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Performance in den Sophiensælen: Wenn der Witz stirbt | ABC-Z

Sie isst eine Banane, läuft unbeteiligt über die Bühne des intimen Hochzeitssaals der Sophiensæle. Dann greift die Peformancekünstlerin Melanie Jame Wolf während ihrer Performance „Finite Jest“ zur E-Gitarre und spielt Neil Youngs „Hey Hey, My My (Into the Black)“: ausbrennen oder still verrotten? Kurz darauf rutscht sie slapstickhaft auf der Bananenschale aus. Tod und Witz, beieinander, von Anfang an. Das Versprechen der Performance ist sofort greifbar.

„Finite Jest“ interessiert sich, so der Beschreibungstext der Sophiensæle, für „die Grenze, an der der Witz stirbt“. Wie kann Humor, dieses absurde menschliche Werkzeug, die Tatsache des Todes erträglich machen? Wolf nähert sich dieser Frage nicht theoretisch, sondern aus bitterem, persönlichem Anlass: einer Brustkrebsdiagnose.

In ihren stärksten Momenten bewegt sich die Performance genau dort, wo Humor zur einzigen erträglichen Antwort auf die eigene Endlichkeit wird. Doch den schmalen Grat zwischen „mit ihr“ und „über sie“ lachen hält Wolf nur dort, wo sie sich selbst zum Gegenstand macht. Sobald sie anfängt, andere vorzuführen, verliert der Abend seine Balance.

Das Format – eine Mischung aus Stand-up, Essay-Performance und theatraler Revue – trägt die Thematik gut. Wolf hat eine charismatische Bühnenpräsenz und die assoziative Abfolge von Bildern und Szenen wie einem mittelalterlichen Slapstick-Tanz in Narrenkappe, einem suchenden Scheinwerfer, einem endlosen Taschentuch oder einem singenden Totenkopf haben ihren Reiz. Doch die Teile verstärken sich zu selten gegenseitig. Die Performance stellt nebeneinander, ohne zu verdichten. Eine Szene, in der sich die Fäden zusammenziehen, fehlt.

Es fehlt die Selbstkritik

Dazu kommt ein inhaltliches Problem: Wolf hört irgendwann auf, über den Tod nachzudenken, und macht andere zum Gegenstand ihrer Kritik. Ihr Social-Media-Post über die Krebsdiagnose löste eine Flut von gutgemeinten, aber banalen Reaktionen aus: Kriegsmetaphern („You are a fighter“), Durchhalteparolen, das reflexartige Anbieten der eigenen Güte. Wolf zerlegt das mit spitzer Zunge – und nimmt sich dabei vollständig aus der Kritik heraus. Als wäre sie die Einzige, die durchschaut, wie beschränkt all das ist. Als hätte sie selbst nie unbeholfen reagiert, wenn das Leid anderer sie überfordert hat.

Eine Problematik, die sie zu Beginn selbst benannt hat: Ein Witz auf Kosten anderer könne verheerend sein – „being the butt of a joke can be excruciating“. Auf den Moment, in dem sie das auf sich selbst anwendet, wartet man vergeblich. Dabei liegt er so nah. Einmal beschreibt sie ihre Zimmernachbarin nach der ersten Operation – Frau Falke – in einem ähnlich herablassenden Ton: eine nervöse, lärmende, raumgreifende Frau. Doch dann gesteht sie dieser Frau zu, dass sie vielleicht nur anders mit der tödlichen Krankheit umgeht als sie selbst: „Frau Falke und ich versuchen beide verzweifelt, nicht zu sterben.“

Solche Momente, in denen Wolf aufhört, andere vorzuführen und anfängt zu erzählen, sind die stärksten des Abends. Etwa wenn von ihrem fünfjährigen Sohn gehandelt wird, der sie fragte, was passiert, wenn man stirbt. Sie antwortete ihm: Stell dir vor, du schläfst auf dem Autorücksitz ein, auf der Heimfahrt von einem Abendessen bei Freunden, und die Person, die du am meisten liebst, trägt dich ins Haus und legt dich ins Bett, ohne dass du die Augen öffnen musst. Einfach weiterschlafen. Der Tod als tiefste Geborgenheit.

„More than this, there is nothing“. Mit Roxy Music endet die Performance, wie sie begann: Der Moment ist alles, was bleibt. Ein stimmiger Schluss, und doch bleibt nach dem Abend das Gefühl, dass „Finite Jest“ mehr hätte sein können: eine Performance, die über den Tod nachdenkt, ohne andere dabei lächerlich zu machen.

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