Afrika-Cup: Der grüne Tisch und meine eigenen Gesetze | ABC-Z

In unserer Kolumne “Grünfläche”
schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und
Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser
Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 12/2026.
Doch, ich bin dem Afrikanischen Fußballverband auch ein wenig dankbar.
Immer, wenn ich bislang von einer Entscheidung am grünen Tisch gelesen hatte,
habe ich mich gefragt, was das eigentlich für ein Tisch sei und warum er grün
ist. Seit ein paar Tagen weiß ich nun, dass einst in Amtsstuben, Gerichten und
Verwaltungen die Schreibtische der Beamten, Richter oder sonstiger
Entscheidungsträger mit grünem Tuch bezogen waren. Das ermöglichte blendfreies
Arbeiten bei Kerzen- oder Gaslicht, schonte Augen und Dokumente, und allgemein
gilt Grün als beruhigende Farbe. Deswegen ja auch dieser Kolumnenname: ein Ruhepol
in aufgeregten Zeiten.
Ich hätte jedenfalls nie versucht, das herauszufinden, hätte der
Afrikanische Fußballverband (CAF) in dieser Woche nicht eine Entscheidung am grünen
Tisch getroffen, die ich sehr lächerlich fand. Zwei Monate nach dem Finale des Afrika-Cups wurde entschieden, dem Senegal den Titel abzuerkennen.
Stattdessen wurde Marokko zum neuen Sieger.
Im Endspiel ging es damals recht turbulent zu. In der Nachspielzeit hatte
der Schiedsrichter beim Stand von 0:0 zunächst den Führungstreffer Senegals
wegen eines vermeintlichen Fouls aberkannt. Kurz darauf, zum Ende der
Nachspielzeit, gab er für ein ähnliches Vergehen auf der anderen Seite
allerdings einen Elfmeter für Marokko. Die Senegalesen fühlten sich
verschaukelt. Auch, weil sich die Gastfreundlichkeit des Gastgebers Marokko
ihnen gegenüber generell in Grenzen hielt. (Vor der Partie waren drei
senegalesische Spieler kollabiert, der Nationalspieler Ismail Jakobs sprach
anschließend von einer möglichen Vergiftung. Und während der Partie versuchten
marokkanische Balljungen, Senegals Torhüter das Handtuch zu klauen, mit dem er
sich regelmäßig über die Handschuhe wischen wollte.)
Nach dem umstrittenen Elfmeter-Pfiff schickte Senegals Trainer seine Spieler in
die Kabine. Nach einer boykottähnlichen Unterbrechung erklärte sich sein Team doch
noch bereit, weiterzuspielen. Dann schlug das Karma zu: Marokkos Star Brahim Díaz vergab den umstrittenen Elfmeter per missglücktem Panenka. Gelingt so ein
Lupfer vom Elfmeterpunkt, wirkt es lässig, misslingt er jedoch: denkbar peinlich.
In der Verlängerung der Nachspielzeit traf Senegal dann und wurde
Afrika-Cup-Sieger. Dachten sie zumindest ein paar Wochen lang.
Der Verband
wertete das Verhalten der senegalischen Spieler nun als Verstoß gegen Artikel
82 des afrikanischen Regelwerks. Wenn eine Mannschaft das Spielfeld vor dem
Ende der Partie ohne Genehmigung des Schiedsrichters verlässt, wird sie zum
Verlierer. Laut Artikel 84 ist das Spiel dann mit 3:0 zu werten. Dass der
Senegal nach ein paar Minuten wieder zurück aufs Spielfeld kam, scheint den
Paragrafendribblern egal. Glückwunsch, Marokko. Und wie schade, dass ich weder
beim schon jetzt historischen Finale noch am grünen Tisch dabei war.
Natürlich ist das nachträgliche Eingreifen des Verbandes hochnotpeinlich
und nicht im Sinne des Fußballs, wie es so schön heißt. Richtig angewendet
allerdings wäre so eine nachträgliche Ergebniskorrektur aber genau das. Diese
Umwidmung ganzer Turnier-Titel böte ungeheures Potenzial. Ein Hoch auf die
retrospektive Sportjustiz!
Endlich sehe ich einen Weg, die größten Ungerechtigkeiten der
Fußballgeschichte ungeschehen zu machen. Irgendein Paragraf wird sich doch
finden, um das Wembley-Tor von 1966 endgültig zu annullieren und Deutschland
diesen zusätzlichen Weltmeistertitel zu verschaffen. Und es wird doch wohl
möglich sein, Diego Maradonas Handtor gegen England 1986 zurückzunehmen. Auch
davon könnte Deutschland profitieren: keine Hand Gottes, vielleicht kein
Argentinien im Finale, keine deutsche Finalniederlage.
Allerdings sollte sich aus deutscher Sicht bitte nachträglich niemand allzu genau das Foul an Bernd Hölzenbein anschauen, das im WM-Finale 1974 einen
wichtigen Strafstoß für das DFB-Team brachte. Gleiches gilt die Entstehung des Elfmeters im WM-Finale 1990, nicht wahr, Rudi Völler? Von Manuel Neuers
Einsteigen im WM-Finale 2014 gegen Argentiniens Gonzalo Higuain, das der
Schiedsrichter damals wundersamerweise als Stürmerfoul interpretierte, ganz zu
schweigen. Was einen zu der Frage führen könnte, ob Deutschland sich überhaupt
irgendeinen seiner WM-Titel nicht ergaunert hat?
Und wenn die Grüntischler übernehmen, besteht natürlich auch die Gefahr der
absoluten Beamtenwillkür. Wer sagt denn, dass Jens Lehmanns Spickzettel 2006
nicht gegen irgendeine Vorschrift verstoßen hat? Oder Franz Beckenbauers
Armschlinge 1970? Andererseits könnte man sicher irgendwie reklamieren, dass
der Ball im WM-Finale 2002 nicht richtig aufgepumpt war, warum sonst hätte ihn
Oliver Kahn nicht festhalten können? (Und ja, Ronaldos damalige Frisur gehört
natürlich auch nachträglich verboten.)
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir der Gedanke der
späteren Titelneuvergabe. Im Idealfall komplett subjektiv, nur auf Gefühlen
wie Sympathie basierend, oder Mitleid. Der WM-Titel 2014 geht nachträglich an
Brasilien, weil es das 1:7 im Halbfinale so tapfer ertragen hat. Island wird
zeitverzögert Europameister 2016 – huh! Und der FC Bayern darf sich mit etwas
Verspätung als Sieger des Finales dahoam feiern, weil der FC Chelsea wie im
Judo wegen Passivität mehrfach bestraft und schließlich disqualifiziert wurde.
Zusätzlich werden José Mourinho und seinen Teams sämtliche Titel aberkannt – aus
ästhetischen Gründen.
Im Senegal reagierten sie auf das Urteil am grünen Tisch übrigens mit einer
Mischung aus Wut und Spott. Die Tageszeitung Le Soleil sprach vom “Witz des Jahrhunderts”. Senegals Spieler Pathé Ciss schrieb auf
Instagram: “Den Heulsusen könnt ihr noch drei Tore geben.” Und Idrissa
Gueye postete: “Wir wissen, was wir an jenem Abend in Rabat erlebt haben.
Und das kann uns niemand nehmen.” Da hat er einen Punkt. Kaum vorstellbar,
dass Marokko jetzt nachträglich eine Siegesparade durch die Straßen des Landes
erlebt.
Trotzdem hat der Senegal angekündigt, vor den Internationalen Sportgerichtshof ziehen zu wollen. Welche Farbe der entscheidende Tisch dort wohl
hat?





















