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Verluste bei den Stichwahlen in Bayern: Die Luft für Markus Söder wird dünner – Bayern | ABC-Z

„Heute ist ein ganz besonderer Tag“, hatte Markus Söder am Sonntagmorgen auf Instagram angekündigt. So kam es dann auch, aber nicht so sehr wegen Captain-Kirk-Darsteller William Shatner, dem CSU-Parteichef Söder in seinem Clip zum 95. Geburtstag gratulierte. Es wurde ein besonderer, ja, historischer Tag, weil die Stichwahlen in Bayerns Städten und Landkreisen die politischen Kräfteverhältnisse massiv verschoben haben. So massiv, dass es selbst Söder die Sprache verschlagen hat. Am späten Sonntagabend lief auf seinen Social-Media-Kanälen immer noch der Star-Trek-Clip. Zur Kommunalwahl? Kein Kommentar. Für den Fall also, dass da etwas an ihm vorbeigegangen ist: fünf Erkenntnisse nach den Stichwahlen.

Für Markus Söder wird es ungemütlich

Vor der Kommunalwahl stellte die CSU 53 Landrätinnen und Landräte. Nach der Wahl? Sind es nur noch 40. In den 25 kreisfreien Städten hielt die CSU zuletzt zwölf Rathäuser. Künftig? Sind es nur noch zehn. In Augsburg fiel die amtierende Oberbürgermeisterin Eva Weber in der Stichwahl durch, in Regensburg scheiterte Astrid Freudenstein trotz eher schwacher Konkurrenz, in München hatte CSU-Kandidat Clemens Baumgärtner die Stichwahl sogar verpasst. In den vier größten Städten des Freistaats konnte sich die CSU lediglich in Nürnberg durchsetzen, Marcus König bleibt dort Oberbürgermeister.

Während Markus Söder am Stichwahlabend schwieg, versuchte sein Generalsekretär umgehend, den CSU-Parteichef von jeder Verantwortung freizusprechen. „Die ganz unterschiedlichen Wahlergebnisse zeigen, dass die Kommunalwahlen echte Persönlichkeitswahlen sind“, sagte Martin Huber. Aber natürlich ist die Bilanz der Kommunalwahl 2026 auch eine schwere Niederlage für Söder.

Man darf deshalb gespannt sein, wie die CSU reagiert. Bereits beim Parteitag im Dezember hatten etliche Delegierte ihre Unzufriedenheit mit Söder gezeigt. Nur noch 83,6 Prozent gaben ihm ihre Stimme. Schon vor der Kommunalwahl waren ja die Wahlerfolge unter Söder überschaubar gewesen – nun kommt eine weitere Enttäuschung dazu. Auch bei den Stadt-, Gemeinderats- und Kreistagswahlen hatte die CSU insgesamt nur 32,5 Prozent geholt. Es ist ihr schlechtestes Kommunalwahlergebnis seit fast einem Dreivierteljahrhundert.

Hubert Aiwanger kann aufatmen

Die Stichwahlen waren auch ein Fernduell zwischen Markus Söder und Hubert Aiwanger. Zwei Wochen lang sind der CSU-Vorsitzende und der Chef der Freien Wähler durch Bayern getourt, um für ihre Kandidatinnen und Kandidaten zu werben. In gleich 23 Landkreisen gab es einen direkten Zweikampf zwischen CSU und FW, deren Chefs jeweils von sich behaupten, die einzig wahre Kommunalpartei im Freistaat zu sein. Am Ende gibt es einen klaren Punktsieger: Hubert Aiwanger.

Für Hubert Aiwanger (rechts) war der Sonntag ein erfolgreicher Stichwahlabend. In Landshut wird FW-Mann Alfred Holzner (Mitte) neuer Landrat , er folgt auf Peter Dreier (links), der ebenfalls den FW angehört. Foto: Robert Haas

Insgesamt 19 Stichwahlen konnten dessen Freie Wähler im landespolitischen Wettstreit der beiden Koalitionsparteien gewinnen, die CSU nur vier. Besonders prestigeträchtig sind die Erfolge in jenen Landkreisen, in denen die FW ihre Landrätinnen und Landräte nicht nur halten konnten, sondern Posten der CSU geklaut haben. In insgesamt 15 Landkreisen war das der Fall, umgekehrt konnte die CSU die FW nur in einem einzigen Kreis ablösen: in Freising.

Die Freien Wähler haben die Zahl ihrer Landrätinnen und Landräte insgesamt verdoppelt – von 14 auf 28. Auch FW-Chef Aiwanger war zuletzt nicht mehr unumstritten in seiner Partei. Doch während die Luft für Söder dünner wird, darf Aiwanger nun ein wenig durchschnaufen.

