Hypnose oder Wettstreit mit dem Bewusstsein: In welchem Verhältnis stehen Kunst und KI? | ABC-Z

Kaum ein Tag ohne Meldung über neue, bedrohliche KI-Anwendungen. Aktuell geht es um Waffen, die eigenständig Krieg führen können oder um digitalen Missbrauch durch Fake-Pornografie. Da wirkt es fast trivial, sich mit KI-Kunst zu befassen. Doch bedeutet das Nachdenken über Kunst zugleich eine Vergewisserung der mentalen Ressourcen des Menschen: seine Art zu denken, die Welt wahrzunehmen, Entscheidungen zu treffen.
Künstliche Intelligenz ist zweifellos eine Technologie, die die Menschheit eine Weile beschäftigen wird. Aber kann KI Kunst? Nein, sagt der Medienphilosoph Dieter Mersch. Sein gleichnamiges Buch gibt umfassend Auskunft, warum das so ist. Die Lektüre gibt tiefe Einblicke sowohl in die Black Box KI als auch in den Werkzeugkasten der Ästhetik, der bei der rasanten Entgrenzung des Kunstbegriffs in Vergessenheit geraten ist. Zwei Ausstellungen in Karlsruhe führen den Unterschied zwischen maschinell generierter Kunst und humaner Kunst kritisch vor Augen.
Im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) lädt ein Projekt des Medienkünstlers Refik Anadol noch bis 27. März zur „Happy Hour“ ein. Auf einer achteinhalb Meter hohen LED-Wand simulieren bewegte Farbmassen ein abstraktes Schauspiel erhabener Naturkräfte. Die Data Sculpture „Machine Hallucinations – Satellite Simulations – B“ (2021) speist sich aus zwei Millionen Fotografien des Planeten Erde, aufgenommen von verschiedenen Weltraumteleskopen, deren Bilder allerdings im Mahlstrom der konvulsiven Knetbewegungen der KI untergehen. Entspannte Lounge-Atmosphäre, psychedelische Ambient Music, eine Bar. Was will man mehr?
„The Screen“. Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, bis 29. April
Anna Barham: „delirious mantra“. Badischer Kunstverein, Karlsruhe, bis 14. Juni
Ein sinnloser, narkotisierender Pudding
Anadol gehört zu den Medienkünstlern, die neueste Formen von Generativen Adversarial Networks (GAN) nutzen. Mersch legt in seinem Buch offen, dass bei dieser für Kunstanwendungen beliebten multimodalen Anwendung an zentraler Stelle ein Zufallsmaß ins Spiel komme, und sieht solche Projekte skeptisch. „Die Aussage, dass die Technologie der GANs unsere Weise, über Kunst und Kreativität nachzudenken, revolutionieren wird, schrumpft damit auf die Einfältigkeit eines Zufalls ohne Einfall.“ Auch der berühmte Kunstkritiker Jerry Saltz verwarf 2024 in der New York Times ein ähnliches Projekt Anadols. Es sei „sinnlos, gefällig, ein narkotisierender Pudding“.
Die monumentale Arbeit ist Teil eines improvisierten Ausstellungsformats, das den aufgrund der städtischen Sparmaßnahmen unbespielten ZKM-Lichthof mit Leben füllen soll. Unter dem Titel „The Screen“ werden nacheinander drei verschiedene Arbeiten gezeigt, die unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine vorstellen. Der Präsentation Anadols folgt ein Projekt von Sasha Stiles, einer amerikanischen Dichterin und KI-Forscherin, die generative KI-Modelle für ihre Textproduktion nutzt und KI als Co-Autorin versteht (29. März bis 10. April).
Laut ZKM versteht Stiles Künstliche Intelligenz als mögliche Erbin der Poesie. Diese Aussage lässt aufhorchen, zumal auf ihrer Homepage zu lesen ist, dass Ray Kurzweil, ein Vertreter des Posthumanismus, ihre Arbeit gelobt habe. Man darf gespannt sein, worauf ihre Arbeit hinausläuft. Den Schlusspunkt setzt das von Software-Entwicklern des ZKM konzipierte partizipative Projekt „Agent Provokateur“, das in Echtzeit ausgelöste „kreative Prozesse“ sichtbar macht und die Grenzen der Künstlichen Intelligenz aufzeigen soll (11. bis 26. April).
KI kennt keine feinen Unterschiede
Künstlerisches Denken sei ohne reflexives Denken, ohne Vernunft und Verstand nicht möglich, sagt Mersch. Das tut jedoch dem Siegeszug der KI-Kunst keinen Abbruch. Offenbar muss Künstliche Intelligenz erst auf alle erdenkliche Weise gegen den Strich gebürstet werden, um den Hype zu brechen. Dabei liegt es auf der Hand, dass die mangelnde Fähigkeit der Technologie, feine Unterschiede zu bewerten und relevante Inhalte von unwichtigen zu unterscheiden, ein Problem darstellt. Verschachtelte neuronale Netzwerke, Milliarden von Daten, zahllose Musterabgleichungen, die unvorstellbar viel Rechenleistung und Energie erfordern, sollen die Komplexität der Wahrnehmung und des Denkens des Menschen ersetzen. Was für ein Irrsinn.
