Politik

Warum deutscher Wein bedroht ist | ABC-Z

Liebe Leserin, lieber Leser, Dünger, oder besser gesagt fehlender Dünger, könnte für Bauern in aller Welt zum Verhängnis werden. Denn während seit Beginn des Irankriegs alle Welt von Ölknappheit spricht, ist kaum bekannt, dass die Düngermärkte ebenfalls in Schieflage geraten. Der Nahe Osten ist einer der weltgrößten Produzenten chemischer Düngemittel. Rund ein Drittel des global gehandelten Düngers und fast die Hälfte aller Schwefelexporte passieren für gewöhnlich die Straße von Hormus. Das Verhängnisvolle: Mineralischer Dünger, der für die Erträge auf den Feldern in aller Welt essenziell ist, wird gerade jetzt dringend gebraucht.

Für Landwirte kommt der Krieg zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt“, sagt Chris Vlachopoulos, Analyst für Düngemittel beim Preisdienst ICIS. In vielen Regionen der Nordhalbkugel hat die Ackersaison begonnen, Pflanzen sprießen, und genau jetzt brauchen sie Dünger, damit sie genug Ertrag abwerfen. Landwirte müssen nun entweder deutlich mehr für Dünger zahlen, darauf verzichten oder sogar etwas anderes anbauen. Anne Kokenbrink und Hendrik Ankenbrand berichten. Mineraldünger gilt als Schlüssel zu hohen Erträgen, und das Haber-Bosch-Verfahren, auf dem seine Herstellung beruht, wird mitunter als wichtigste Erfindung des 20. Jahrhunderts bezeichnet.

Der deutsche Weinbau steckt in einer schweren, für viele Winzer sogar existenziellen Krise, von der niemand im nüchternen Zustand behaupten könnte, sie sei nichts weiter als eine vorübergehende Schwächephase. Denn es ist ein Angriff an vielen Fronten auf ein Genussmittel, das seinen jahrtausendealten Nimbus als Kulturgut verloren zu haben scheint. In unserer hysterischen Selbstoptimierungsgesellschaft ist es Mode geworden, Wein als Nervengift und Lebenszerstörer zu verdammen, die Weltgesundheitsorganisation hält sogar geringste Mengen Alkohol für gesundheitsschädlich und predigt vollkommene Abstinenz.

Da ist es kein Wunder, dass die Deutschen immer weniger Wein trinken, dass sich ganze Generationen vom regelmäßigen Weinkonsum entfremdet haben und kein Glas Riesling mehr anrühren, als sei es des Teufels Weihwasser. Allein in den vergangenen sechs Jahren ist die Zahl der Haushalte, die regelmäßig Wein kaufen, von 38,2 auf 32,2 Prozent gesunken, auch in der Gastronomie wird immer seltener und immer weniger Wein bestellt. Zugleich sind die Produktionskosten für die Winzer stark gestiegen – bei stagnierenden Verkaufspreisen, einer von Jahr zu Jahr aggressiveren Konkurrenz aus dem Ausland und einer erdrückenden globalen Überproduktion. Jakob Strobel y Serra weiß mehr.

Jürgen Habermas ist gestorben. Und die Texte, die in der F.A.Z. dazu erschienen sind, sind allesamt lesenswert. Pars pro Toto sei hier auf einen kurzen Gastbeitrag verwiesen, den Axel Honneth für uns geschrieben hat: „Viele werden jetzt mit Recht von dem Ende einer Epoche sprechen; von uns gegangen ist nicht nur der große Intellektuelle, der mit unnachgiebiger Strenge vor jeder Fehlentwicklung der Bundesrepublik gewarnt hat, nicht nur der bedeutendste Philosoph, den diese Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht hat. Aber mehr noch, plötzlich verschwunden ist auch der kritische Gesellschaftstheoretiker, der wie kein anderer das Erbe Adornos in unsere Gegenwart hinübergerettet und mit seiner Idee einer kommunikativen Vernunft erneuert hat. Wir, die wir ihm darin folgen wollten, stehen nun mit einem Male vaterlos dar; keiner von uns besitzt die Geisteskraft und das moralische Urvertrauen, die nötig waren, um diese ungeheure Aufgabe meistern zu können.“

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Ihr
Carsten Knop
Herausgeber
Frankfurter Allgemeine Zeitung

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