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Münchner Kammerspiele, Schauspielhaus Zürich: Was bedeutet die schlechte Auslastung? | ABC-Z

Das Theater verliert rasant an Bedeutung. In der Politik, in der Gesellschaft, in den Medien. Das kann man unter anderem daran ablesen, wie stark sich die Leute noch über das Theater aufregen. Als Matthias Lilienthal von 2015 an die Münchner Kammerspiele leitete, gab es eine heftige Debatte. Da wurden Kampagnen und Gegenkampagnen geführt, da wurden offene Briefe geschrieben, Anhängerschaften mobilisiert, gezielte Provokationen gesetzt und politische Opfertode gestorben. Seit Barbara Mundel die Intendanz übernommen hat, herrscht indignierte Stille. Hier und da wurde über die schlechten Auslastungszahlen geschrieben, aber überregionales Streitinteresse erregt das Haus nicht mehr. Die vorherrschende Stimmung lautet: Das, was dort geboten wird, ist nicht provokativ, es ist egal.

Das gleiche Phänomen lässt sich mit Blick auf das Züricher Schauspielhaus beobachten: Als das Duo Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg von 2019 bis 2024 das traditionsreiche Haus leitete, gab es viel Leidenschaft, viel Widerspruch, da wurde über entgegengesetzte Theatererwartungen diskutiert und um Programmatiken gerungen, das theatertreue Publikum nahm die brutale Geringschätzung seiner erzählerischen Sehnsüchte persönlich und litt schwer darunter. Manche jüngeren Zuschauer feierten die moralapostolisch untermauerte Inthronisierung des Performativen hingegen euphorisch als Punktsieg gegen einen reaktionären Kunstbegriff. Es war Leben in der Bude, es wurde gestritten, es wurden Argumente und Beschimpfungen ausgetauscht. Seit ein neues Intendantenduo die Leitung in Zürich übernommen hat, ist auch hier die Reaktion in erster Linie: Langeweile.

Vitalität des Gesamtsystems?

Was sagt das aus über den Stand der Theaterdinge? Verweist es auf ein Phänomen, das wir gerade auch auf dem politischen Feld beobachten: dass Veränderungen nach Führungswechseln nicht deutlich genug spürbar werden, dass alles irgendwie weiterzugehen scheint wie bisher und daher das Vertrauen in die Vitalität des Gesamtsystems schwindet?

Beginnen wir mit Zürich. Denn da war nach dem Abtritt des kulturkämpferischen Intendantenduos kurzzeitig durchaus eine Veränderung spürbar. Unter dem Interimsintendanten Ulrich Khuon stiegen nicht nur die Auslastungszahlen, sondern wurde auch das Verlangen des Publikums nach Erzähltem wieder stärker erfüllt. Dramen von Shakespeare bis Dea Loher, Regiehandschriften von Jossi Wieler bis Anne Lenk prägten einen ausgewogenen und auf die Schauspieler konzentrierten Spielplan, der viele Gemüter in der Stadt beruhigen und verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen konnte. Mit der nun angebrochenen neuen Intendanz von Pinar Karabulut und Rafael Sanchez scheint dieses zarte Pflänzchen allerdings gleich wieder eingegangen zu sein.

„Wir bedauern das fehlende Interesse“

Eine stolz angekündigte Eröffnungsproduktion mit einem Schweizer Lokalmatadoren in der Hauptrolle ging krachend schief und wurde nach nur wenigen halb leeren Vorstellungen abgesetzt. Die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtete unlängst von „leeren Sitzreihen“ an einem Diskurstheaterabend über patriarchale Gewalt und „ein paar verlorenen Kindern“ in einem Familienstück und resümierte: „Vergangene Woche waren an drei Abenden vor Vorstellungsbeginn erst traurige 20 Prozent der Plätze verkauft.“ Wie hoch beziehungsweise niedrig die derzeitigen Auslastungszahlen in Zürich sind, will niemand offiziell sagen. Die zuständige Kulturreferentin Rebekka Fässler teilt auf Anfrage nur mit: „Wir bedauern, wenn das Interesse des Publikums zurzeit noch hinter den Erwartungen bleibt, und sind überzeugt, dass das Schauspielhaus Maßnahmen einleiten wird, um mit seinem Angebot künftig mehr Menschen anzusprechen.“