Sich von der KI berieseln lassen bei Refik Anadols „Machine Hallucinations – Satellite Simulations – B“ von 2021 im ZKM Karslruhe
Foto:
Foto: ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, Chiara Bellamoli, © Refik Anadol
Museen wie das Museum of Modern Art in New York öffnen ihre Häuser für solche, in ihrer bombastischen Harmlosigkeit zutiefst verstörende Produktionen. Weil immersive Farbwelten Faszination auslösen? Trauen sich die Experten schlicht nicht, sich der innovativen, allmächtig wirkenden Black-Box-Technologie zu verweigern?
Ein wichtiger Aspekt der Funktionsweise Künstlicher Intelligenz ist der technische Zufall, der mit dem Zufall, wie ihn die Avantgarden des 20. Jahrhunderts eingesetzt haben, nicht verwechselt werden darf. Der technische Zufall der von Computerkünstlern der Stuttgarter Schule in den 1960er Jahren geschaffen Werke etwa zielte laut Mersch darauf, entsprechend „einer humanen Bewertung als ‚schön‘, ‚harmonisch‘ oder (…) ‚gehaltvoll‘ erscheinende grafische Strukturen zu schaffen, während die avantgardistischen Ökonomien des Zufalls auf einen Umsturz im Ästhetischen“ abzielten.
Künstlerin Anna Barham geht es nicht um Effekte
Die britische Künstlerin Anna Barham (*1974) wiederum nutzt die Fehler von einfachen Sprache-zu-Text-Programmen, um poetische Sprünge herzustellen. Die Britin stellt parallel zur ZKM-Präsentation im fußläufig zwanzig Minuten entfernten Badischen Kunstverein aus. Mathematik und Philosophie bilden den Hintergrund ihrer experimentellen Arbeiten. Ihr Interesse gilt der Sprache, die sie, wie übrigens auch Sasha Stiles, als eine Art Technik begreift. Doch geht es Barham nicht um Effekte, sondern um die Erforschung der Untiefen der Sprache, um die Erkundung von Stimmlage und Sprechrhythmus.
In ihrer neuesten Arbeit, der 5-Kanal-Soundinstallation ZYX, baute sie die Halluzinationen genannten Fehler der Künstlichen Intelligenz in ihre Erzählung ein. Diese berichtet von einer psychedelischen Erfahrung.
In einem leicht abgedunkelten Raum liegt ein großer Teppich, der im Licht der Scheinwerfer wie ein Abgrund bewegter Strudel wirkt. Der Klang eines Metronoms, eine aus der Ferne herangewehte Musik, dumpfer Herzschlag. Die Außenwelt verschwindet. Was bleibt, ist eine Stimme, die das Alphabet rückwärts aufsagt, übergeht in ein kosmisches Dröhnen, das auf- und abschwillt.
Eine Frau liegt im Gras, Vögel zwitschern, der Wind fährt durch die Baumkronen, der Himmel erstreckt sich grenzenlos über ihr. Ein Gesicht schiebt sich dazwischen, das Gesicht ihres Vaters, der starb, kurz nach ihrer Geburt oder als sie sehr jung war – das wird nicht ganz klar. Die Erzählung bricht ab, setzt wieder ein. Sie besteht aus einzelnen Bildern, Erinnerungsfetzen, die ein Fenster zur Vergangenheit aufstoßen. Fünfzehn Minuten dauert der Trip, gefühlt ist es nur ein kurzer Moment.
Maschinelle Fehlinterpretation
Um maschinelle Fehlinterpretationen ihrer Erzählung hervorzurufen, nutzte die Künstlerin für ZYX ein Spracherkennungssystem. Zudem programmierte sie einen Audiofilter, der Merkmale der Sprache wie Zögern, Wiederholung, Atmung, Akzent und Stimmbelastung verstärkt. Die Aufmerksamkeit verlagert sich auf diese Weise auf die körperlich bedingten Eigenschaften der Stimme.
Barham löst eine Reise ins Bewusstsein aus, die Zuhörer und Zuhörerinnen mitnimmt, ohne konkrete Reiseziele zu bestimmen. Während KI-Kunst weder Vergangenheit noch Zukunft kennt, auf die sie sich beziehen kann, konfrontiert Barham das Publikum mit dem Tiefenraum menschlichen Erlebens. Ihre Halluzinationen sind keine Träumereien, sondern wurzeln in einem Schmerz.
Mersch fordert ein eben solches, unabhängiges künstlerisches Denken, das sich von der algorithmischen Rationalität absetzt. Zentrale Punkte des Kunstmachens sei das permanente Hinterfragen der eigenen Arbeit und eine Zeitgenossenschaft im Sinne einer Auseinandersetzung mit der Gegenwart und der Vergangenheit. Er plädiert dafür, Kunst wieder mehr in der Nähe der Philosophie anzusiedeln. In der Ära der Hypertechnologien könnte das eine gute Idee sein.





















