Zugspitze: Schlepplift am Nördlichen Schneeferner gesprengt – wegen Gletscherschwund – Bayern | ABC-Z

Wenn etwas auf Eis gebaut ist, dann hat es auch ganz weit oben in Bayerns Bergen keine Zukunft mehr. Denn ewig ist das Eis nicht einmal mehr tief im Gestein am Gipfel der Zugspitze. Die Bergstation der neuen Seilbahn wurde 2017 dort droben so verankert, dass sie bestenfalls auch ohne den langsam schwindenden Permafrost stabil bleibt. Zweihundert Meter tiefer am Zugspitzplatt ist der Rückgang des Eises noch viel offensichtlicher. Weil der Nördliche Schneeferner, einer der letzten vier Gletscher in Deutschland, immer weiter an Masse verliert, hat sich die Bayerische Zugspitzbahn dort nun auf spektakuläre Weise vor einer ihrer Anlagen getrennt.
Die letzten Skifahrer sind längst weg, aber das Medienaufgebot ist umso größer, als am späten Freitagnachmittag ein erster und dann ein zweiter Signalton vom Abhang des Schneefernerkopfs herüberwehen. 120 Sekunden später zünden zwei kleine Sprengladungen und durchtrennen die Halteseile des Schlepplifts, der von der Sonnalpin-Station dort hinaufführt. Noch ehe der Knall von den Felswänden widerhallt, kippen die sechs Stützen des Lifts. Drei von ihnen liegen am Ende im Schnee, drei andere bleiben schräg im Hang hängen.
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Der 1967 eröffnete Schneefernerkopflift war einst so etwas wie das Herz von Deutschlands höchstem Skigebiet, hier starteten die Wintersportler oft schon im Oktober in die Saison. Martin Hurm, heute Betriebsleiter bei der Bayerischen Zugspitzbahn, war selbst oft unter den Ersten. Die Anlage war nicht zu halten, sagt er ohne große Wehmut. Viele seiner Kollegen wollen das Ereignis miterleben, und nicht allen fällt der schon vor einigen Jahren beschlossene Abschied von dem alten Schlepper so leicht wie Hurm. Auch der frühere Skirennfahrer Christian Neureuther, der bei kaum einem echten Großereignis hier oben fehlen darf, schaut ein bisschen traurig drein.
Im Skigebiet auf der Zugspitze gibt es nach der Sprengung immer noch zwei Schlepplifte und zwei Sechser-Sesselbahnen, die aber alle ein paar Hundert Meter unterhalb des Schneeferners im Weißen Tal zusammenkommen. Wer unbedingt auf dem kärglichen Gletscherrest Ski fahren wollte, musste schon seit einer Weile aus eigener Kraft hinaufsteigen. Denn der Schlepplift auf den Schneefernerkopf war seit der vergangenen Wintersaison nicht mehr in Betrieb. Der Ausstieg oben am Berg war über die vergangenen Jahre zu steil geworden, weil der Gletscher darunter zusehends dünner wurde.
Aus der einstmals blauen Anfänger-Piste hinunter zur Sonnalpin-Station ist schon lange eine schwierige schwarze Abfahrt geworden. Und auch die mussten Skifahrer zuletzt praktisch durchgehend im Schuss nehmen, wenn sie fahrend und nicht schiebend am Sonnalpin ankommen wollten. Denn mangels Gletschermasse ging es im untersten Teil wieder bergauf. Die großen Schneemengen, mit denen die Pistenbullys die immer tieferen Senken gefüllt hatten, fallen auf der Zugspitze auch nicht mehr sehr zuverlässig vom Himmel.



