Weg zum Skatepark. „Aber als wir dort ankommen, krachen die Bretter über die Bahn wie ein tosender Wasserfall. Soll ich wirklich?“
Überraschend schnell trifft er dort auf andere Jungen und Mädchen in seinem Alter. Gemeinsam finden sie den Mut, sich auf der Bahn auszuprobieren. Julie Flett beschreibt diesen Treffpunkt der Kinder und Jugendlichen als einen sympathischen Ort der Verbundenheit – ohne Konkurrenz oder Posertum.
Mit ihnen in der Begeisterung und Bewegung vereint, findet der junge Erzähler hier bald neue Freunde. So erzählt dieses mitreißende Bilderbuch ganz unaufgeregt auch von der wachsenden Unabhängigkeit eines Kindes.
Nach einem langen Nachmittag im Park grüßt der Junge nun im Vorbeirollen seine Mutter durchs das offene Fenster: „Pê-kîwêwin!“ – „Wieder da!“
„Zuhause ist woanders“
Mirza spielt lieber Fußball. Doch in der Mannschaft der Jungen im Dorf findet der Zwölfjährige keinen Anschluss. Auch ihre Sprache, das Levarisch, versteht er nicht.
In „Zuhause ist woanders“, dem Roman der niederländischen Schriftstellerin Enne Koens, landet der junge Erzähler nach einer tagelangen Autofahrt mit dem Vater in dessen Heimatland und im Bergdorf der verstorbenen Großeltern.
Enne Koens: “Zuhause ist woanders”. Mit Illustrationen von Maartje Kuiper. Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2026. 240 Seiten, 18 Euro. Ab 9 Jahren
Die Gründe für ihre überstürzte Flucht dorthin erfährt Mirza aber erst mit der Zeit und ahnt bald, dass es kein schnelles Zurück in den vertrauten Alltag mit Lukas, seinem besten Freund geben wird.
Beim täglichen Holzsammeln im Wald ritzt er jeden Tag seines unfreiwilligen Aufenthalts mit einem Taschenmesser in einen Baumstamm ein, während er in Gedanken mit Lukas seine verzweifelte Situation berät.
Ungewöhnliche Geschichte
Einfühlsam entwickelt die Autorin eine ungewöhnliche Erzählung, die auf umfassende Weise die Herausforderung von Migration sowie die Erfahrungen von Verlust, Einsamkeit und Neuanfang thematisiert.
Auch wenn man Mirzas ursprünglichen Wohnort in einer westeuropäischen Stadt vermuten mag und das Heimatdorf des Vaters möglicherweise im Balkan liegen könnte, gibt das Buch dazu keine konkreten Hinweise.
Stattdessen bereichern allerhand fantastische Elemente die abenteuerliche Handlung. So entdeckt Mirza auf einer seiner einsamen Wanderungen hinab ins Dorf ein völlig unbekanntes Tier, ein scheues „Slüwen“.
Diesem Fantasiewesen genauso wie den Empfindungen und Erfahrungen des Neuankömmlings verleiht die Illustratorin Maartje Kuiper eine ganz eigentümliche Gestalt auf ihren Bildern. Die zarten Zeichnungen in Orange-, Braun- und Grautönen erweitern die Erzählung um eine weitere, atmosphärische Ebene.
Levarisch lernen
Einen hilfreichen Rat bekommt Mirza in der Fremde wieder einmal im inneren Dialog mit Lukas: „Du musst lernen, dieses Land zu begreifen. Es wäre aber praktisch, wenn du Levarisch könntest.“
Wirkungsvoll hat Enne Koens für „Zuhause ist woanders“ eine eigene Sprache erfunden und im Anhang sogar ein Levarisches Wörterbuch angehängt. „Prinzip“ bedeutet Reißverschluss, „Lakikak“ heißt Ziegenmist und „Zopa“ ist Suppe.
Doch erst in der Freundschaft zu Selin findet Mirza den fehlenden Schlüssel, um in dem fremden Land ankommen zu können. Das Mädchen weicht seinem Blick nicht aus wie die anderen Mitschüler im Dorf und sie ist ebenso begeistert vom Fußball wie er.
An ihrer Seite gelingt es Mirza, die Regeln des Dorfes zu verstehen und er findet endlich Antworten auf Fragen, zu denen sein Vater schweigt. Gemeinsam verabreden sich die zwei Meskali-Kinder zu einer geheimnisvollen Mutprobe auf dem höchsten Berg.
Ein schlauer Hund
Um neue Worte geht es auch in „Lass das Lesen, Leo!“, einer schwungvoll erzählten Comic-Geschichte mit Rollentausch. Leo ist ein ziemlich schlauer Hund, der sogar sprechen kann. Er und sein Halter sind ein gutes Gespann.
Der ältere Herr (vielleicht das Alter Ego des Autors, Andreas Greve), von der Illustratorin Lena Winkel mit tierähnlichen Gesichtszügen gezeichnet, genießt an Leos Seite die ausgiebigen Spaziergänge durch den Wald und an den Strand – bis Leo eines Tages für sich das Lesen entdeckt.
Andreas Greve (Text) und Lena Winkel (Illustration): “Lass das Lesen, Leo! Ein Comic zum Selber- oder Garnichtlesen”. Kibitz Verlag, Hamburg 2026. 72 Seiten, 18 Euro. Ab 5 Jahren
Mit minimaler Hilfestellung seines Begleiters gelingt es dem Hund schon bald, jedes Schild auf ihrem Weg zu entziffern. Das verändert auch die Dynamik im Team. Denn nun will Leo nicht mehr in den Wald, sondern dorthin, wo es Schilder zum Lesen gibt, in Supermärkte oder die Fußgängerzone. Drei Tage hintereinander verbringen er und sein Herrchen am Bahnhof.
„Anschlussreisende. Fahrausweise. München, Stuttgart, Köln, Aachen, Emden, Leer.“ Während Leo begeistert liest, ist die Laune seines Begleiters im Keller. Nun muss sich der Mann etwas ausdenken.
Subtiler Humor
Mit feinem Humor inszeniert Lena Winkel das Verhältnis der Protagonisten und die subtilen Verschiebungen in ihrer Beziehung. Der Autor des Textes, Andreas Greve verstarb 2023.
In dynamisch ineinander übergehenden Szenen, ohne die Begrenzungen von Panels, entwickelt die Zeichnerin das Abenteuer dieser eindrücklichen Charaktere. In einer abwechslungsreichen Dramaturgie mischen sich ganzseitige Bilder mit bewegungsreichen Sequenzen ab, ebenso Sprechblasen mit kurzen Textpassagen.
Um seinen vierbeinigen Freund wieder zurück in den Wald zu locken, lässt sich der Mann so einiges einfallen. Trotzdem bleibt ihr Verhältnis zunächst angespannt, bis plötzlich am Strand ein neues Schild auftaucht. Nur gut, dass Leo lesen kann.





















