Darmstadt gegen Schalke in der 2. Liga: Mit brutaler Energie Richtung Aufstieg – Sport | ABC-Z

Zu den ungeschriebenen Gesetzen im Fußball gehört es, öffentlich auf keinen Fall zu selbstbewusst aufzutreten. Ebenso klar, wie dass der FC Bayern Meister wird, ist also, dass jeder das Offensichtliche aussprechen darf – es sei denn, er arbeitet beim FC Bayern.
Eine Liga darunter ist die Lage an der Tabellenspitze zugegebenermaßen nicht ganz so klar. Nach dem 1:1 zwischen Tabellenführer Schalke 04 und dem Zweiten Darmstadt sind die SV Elversberg und der SC Paderborn einstweilen sogar an den Lilien vorbeigezogen, während Schalke Erster bleibt. Schon am Freitag hatte Hannover, das den Fünfkampf um den Aufstieg komplettiert, gegen Braunschweig gewonnen.
:Schalke hat wieder einen bescheidenen König
Der skeptisch beäugte Wechsel von Edin Dzeko zum Zweitliga-Tabellenführer erweist sich als Glücksfall: Der 39-Jährige trifft und trifft, legt Tore vor – und Schalke bleibt auf Aufstiegskurs.
Doch nach diesem Samstagabendspiel kann man sich wirklich sehr gut vorstellen, dass am Ende beide aufsteigen. Florian Kohfeldt und Miron Muslic sind jedenfalls optimistisch. Nachdem bereits der Schalker Coach betont hatte, er hoffe, „dass wir uns nächstes Jahr wiedersehen“, ließ auch Kohfeldt später sein Statement verschmitzt lächelnd mit dem identischen Wunsch ausklingen. Nur um nach dem offiziellen Teil der Pressekonferenz zu betonen, man habe auch schon 2023/24, in Belgien bei KAS Eupen und Cercle Brügge, in derselben Liga gearbeitet.
Aber klar, ein echtes Spitzenspiel, spannend und hochklassig, zwischen „zwei Mannschaften, die eine brutale Energie in sich haben“ (Muslic), das hatten dann doch beide Trainer gesehen. Wobei beide Teams fußballerisch sehr unterschiedliche Ansätze verfolgen. Auf der einen Seite die Lilien als klassische Trainermannschaft, der Florian Kohfeldt seit seiner Amtsübernahme vor eineinhalb Jahren in recht kurzer Zeit variablen Ballbesitzfußball eingeimpft hat – und damit das Gegenmodell zu dem Fußball, den sein Vorgänger Thorsten Lieberknecht spielen ließ. 80 Prozent der Tore fallen nach eigenen Angriffen oder Standards, die im Training exzessiv geübt werden.
Schalke ist die Pressing-Maschine schlechthin im deutschen Fußball
Auf der anderen Seite Schalke: die Pressing-Maschine schlechthin im deutschen Fußball, bei der außer Torwart Loris Karius alle ständig in Richtung Ball verschieben, die drei Nächstplatzierten mit der Vehemenz ausgehungerter Raubtiere. S04 war gegen Darmstadt in der ersten Halbzeit unwiderstehlich, in der zweiten nur noch sehr gut. Und insgesamt so stark, dass man sich schon schwer wundern müsste, wenn diese Elf nach dem von Muslic angekündigten „Durchschnaufen“ in der Länderspielpause nicht als Zweitligameister aufsteigen würde.
Dass es genauso kommen wird, scheinen auch die Fans zu ahnen, die am Samstag noch eine dreiviertel Stunde nach Schlusspfiff in ihrem Block am „Bölle“ verharrten. Und die so laut ihr Liedgut anstimmten, dass die Spieler in der Interviewzone kaum zu verstehen waren. Da war es etwa 23 Uhr. Und der Verteidiger Timo Becker, der sichtlich Freude am eigenen Anhang hatte, betonte noch mal, dass die Dynamik dieser Spielzeit genau in die richtige Richtung weist. „Man hat schon letzte Woche gegen Hannover gesehen, dass wir immer stabiler werden. Auch heute haben wir außer Standards nicht viel zugelassen.“
Und wenn doch, war Karius da, der zweimal spektakulär gegen Fraser Hornby (62., 76.) rettete und nur beim Darmstädter Ausgleich durch Isac Lidberg (45.+5) machtlos war. Zuvor hatte Moussa Sylla die Schalker Führung erzielt (44.) und damit den Blick auf eine Tatsache gelenkt, die nicht ganz unmaßgeblich für die erfolgreiche Schalker Saison ist: Sylla, 16-maliger Torschütze der vergangenen Saison, sitzt in diesem exquisit besetzten Kader nämlich auf der Bank, seit der in Darmstadt gesperrte Edin Dzeko königsblau trägt. Nach dem Spiel waren sich alle einig, dass das 1:1 ein gerechtes Ergebnis in einem Spiel war, über das Muslic ebenso unbescheiden wie zutreffend sagte, dass es „die meisten Mannschaften in der zweiten Halbzeit verlieren würden“.
Nicht aber Darmstadt, das der Partie in derem zweiten Teil seinen Stempel aufdrückte, am Ende 13-zu-fünf Ecken hatte. Und die Gewissheit, dem Top-Team der Liga vielleicht nicht ganz auf Augenhöhe, aber durchaus im Bereich von dessen Kinn begegnen zu können. „Das zeichnet uns in dieser Saison aus: Wir kommen zurück, wir geben nicht auf“, freute sich Offensivmann Kai Klefisch. Nach der Länderspielpause, am Ostersamstag, müsse man allerdings bei Arminia Bielefeld „auswärts zulegen“. Das wäre tatsächlich keine schlechte Idee: In diesem Jahr gelang noch kein einziger Auswärtssieg. In Braunschweig und Magdeburg holte man nur einen Punkt, in Dresden setzte es sogar eine 1:3-Niederlage. Und dennoch scheint diese Elf, der im Sommer kaum einer einen Aufstieg zugetraut hätte, gut gerüstet fürs letzte Saison-Viertel. Die Mannschaft ist in allen Mannschaftsteilen gut besetzt und hat einen Trainer, der im Südhessischen nach den Monaten in Wolfsburg und Eupen wieder ganz bei sich zu sein scheint.
Die Lilien schafften es in den vergangenen Wochen sogar, den Ausfall ihrer beiden Leistungsträger Hornby und Killian Corredor aufzufangen. Der Schotte fehlte drei Spiele lang und war gegen Schalke gleich wieder einer der Besten im Team. Corredor musste zwei Spiele passen und wurde am Samstag schon nach einer halben Stunde eingewechselt. Luca Marseiler war im Rasen hängengeblieben, und wohl jeder Augenzeuge im Stadion hatte den gleichen Gedanken wie seine sichtlich geschockten Mitspieler und deren Trainer. Er habe noch keine Diagnose, sagte Kohfeldt nach der Partie. „Aber es sieht so aus, als ob da sehr viel kaputt ist im Knie.“





