Niederschmetternde Auslastungszahlen

Hinter vorgehaltener Hand sprechen Insider inzwischen von niederschmetternden 17 Prozent. Das klingt in der Tat danach, als würde das neue Intendantenduo sein Haus am Publikum vorbei geradewegs gegen die Wand fahren. Aber, so wird vonseiten des Hauses trotzig hervorgehoben, es gebe doch die Adaption des „Gattopardo“, die zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden und sehr gut besucht sei. Eine „Drei-Stunden-Opernkulissenschlacht ohne Sinn und Verstand“ (so das Urteil im Branchenblatt „Theater der Zeit“) als rettender Ast, an den sich ein so prestigereiches und mit umgerechnet 44 Millionen Euro hoch subventioniertes Haus klammert? Das wirkt hilflos bis beschämend. Im aktuellen Interview mit der Schweizer Regionalzeitung „bz“ gesteht Intendantin Karabulut selbst: „Ab und zu werde ich gefragt: Der Saal ist halb leer, was ist hier los?“

Die Zuschauer, wo sind sie hin?dpa

Die Frage kann man wahrscheinlich schnell beantworten: Los ist, dass man in Zürich nicht auf Khuons Pfad einer ausgewogenen Spielplanplanung weitergewandert ist, sondern sich wieder in die heimelige Blase des nun auch noch lokalpatriotisch camouflierten In-Group-Denkens zurückgezogen hat. So kommen dann rührende Übertreibungen zustande wie die, dass man mit dem 1998 in Zürich geborenen und letztes Jahr durch eine Lesung in Klagenfurt in Erscheinung getretenen Kay Matter „einen der angesagtesten Autoren der Gegenwart“ im Angebot habe. Als Eindruck bleibt, dass das Schauspielhaus Zürich gerade vom hitzig umstrittenen A-Haus zum unauffällig langweiligen und auch noch leeren B-Haus abzurutschen droht.

Sonstige Veranstaltungen

Eine parallele Entwicklung lässt sich an den Münchner Kammerspielen beobachten. Auch hier brachen die Zuschauerzahlen unter der neuen Intendantin Barbara Mundel ein – was zunächst am Ausbruch der Corona-Pandemie, aber dann auch an einem denkbar publikumsfernen Spielplan lag. Beim Blick durch das Programm konnte man zwischenzeitlich den Eindruck gewinnen, die Kammerspiele würden alles Mögliche außer ihrer eigentlichen Bühne bespielen. Die soeben erschienene Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins nennt die absurd hohe Zahl von 344 „sonstigen Veranstaltungen“ jenseits des normalen Schauspielprogramms. Darunter fallen dann alle möglichen Forschungslabore, Schreibwerkstätten, Konzerte, Tanzkurse und Community-Dinner. Zum Vergleich: das nahe gelegene Residenztheater kommt in derselben Kategorie im selben Zeitraum auf 23 Veranstaltungen.

Die Klage darüber, dass die Abonnentenzahlen eingebrochen seien, kennt man schon von vorherigen Intendanten. Das einst als kostbares Erbstück gehandelte Kammerspielabo hat seine ursprüngliche Bedeutung längst verloren – aktuell wird eine Zahl von nur noch rund 2000 genannt. Und doch schmerzt die Vorstellung, dass ein ehemals so publikumswirksames Haus nun offenbar seine Strahlkraft vollständig zu verlieren droht.

Erste Lichtstrahlen, jetzt wieder Hiobsbotschaft

Es gab dann ein paar notfallartige Rettungsmaßnahmen, die eingeleitet wurden, um den von der Intendantin eingeschlagenen Kurs zu korrigieren. Von einem Wechsel in der Dramaturgie ist die Rede und von Widerstand im Ensemble. Vor allem aber wurde 2024 von der Stadt München, als deren Eigenbetrieb das Theater ja firmiert, ein sogenannter Rat für die Kammerspiele eingesetzt, der die künstlerische Leitung unter Zugzwang setzte und zu einer Veränderung ihrer Spielplanpolitik brachte. Nach drei Jahren ziemlicher Düsterkeit – die Rede ist von mageren Auslastungszahlen um die 60 Prozent – waren zuletzt erste Lichtstrahlen sichtbar. Die dramaturgische Konzentration richtete sich wieder stärker auf die ureigene Spielstätte im Schauspielhaus, wo klassische Stoffe wie „Wallenstein“ oder „Was ihr wollt“ gezeigt wurden, und die Auslastung liegt inzwischen angeblich wieder bei mehr als 70 Prozent.

