Stadträtin räumt erneut Fehler ein | ABC-Z

Bei einer öffentlichen Sitzung des Neuköllner Jugendhilfeausschusses hat die Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) erneut Fehler des Jugendamtes in dem Fall einer mutmaßlichen Vergewaltigung einer 16-Jährigen in einer Neuköllner Jugendeinrichtung eingeräumt. „Es ist für mich ganz klar, dass Fehler passiert sind“, so Nagel am Donnerstagabend. Diese gelte es aufzuarbeiten.
Von der Entlassung der Leiterin des Jugendamtes sowie Mitarbeitender sieht Nagel allerdings vorerst ab. Jugendsenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) hatte diese am Donnerstag im Bildungsausschuss des Abgeordnetenhauses gefordert. Es gebe eine Prüfung, inwiefern personelle Konsequenzen nötig sind, so Nagel. Aber: „Eine politisch gewollte Freistellung halte ich zu dem Zeitpunkt für den falschen Weg“, so die Neuköllner Jugendstadträtin.
In dem Jugendzentrum an der Wutzkyallee in Gropiusstadt soll eine 16-Jährige von Jugendlichen Ende 2025 vergewaltigt und später bedrängt worden sein – die Polizei erfuhr davon erst am 23. Januar durch die Anzeige des Vaters. Weder die Einrichtung noch später das zuständige Jugendamt des Bezirks Neukölln hatten zunächst Anzeige erstattet. Inzwischen ermitteln Landeskriminalamt und Staatsanwaltschaft Berlin zu dem Vorfall. Es liegen auch Anzeigen gegen Mitarbeitende des Bezirks vor.
Kinderschutzskandal: Weiterhin viele Lücken, die es aufzuarbeiten gelte
In der öffentlichen Ausschusssitzung versuchte die zuständige Stadträtin, die Vorfälle zu eruieren und das Handeln des Jugendamtes darzulegen: Dem Jugendamt hätten bereits im Frühjahr 2025 erste Meldungen von Übergriffigkeiten und von Mädchen, die sich unwohl fühlten, vorgelegen, so Nagel. Daraufhin seien verschiedene Maßnahmen getroffen worden: regelmäßige Rundgänge durch die Jugendeinrichtung, Situationen wurden unterbunden, Gespräche geführt, teilweise Besucher der Einrichtung verwiesen. Solche Meldungen seien auch regelmäßig im Jugendamt besprochen worden.
Von der mutmaßlichen Vergewaltigung, die im Herbst stattgefunden haben soll, erfuhr das Jugendamt am 28. Januar. Zu diesem Zeitpunkt habe das Amt von einer Anzeige abgesehen, so die Stadträtin. Es sei nicht bekannt gewesen, ob das mutmaßliche Opfer zu einer Aussage bereit gewesen sei, und man habe eine mögliche Retraumatisierung des mutmaßlichen Opfers vermeiden wollen, so die Erklärung. Ein Träger, der auf sexualisierte Gewalt spezialisiert ist, und die Kinderschutzkoordination seien hinzugezogen worden.
Von links nach rechts: die Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses, Beate Bruker (Grüne), die Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) und die Jugendamtsleiterin Karin Dettmer.
© Miriam Schaptke BM | Miriam Schaptke
Nagel selbst erfuhr erst am 2. März von den Vorfällen – „und dann auch nicht allumfassend“, so die Linken-Politikerin – und kritisiert, dass sie als zuständige Stadträtin zu spät und nicht ausreichend informiert worden sei. Einige der Informationen habe sowohl sie als auch das Jugendamt erst über Presseberichte erfahren. Vor allem in den Monaten Januar und Februar gebe es weiterhin viele Lücken, die es dringend aufzuarbeiten gelte. Auch die Dokumentation sei stellenweise nicht ausreichend erfolgt.
Einzelfall oder systemisches Versagen?
„Das Jugendamt hätte mehr Verantwortung übernehmen müssen“, so Nagel rückblickend, den Träger umfassender unterstützen. Es hätte früher und stärker in eine „aktive Rolle“ gehen sollen. So waren dem Jugendamt zum Beispiel weder die Namen des mutmaßlichen Opfers noch die der mutmaßlichen Täter bekannt, räumt die Stadträtin ein. Diese hätten in Erfahrung gebracht werden müssen, so Nagel weiter. Auch eine Kinderschutzmeldung habe nicht stattgefunden, was rückblickend bewertet werden müsse. „Es gibt einen erheblichen Bedarf im Jugendamt, sich mit institutionellem Kinderschutz zu befassen“, sagte Nagel. Auch Meldeketten und Krisenmanagement müssten dringend überarbeitet werden.
Erneut stellte die Stadträtin eine umfassende Aufarbeitung mit externer Begleitung in Aussicht. Wenn auch ohne konkreten Träger und ohne Startzeitpunkt („schnellstmöglich“) zu nennen. Die externe Stelle solle sowohl im Bereich Jugendarbeit als auch im Bereich sexualisierte Gewalt spezialisiert sein.
Weiter sollen die Schutzkonzepte aller kommunalen Einrichtungen überarbeitet werden, so Nagel. Man sei dabei, in Erfahrung zu bringen, inwieweit es auch in anderen Einrichtungen im Bezirk zu Übergriffen und sexualisierter Gewalt gekommen sei: „Ich habe bisher eine Übersicht, dass es durchaus Fälle gibt, die – nach meinem bisherigen Kenntnisstand – weniger gravierend sind.“ Man befinde sich erst am Beginn der Aufarbeitung, so Nagel.





