SPD und Grüne können noch gewinnen

Was bleibt nach der Kommunalwahl noch übrig von der SPD? Das war die Frage, die in den vergangenen Wochen in der Partei herumgeisterte. Am Ende muss man sagen: Es ist mehr übrig geblieben als viele erwartet hatten. Sicher, am Sonntagabend hat die Niederlage des Münchner SPD-Oberbürgermeisters Dieter Reiter die Bilanz der Partei überschattet. Und auch in Aschaffenburg, Erlangen, Hof und Weiden haben die Sozis ihre Stichwahlen verloren. Auf der anderen Seite stehen aber ein paar ganz besonders süße Triumphe für die SPD.

In Augsburg muss OB Eva Weber ihr Büro im Rathaus für Florian Freund (SPD) räumen.
In Augsburg muss OB Eva Weber ihr Büro im Rathaus für Florian Freund (SPD) räumen. Foto: Stefan Puchner/dpa

In Augsburg, Bayern drittgrößter Stadt, ist es Florian Freund gelungen, der CSU-Oberbürgermeisterin Eva Weber das Rathaus abzunehmen. Das Stichwahl-Ergebnis fiel nicht einmal knapp aus: 56,6 Prozent. Und in Regensburg, der viertgrößten Stadt, konnte SPD-Kandidat Thomas Burger die favorisierte CSU-Kandidatin Astrid Freudenstein bezwingen. Im ersten Wahlgang hatte Burger mit 19,1 Prozent noch deutlich hinter Freudenstein (37,5) gelegen. Am Sonntag schraubte er sein Ergebnis dann auf 53,2 Prozent. In Bayreuth, Rosenheim und Schweinfurt konnte sich die SPD ebenfalls durchsetzen.

Auch die Grünen konnten ihre Bilanz am Stichwahlsonntag aufhübschen. Nach dem enttäuschenden Gesamtergebnis in Kreistagen, Stadt- und Gemeinderäten (13,6 Prozent, minus 3,9 Punkte) triumphierte nicht nur OB-Kandidat Dominik Krause in München. Auch bei der Landratswahl in Landsberg am Lech setzte sich Grünen-Kandidatin Daniela Groß gegen ihren CSU-Konkurrenten durch.

Der Amtsbonus zählt nicht mehr

Selten, womöglich noch nie, wurden bei einer Kommunalwahl in Bayern so viele Landräte und Oberbürgermeisterinnen abgewählt wie diesmal. Betrachtet man jeden einzelnen Fall für sich, finden sich jeweils ganz eigene Gründe. In München hat sicherlich Dieter Reiters Umgang mit seinem Engagement beim FC Bayern eine Rolle gespielt. Im Kreis Kelheim ist CSU-Landrat Martin Neumeyer auch wegen der Debatte um die unsichere Zukunft des Mainburger Krankenhauses abgewählt worden. In Ansbach waren ebenfalls die Emotionen wegen der Kliniken hochgekocht. Dort verlor Landrat Jürgen Ludwig (CSU) die Stichwahl.

Und trotzdem, in der Gesamtschau entsteht zumindest der Eindruck, dass sich eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit den etablierten Politikerinnen und Politikern ausgebreitet hat. Ein Phänomen, das man bislang eher aus der großen Politik kannte, im Kommunalen nicht so sehr. Kann es sein, dass da ein Unbehagen von oben nach unten strahlt? Noch gibt es keine Studien zu dieser sehr speziellen Kommunalwahl in Bayern. Eine Untersuchung wäre sie auf jeden Fall wert.

Es gibt keine Gewissheiten mehr

Auf dem Land kann die CSU einen Besenstiel aufstellen, der Stiel wird trotzdem gewählt? Früher hat man sich das ja erzählt in Bayern, und da war auch etwas dran. So ganz stimmt die Besenstiel-Theorie schon länger nicht mehr, aber spätestens jetzt gehört sie der Vergangenheit an.

Die Freien Wähler sind eine Landpartei? Ja, sind sie immer noch. Doch erstmals stellt die Partei nicht nur Landräte, sondern auch zwei Oberbürgermeister. In Kempten und Amberg, keine Metropolen, aber zweifellos Städte.

Die Grünen sind eine Stadtpartei? Auch das stimmt noch, siehe München und Würzburg, wo sie nun jeweils einen Oberbürgermeister stellen. Allerdings: Erneut ist es den Grünen gelungen, auch ein Landratsamt zu gewinnen. Bei der Wahl 2020 in Miltenberg, nun in Landsberg am Lech.

Die Freien Wähler gewinnen in Städten, die Grünen auf dem Land, die CSU bröselt, kein Amtsinhaber ist mehr sicher – so richtig gewiss scheint nach dieser Kommunalwahl nur eines zu sein: dass es keine Gewissheiten mehr gibt.

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