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Israels Krieg im Libanon: Sanitäter im Visier | ABC-Z

Seit drei Wochen hat der Arzt Ghassan Abu-Sittah kaum Pause. Der plastische Chirurg hilft Kindern, die durch israelische Bomben im Libanon verletzt wurden. Er berichtet von Metallsplittern im Bauch eines Mädchens, von Splittern in Gesichtern und Augen, Knochenbrüchen, multiplen Frakturen. „Die Kinder, die wir im Krankenhaus sehen, wurden alle in ihren Häusern verwundet – als diese Häuser angegriffen wurden“, sagt er. Das jüngste Kind sei 4 Jahre alt, das älteste 16 gewesen. „Neben den körperlichen Verletzungen verlieren die Kinder auch ihre Familienmitglieder. Wir hatten Patienten, die Eltern und Geschwister verloren haben und nun auch ihr Zuhause.“

Der britisch-palästinensische Arzt leitet die pädiatrische Intensivstation im Krankenhaus der Amerikanischen Universität Beirut. „Der Anteil verletzter Kinder in diesem Krieg nähert sich mittlerweile 25 Prozent“, sagt Ghassan Abu-Sittah der taz. Im Ukrainekrieg seien 12,5 Prozent aller Opfer Kinder, sagt er zum Vergleich.

Der Chirurg hat mehrere Male im Gazastreifen gearbeitet – zuletzt für 43 Tage im Oktober 2023, unter israelischer Belagerung der inzwischen zerstörten Krankenhäuser Al-Ahli und Al-Shifa. Libanon sei „eine kleine Version von Gaza“, sagt Abu-Sittah. „Die Intensität ist weitaus schlimmer als im vorherigen Libanonkrieg, und das Muster sowie die gezielten Angriffe auf Wohnhäuser sind äußerst besorgniserregend“, so Abu-Sittah gegenüber der taz.

Der Fluss Litani soll neue Grenze werden

Israels Armee hat angekündigt, ihre Invasion im Libanon auszuweiten. „Der Einsatz gegen die Terrororganisation Hisbollah hat gerade erst begonnen“, erklärte Armeechef Ejal Samir am Sonntag. Es handele sich einen „langwierigen Einsatz“. Die Armee bereite sich nun darauf vor, „die gezielten Bodeneinsätze und Angriffe entsprechend einem organisierten Plan voranzutreiben“.

Die israelische Armee hatte am Mittwoch angekündigt, verstärkt Brücken und Übergänge über den Fluss Litani ins Visier zu nehmen, um den Süden des Libanon vom Rest des Landes abzuschneiden. So solle die Hisbollah daran gehindert werden, Verstärkung und Waffen zu transportieren. Zwei Brücken wurden nach Armeeangaben bereits am Mittwoch zerstört. Man werde nicht aufhören, „bis die Bedrohung von der Grenze verdrängt ist und langfristige Sicherheit für die Bewohner Nordisraels gewährleistet ist“. Die Bewohnerinnen und Bewohner großer Teile des Südlibanon hat die Armee bereits zur „Evakuierung“ aufgerufen. Sie will dort nach eigenen Angaben eine „Pufferzone“ errichten.

Am Montag zerstörte sie mit einem Luftangriff eine Brücke über den Litani und unterbrach eine wichtige Verbindung zwischen der Stadt Nabatije und dem weiter südlich gelegenen Wadi al-Hudschair, wie die staatliche Nachrichtenagentur NNA berichtete. Am Sonntag hatte Israel bereits die Brücke al-Kasmijeh nahe der Hafenstadt Tyros im Südlibanon angegriffen. Der libanesische Präsident Joseph Aoun bezeichnete Israels Angriffe auf Brücken in der Region als „gefährliche Eskalation“ und „Vorspiel zu einer Bodeninvasion“.

Mehr als 1.000 Tote seit Anfang März

Seit dem 2. März hat die israelische Armee bei ihren Angriffen 1.039 Menschen im Libanon getötet und 2.876 verwundet. Darunter sind 118 getötete und 380 verletzte Kinder, so das libanesische Gesundheitsministerium. Israel hat 5 Krankenhäuser, 18 Gesundheitszentren sowie 42 Krankenwagen angegriffen. Dabei wurden 40 Rettungskräfte getötet und 119 verwundet, zählt das Ministerium.