Stattdessen schmolz das Eis unter den Lift-Stützen, die ohne Fundamente direkt auf dem Gletscher standen. In der Senkrechten gehalten und wie ein Zelt abgespannt wurden sie von den Stahlseilen des Lifts. Diese Seile drohten die Stützen mittlerweile gleichsam vom schwindenden Eis zu heben und standen unter immer größerer Spannung. Deswegen sei auch ein Durchtrennen der Seile mit Sprengladungen der einzig richtige Weg zur Demontage gewesen, heißt es von der Zugspitzbahn, welcher werbewirksame Showeffekte ansonsten nicht fremd sind.
Der Schneefernerkopflift war der letzte von einstmals drei ähnlich konstruierten Gletscher-Schleppliften auf dem Zugspitzplatt. Einer davon war praktisch parallel zum Schneefernerkopflift verlaufen, ein anderer hatte den Südlichen Schneeferner überspannt. An der Stelle steht heute ein Sessellift. Den südlichen Schneeferner hat die Bayerische Akademie der Wissenschaften aber schon im Jahr 2022 vom fließenden Gletscher zum bloßen Toteis-Rest herabgestuft. Zum internationalen „Tag der Gletscher“ am 21. März – also just dem Tag nach der Lift-Sprengung – hat die Akademie nun von einer neuen Vermessung der vier verbliebenen deutschen Gletscher und von einem nochmals „beschleunigten Gletscherschwund“ berichtet.

:„Wir können die Gletscher nicht retten“
Für das scheinbar ewige Eis auf Bayerns Bergen ist nach Ansicht des Glaziologen Wilfried Haeberli längst alles zu spät – zwei Gletscher werden wohl schon recht bald verschwinden. Doch ihr Verschwinden kann den Menschen noch einen letzten Dienst erweisen.
Demnach haben die jeweils zwei Gletscher auf der Zugspitze und in den Berchtesgadener Alpen allein in den beiden Jahre von 2023 bis 2025 mehr als ein Viertel ihrer Fläche und insgesamt rund eine Million Kubikmeter Eis verloren. Denn auch an Dicke büßten die Gletscher in den beiden Jahren erheblich ein – im Durchschnitt um 1,6 Meter pro Jahr und damit doppelt so viel wie zwischen 2018 und 2023.
Den Nördlichen Schneeferner hat es auch in dieser Hinsicht am übelsten erwischt. Nach Angaben der Akademie hat er von 2023 bis 2025 stolze 4,85 Meter an Mächtigkeit verloren und im Bereich der Schlepplift-Trasse sogar sieben bis acht Meter. Der Lift sei so „nicht mehr haltbar“ gewesen, sagt der Glaziologe Wilfried Hagg von der Hochschule München.

Haggs Glaziologen-Kollege Christoph Mayer von der Akademie der Wissenschaften benennt „die beinahe ausschließlich von Menschen verursachte Veränderung des Klimas in den letzten Jahren“ als Hauptursache für den weltweit zuletzt extrem beschleunigten Rückgang der Gletscher. Die Jahre 2024 und 2025 waren demnach die wärmsten seit Aufzeichnungsbeginn – global und auch in den bayerischen Alpen. Auf der Zugspitze lag das Temperaturmittel beider Jahre nach Angaben der Forscher mehr als zwei Grad Celsius über dem Durchschnitt der 125 Jahre langen Messreihe.
Speziell der Nördliche Schneeferner gehe auch wegen seiner stark der Sonne ausgesetzten Lage nach Süden „zügig seinem Ende zu“, sagt der Gletscherforscher Mayer. Dem etwas tiefer an der Nordseite der Zugspitze gelegenen Höllentalferner gibt Mayer wegen seiner „schattigen Tallage“ noch ein paar Jahre mehr. Hingegen stehen der Watzmanngletscher und das Blaueis am Hochkalter in den Berchtesgadener Alpen kurz vor ihrem Ende. Beide hätten allein von 2023 bis 2025 mehr als 40 Prozent ihrer Fläche verloren, was „auf einen tatsächlichen Zerfall der letzten Eisreste“ hindeute.
Gletscher-Skigebiet gibt es in Deutschland schon jetzt nicht mehr. Die Trümmer des Schneefernerkopflifts sollen in den kommenden Wochen zerlegt, mit Pistenraupen zum Sonnalpin gebracht und von dort mit der Zahnradbahn ins Tal gefahren werden.





















