Kultur

Sebastian Guggolz: Er gibt Wolfram Weimer solide  Kontra – Kultur | ABC-Z

Wo ist Sebastian Guggolz eigentlich gerade nicht? Auf der Leipziger Buchmesse kann man im Grunde auf keine wichtige Veranstaltung gehen, ohne dass Sebastian Guggolz nicht schon da wäre. Zuerst hat er im ausverkauften Leipziger Gewandhaus die Messe mit einer flammenden Rede eröffnet, in der er dem ebenfalls anwesenden Kulturstaatsminister Wolfram Weimer auseinandersetzte, dass der Einsatz des Verfassungsschutzes in der Welt der deutschen Literatur „nicht akzeptabel“ sei. Gleich am nächsten Tag hat er – mindestens – den Preis der Leipziger Buchmesse verliehen, ein Podium mit Schriftstellern eröffnet, die Zensur und Repression in autokratisch regierten Ländern ausgesetzt sind, und außerdem die Buchhändler empfangen, die von Wolfram Weimer um die feierliche Verleihung des Deutschen Buchhandlungpreises gebracht worden sind. Dabei hatte man ihn am späten Vorabend erst noch im Live-Interview bei den ARD-„Tagesthemen“ gesehen.

Sebastian Guggolz, 44,  war gerade erst frisch zum Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gewählt worden, als bekannt geworden war, dass der für die Branche zuständige Kulturstaatsminister Wolfram Weimer Buchhandlungen vom Verfassungsschutz hat durchleuchten lassen. Seither rast Guggolz, als befände er sich in einem brennenden Haus, von einem Mikrofon zum nächsten. Und formuliert dabei, als hätte er nie etwas anderes getan, als Bürgerrechtsbewegungen anzuführen, überall diese kristallinen, formschönen Sätze, die die kleinmütigen Gesinnungskontrolleure im Bundeskabinett allein schon wegen ihrer sprachlichen Eleganz beschämen müssen.

Seine Art ist jederzeit charmant und verbindlich zugleich

Man darf nicht vergessen: Bis vor Kurzem war Sebastian Guggolz hauptberuflich Lektor für feingeistige Literatur. Zum einen bei seinem eigenen kleinen Verlag, dem „Guggolz Verlag“, in dem er übersehene literarische Kostbarkeiten aus dem Finnischen oder dem Estnischen dem deutschen Publikum zugänglich macht. Und zum anderen beim großen S. Fischer Verlag in Frankfurt. Dort lektoriert er unter anderem die Romane feinkalibriger Sprachkünstler wie Judith Hermann, Ingo Schulze, Reinhard Kaiser-Mühlecker und einiger weiteren.

Dass er jetzt also in seinem neuen Amt auf der Leipziger Buchmesse aus dem Stand für einen Vibe Shift verantwortlich zeichnet, wie er zumindest in der jüngeren Vergangenheit nicht vorkam, war nicht unbedingt zu erwarten. Lektoren arbeiten im Verborgenen, je unsichtbarer sie sind, desto besser sind sie. Aus Leipzig muss jetzt aber berichtet werden, dass Sebastian Guggolz auf eine Weise, die jederzeit charmant und verbindlich zugleich aussieht, mühelos einen ganzen Berufszweig elektrisiert. Wenn man sich den Temperaturunterschied vergegenwärtigen möchte, kann man sich die Themen vor Augen führen, die auf den vorangegangenen Messen als Aufreger herhalten mussten, als treuherzig und vor allem hilflos die Haptik und die Systemrelevanz des Kulturguts Buch beschworen wurden: E-Books, Amazon, Drachenromane.

Mit verblüffender Selbstverständlichkeit bündelt und kanalisiert er diese Energie, die sich gerade Bahn bricht

Jetzt hat der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer mit seinem „autokratischen Gestus“ (Sebastian Guggolz) eine Allianz aus Buchhändlern, Verlegerinnen, Lektoren, ehemaligen Kulturstaatsministerinnen und tatsächlich auch einfach nur zahlreichen lesenden Menschen aus der Taufe gehoben, die sich in Leipzig an ihrer Widerständigkeit geradezu berauscht. Nachdem man jahrelang vor allem damit beschäftigt war, sich von diffusen Marktdynamiken in die Defensive gedrängt zu fühlen und missmutig auf die Bilanzen zu blicken, entdeckt die Branche sich gerade als handlungsfähiger gesellschaftspolitischer Akteur neu. Und diese Energie überträgt sich auf das Publikum. Die Buchhandlungen, die Weimer wegen „verfassungsschutzrelevanter Bedenken“ um ihre Auszeichnungen gebracht hat, haben soeben bekannt gegeben, noch nie so viel Umsatz gemacht zu haben wie seit dem Ausschluss. Auf seinem Buchhändler-Empfang wirbt der Hanser-Verlag mit dem Slogan, „Buchhandlungen sind der beste Verfassungsschutz“. Und die Projektionsfigur, die mit verblüffender Selbstverständlichkeit diese Energie bündelt und kanalisiert, heißt Sebastian Guggolz.

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