Israels Militär habe „wiederholt Rettungsteams ins Visier genommen, die an vorderster Front im Einsatz waren“, sagt ein Sprecher des Gesundheitsministeriums. Bei einem Angriff auf das Gesundheitszentrum in Burj Qalawiya am 14. März wurde das gesamte medizinische Personal des Zentrums getötet: 12 Ärzte, Sanitäter und Krankenschwestern, so das Ministerium.

Das Zentrum wurde in Zusammenarbeit mit NGOs unter Aufsicht des Gesundheitsministeriums betrieben, erklärt das Gesundheitsministerium. „Der Angriff war somit eindeutig gezielt auf eine zivile Gesundheitseinrichtung im Libanon.“

Angriffe auf medizinisches Personal

Getötet wurden Sanitäter des Roten Kreuzes, des staatlichen Zivilschutzes sowie des Gesundheitsdienstes der islamischen Pfadfindervereinigung, der von der schiitischen Partei Amel finanziert wird. Die Mehrheit der Angriffe richtete sich gegen den Islamischen Gesundheits-Verband (IHA). Der ist mit dem zivilen Arm der Hisbollah verbunden und arbeitet mit dem libanesischen Gesundheitsministerium zusammen.

Israels Militärsprecher Avichay Adraee behauptet, Krankenwagen und medizinische Einrichtungen im Libanon würden für militärische Zwecke genutzt. Das libanesische Gesundheitsministerium weist das zurück. Israel mache Rettungssanitäter zu „direkten Zielen“.

Der Guardian interviewte neun medizinische Fachkräfte, darunter Augenzeugen israelischer Angriffe auf drei verschiedene medizinische Einrichtungen. Er besuchte drei zerstörte medizinische Zentren und untersuchte zwei beschädigte Krankenwagen. An keinem der Orte fanden sich Spuren militärischer Nutzung.

Gezielte Angriffe sind Kriegsverbrechen

„Maßgeblich ist ausschließlich, ob eine Person zum Zeitpunkt des Angriffs ausschließlich humanitäre Aufgaben wahrnahm“, erklärt die Initiative Deutsche JuristInnen für das Völkerrecht der taz. An der Einordnung waren drei Ju­ris­t*in­nen beteiligt. Nach dem humanitären Völkerrecht, insbesondere den Genfer Konventionen und den Gewohnheitsrechtsnormen sei medizinisches Personal Kraft seiner Funktion, nicht Kraft seiner institutionellen Zugehörigkeit geschützt. „Selbst Personen, die einer bewaffneten Organisation wie der Hisbollah angehören oder nahestehen, verlieren ihren Schutz nur dann und nur so lange, wie sie unmittelbar an Feindseligkeiten teilnehmen.“

Die wiederholten, mutmaßlich gezielten Angriffe auf IHA-Sanitäter, Krankenwagen und medizinische Zentren erfüllten potenziell den Tatbestand von Kriegsverbrechen nach Artikel 8 des Statuts des Internationalen Gerichtshofs. „Angesichts von mindestens 128 getroffenen Einrichtungen deutet das Muster zusätzlich auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit hin.“

Gezielte Angriffe auf Sanitäter, während ihrer humanitären Arbeit, können ein Kriegsverbrechen sein, sagt auch Amnesty International. „Zivilpersonen, einschließlich medizinisches Fachpersonal, verlieren ihren Schutzstatus nicht allein aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer Organisation“, erklärt Kristine Beckerle, stellvertretende Regionaldirektorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International. „Daher sind direkte Angriffe auf medizinisches Personal und Zivilschutzmitarbeiter allein aufgrund ihrer Tätigkeit für mit der Hisbollah verbundene Institutionen strengstens verboten.“

Die Gewalt von 2024 wiederholt sich

Das israelische Militär hatte bereits während der Eskalation im Jahr 2024 im Libanon rechtswidrig medizinische Einrichtungen und ihr Personal angegriffen. Dabei wurden laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 226 medizinische Fachkräfte getötet.

Amnesty hatte vier israelische Angriffe auf medizinische Einrichtungen und Krankenwagen untersucht, bei denen zwischen dem 3. und 9. Oktober 2024 medizinisches Personal angegriffen und dabei 19 Menschen getötet und 11 verletzt wurden. Amnesty fand keine Hinweise darauf, dass die Einrichtungen oder das Personal für militärische Zwecke genutzt wurden, und forderte die Untersuchung der Angriffe als Kriegsverbrechen. Bisher ist das international nicht geschehen.

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