Aber nun kommt schon die nächste Hiobsbotschaft aus München: Da die Stadt unter massivem Sparzwang steht – der Stadtkämmerer spricht von der „schlimmsten Haushaltskrise seit 1945“ –, sehen auch die Kammerspiele einer radikalen Kürzung ihrer Subventionen entgegen. Da die zweckgebundenen Rücklagen am Haus aber wegen fehlender Einnahmen komplett aufgebraucht sind, wirkt die konkrete Forderung, 1,14 Millionen Euro pro Jahr einzusparen, sofort existenzbedrohend. Deshalb hat sich der erfahrene Geschäftsführer des Hauses, Oliver Beckmann, für einen unkonventionellen Weg entschieden und die Flucht nach vorn angetreten. In einem dreizehnseitigen Konsolidierungskonzept hat er der städtischen Kulturpolitik eigenständig Kürzungsvorschläge unterbreitet und sich dem Spardiktat quasi in vorauseilendem Gehorsam unterworfen.

Die Bühne hinter dem Vorhang scheint immer mehr Menschen verzichtbar zu werden.
Die Bühne hinter dem Vorhang scheint immer mehr Menschen verzichtbar zu werden.dpa

Bezeugt das nicht den extrem schwachen Stand einer Intendanz, die sowieso schon stärker als üblich unter der Ägide der Stadtpolitik zu stehen scheint? Nein, entgegnet Beckmann am Telefon und erklärt sein Vorgehen: „Mit dem Konzept wollen wir dem Spardruck proaktiv begegnen und notwendigen Wandel gestalten, anstatt von ihm getrieben zu werden. In früheren Zeiten hätte auch ich gesagt, dass das ein gefährliches Unterfangen ist, weil man der Stadt die Möglichkeit bietet, auf vorgeschlagene Einsparungen weitere Kürzungen draufzuschlagen, im Sinne von: Wer Einsparungen anbietet, spart zweimal. Aber das war früher. Ich habe den Eindruck, die Zeiten haben sich gewandelt. Deshalb glaube ich, es ist gut, wenn wir als Theater vorangehen und konstruktiv Überzeugungsarbeit leisten, um Schlimmeres abzuwenden.“ Klingt das im Angesicht „gewandelter Zeiten“ vernünftig oder unterwürfig? Am Ende betrifft ein Sparen in solchem Ausmaß ja nie nur Sachkosten, sondern immer auch Menschen, also Stellen, die abgebaut oder nicht nachbesetzt werden. Und welcher Betrieb lebt am Ende mehr von seinen Menschen als das Theater?

Bessere Planbarkeit

Marek Wiechers, parteiloser Leiter des Kulturreferats München und damit derjenige, der die Sparschrauben in der Stadt anzieht, hat auf Anfrage nur ein paar nüchterne Worte für die Kammerspiele übrig: „In München muss in allen städtischen Teilhaushalten gespart werden. Die Kammerspiele haben mit dem Mehrjahresplan eine vergleichsweise geringere Belastung hinzunehmen als in der bisherigen Berechnung. Mit dem vorausschauenden Konsolidierungskonzept nutzen die Münchner Kammerspiele ein Instrument, das dem Theater eine bessere Planbarkeit und Verbindlichkeit bieten soll.“

Das klingt nicht gerade nach einem leidenschaftlichen Liebhaber seiner eigenen Kulturinstitution. Jedenfalls kann man sich so ein ungebrochenes Einspareinverständnis zwischen Politik und Theater in früheren Zeiten – denken wir zum Beispiel nur an das Verhältnis von Berlins Kulturbürgermeister Klaus Wowereit und dem damaligen BE-Intendanten Claus Peymann, der gefühlt jede Kürzungsankündigung mit sofortiger Rücktrittsdrohung beantwortete – nicht recht vorstellen. Aber vielleicht spiegeln sich ja auch darin die „gewandelten Zeiten“: dass das Theater gerade nicht nur an Rückhalt im Publikum, sondern auch in der Kulturpolitik verliert. Dass es vielen Politikern mittlerweile als Institution fragwürdig und vielen Kulturbürgern offenbar als Unterhaltungsort verzichtbar geworden ist.

Es steht daher die Frage im Raum, wie das Theater sich für die Zukunft rüsten will, um seinen stadtarchitektonisch meist noch sehr zentralen Standort auch kulturell und gesellschaftlich zu behaupten. Die Zeit drängt, denn mit jeder hingenommenen Sparrunde wächst die Gewissheit: So wie es war, wird es nie wieder werden. Das kann Angst machen, kann aber auch befreiend wirken. Und einen neuen Realismus stärken. Zum Beispiel im Sinne einer Wiederentdeckung der Einfachheit. Im Sinne einer Konzentration auf das Wesentliche. Was in Zürich, was in München los ist, das geht uns alle an. Denn wenn wir nicht aufpassen, dann werden bald nicht nur Kirchen zu Kletterhallen umfunktioniert.

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