Wirtschaft

Energiekrise: Wie wär’s mal mit einem Tempolimit? – Wirtschaft | ABC-Z

Fatih Birol klingt gar nicht optimistisch. Gebe es im Persischen Golf nicht rasch eine Lösung, sagt der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), „werden die Folgen für die Energiemärkte und Volkswirtschaften immer ernster werden“. Die Welt hat es nach Auffassung der IEA mit der heftigsten Ölkrise der Geschichte zu tun, schlimmer noch als jene von 1973. Doch der Versuch, über die ebenfalls größte Freigabe von Ölreserven in der Geschichte die Preise zu stabilisieren, verpuffte. Weshalb die Devise nun ist: sparen.

Wie, das hat die Pariser Organisation am Freitag in einem 22-seitigen Papier, einem Konvolut von Empfehlungen an die Regierungen ihrer Mitgliedstaaten, empfohlen. Allein, dass sie zu diesem Mittel greift, illustriert den Ernst der Lage. Und nicht alle der Vorschläge dürften in allen Hauptstädten Freunde finden, namentlich im autoverliebten Deutschland.

Denn der Verkehr ist der Bereich, in dem das meiste Öl verbraucht wird und sich entsprechend viel einsparen lässt. So rät die IEA zu einer Verschärfung von Tempolimits: Werde die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen nur um zehn Kilometer pro Stunde gesenkt, könne das den Ölverbrauch privater Autos um bis zu sechs Prozent senken, wirbt die IEA. Pakistan habe diesen Schritt bereits eingeleitet, und Frankreich habe während der Ölkrise 1973 auch die Geschwindigkeit limitiert. Das Gleiche galt damals für Deutschland, aber nur zeitlich begrenzt: weshalb die Bundesrepublik bis heute im Kreis der 32 IEA-Staaten der einzige ist, der freie Fahrt für freie Bürger garantiert. Dabei geht auch das Umweltbundesamt davon aus, dass durch Tempo 120 auf hiesigen Autobahnen die CO₂-Emissionen des Straßenverkehrs um bis zu fünf Prozent sinken könnten, und entsprechend auch der Verbrauch. Aber wo es kein Limit gibt, lässt sich auch keins um zehn Stundenkilometer absenken.

Der IEA schwebt auch vor, mehr Fahrten etwa mit Fahrgemeinschaften oder über öffentlichen Nahverkehr abzuwickeln. Durch Carsharing lasse sich – in Verbindung mit spritsparendem Fahren – zwischen fünf und acht Prozent des Ölverbrauchs im Verkehr senken, durch mehr ÖPNV weitere bis zu drei Prozent. Die Deutsche Umwelthilfe hatte zuletzt schon vorgeschlagen, das Deutschlandticket von mittlerweile 63 Euro wieder auf 49 Euro zu verbilligen, um mehr Menschen in Busse und Bahnen zu locken. Der Pariser Energieagentur schwebt aber noch ein anderes Mittel vor: Zufahrtsbeschränkungen für größere Städte. So könnten Städte am einen Tag nur Fahrzeugen mit gerader Nummer die Einfahrt erlauben, an anderen nur mit ungerader. Einsparung: bis zu fünf Prozent.

Beispiele für solche Beschränkungen gibt es, aus Peking, Delhi, Madrid oder Paris – allerdings stets im Kampf gegen hohe Luftverschmutzung. In Deutschland dagegen führte schon die Debatte über Diesel-Fahrverbote im Kampf gegen hohe Stickoxid-Ausstöße zu halben Volksaufständen – was eine Umsetzung dieser „odd-or-even“-Regel für Nummernschilder hierzulande wohl eher unwahrscheinlich macht.

Andere Empfehlungen ähneln schon fast an Pandemie-Zeiten: So schlägt die IEA vor, wieder mehr im Home-Office zu arbeiten, um so die Pendelei einzuschränken. Wer statt an fünf nur noch an zwei Tagen ins Büro fahre, könne seinen persönlichen Verbrauch um 20 Prozent senken, rechnet sie vor. Immerhin komme das in den Industriestaaten für jeden dritten Arbeitnehmer in Frage, sofern er nicht längst im Home-Office ist. Verschiedene Staaten haben auch genau diese Empfehlung schon ausgesprochen, etwa Vietnam oder Thailand. Die Philippinen und Pakistan haben Regierungsbeschäftigte in die Vier-Tage-Woche geschickt, Sri Lanka den Mittwoch zum Ruhetag für Bürgerdienste gemacht. Die Länder Südostasiens sind von den Engpässen am Golf besonders betroffen.

Per Bildschirm und Videocall ließe sich auch manche dienstliche Flugreise umgehen, wirbt die IEA – und empfiehlt: weniger fliegen. Werde die Zahl dienstlicher Flugreisen kurzfristig um 40 Prozent gesenkt, spare das zwischen sieben und 15 Prozent Kerosin ein. Und immerhin stehe die Fliegerei für sieben Prozent des gesamten globalen Ölkonsums.

Experten begrüßen die Vorschläge aus Paris. „Sie sind kein nettes Symbol, sondern überfällige Sofortmaßnahmen“, sagt etwa Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Nachfrage zu senken bedeute auch Preise zu drücken und sofort Abhängigkeiten zu kappen. „Wer das als ‚nicht umsetzbar‘ abtut, verweigert die Realität“, sagt Kemfert. Ohnehin liege der eigentliche Kurzschluss darin, an „fossilen Routinen“ festzuhalten. Auch am Freitag blieb Rohöl unvermindert teuer, von Entspannung am Golf fehlte jede Spur. Womit mancher der Vorschläge aus Paris sich bald ganz von selbst Bahn brechen könnte – einfach, weil das Leben sonst sehr, sehr teuer werden könnte.

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