Preis der Leipziger Buchmesse 2026: Geschichten, die ins Heute ragen | ABC-Z

Man habe nach „gültigen Erzählungen“ gesucht, die in die Gegenwart reichen, sagte die Juryvorsitzende Katrin Schumacher in ihrer Einführungsrede. Auch davon, dass Literatur kein Rückzugsort sei, sondern ein Mittel der Auseinandersetzung, war die Rede im vollbesetzten Glashaus auf dem Leipziger Messegelände. Damit war der Ton gesetzt für die 22. Preisverleihung des Preises der Leipziger Buchmesse am Donnerstagnachmittag. In den drei Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung wählte die siebenköpfige Jury aus 485 eingereichten Werken insgesamt 15 Nominierte aus.
Der Literaturpreis
Katherina Poladjans Roman „Goldstrand“ (S. Fischer) galt schon im letzten Jahr als Favorit für einen der beiden großen deutschen Buch(messen)preise. Während „Goldstrand“ es in Frankfurt jedoch zur Überraschung einiger Kulturjournalist:innen nicht mal auf die Shortlist schaffte, wurde Poladjans neuer Roman nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.
Es bedarf der Umwege über die Geschichte, um die Gegenwart zu begreifen, sagt Poladjan, nachdem sie den Preis auf der Bühne im Leipziger Messezentrum entgegengenommen hat. Und der Geschichte widmet sie sich ausführlich in „Goldstrand“. Wobei Umwege in ihrem Fall auch über die Psychiatercouch führen: Poladjan lässt ihren Protagonisten, einen alternden Filmregisseur, seine Familien- und Lebensgeschichte der geheimnisvollen Therapeutin Dorotessa erzählen. Diese Geschichte spannt sich quer durch Europa, über Odessa, Bulgarien, Konstantinopel bis nach Rom. Gar ein „Abgesang auf Europa als Kontinent der glamourösen Dichter und Denker“ sei es, den die Autorin laut Jury-Begründung in „Goldstrand“ anstimmt. Poladjan „erzählt uns mit einer leichten wie abgründigen Sprache von einem Mann, der sich auf einen Abschied vorbereitet und selbst noch nicht weiß, wohin ihn die Reise führt“.
Die Schriftstellerin bedankt sich für die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung mit einer mustergültigen Preisrede. Sie zitiert Thomas Mann als Stichwortgeber der Gegenwart, der von der „großen Gereiztheit“ zu schreiben wusste, erinnert an den andauernden Krieg in der Ukraine, und auch den großen Messeaufreger, Wolfram Weimer und die Affäre um den Buchhandelspreis, spricht sie an: Verfassungsschutz und Geheimdienste sorgten für eine „erstickende Atmosphäre der Unsicherheit und Ohnmacht“.
Auch an die anderen in der Kategorie Belletristik nominierten Autor:innen erinnerte sie: Helene Bukowski mit „Wer möchte nicht im Leben bleiben“, Norbert Gstrein mit „Im ersten Licht“, Anja Kampmann mit „Die Wut ist ein heller Stern“ und Elli Unruh mit „Fische im Trüben“.
Der Sachbuchpreis
Die Kategorie Sachbuch/Essayistik war diesmal eindeutig von historischen Stoffen dominiert: Ines Geipel verflicht in „Landschaft ohne Zeugen“ die Befreiung des KZ Buchenwald im Frühjahr 1945 mit ihrer persönlichen Familiengeschichte und einem Nachdenken über den Wandel von Erinnerungskultur.
Jan Jekal beleuchtet in „Paranoia in Hollywood“ die Geschichte von aus Nazideutschland geflohenen deutschen Filmschaffenden und Intellektuellen, die zwischen 1941 und 1950 in Hollywood Zuflucht und Arbeit fanden – bis sie durch die antikommunistische Hysterie der McCarthy-Ära erneut verfolgt wurden.
Nominiert waren auch Ulli Lusts Fortsetzung ihres feministischen Steinzeit-Comics und Sachbuchpreisgewinners 2025 „Die Frau als Mensch“, in dem sie die Rolle von Schamaninnen reflektiert. Und der prachtvoll aufgemachte Band „Englische Renaissance“ des Anglisten Manfred Pfister,
Gewonnen hat dann aber Marie-Janine Calic mit „Balkan-Odyssee. 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa“ (C. H. Beck). Calics Balkan-Odyssee erzählt eine lange vergessene Geschichte: die der Flüchtlinge aus Nazideutschland, die bewusst oder aus der Not heraus nach oder über den Balkan Sicherheit suchten. Viele von ihnen flohen nach Jugoslawien, das später auch ein Opfer des NS-Regimes wurde, und gerieten so erneut in Not. Andere nutzen die Donau, um in Richtung Palästina zu gelangen. Calic erzählt fesselnd und doch wissenschaftlich exakt von den Irrungen, den Nöten und den Hoffnungen der Menschen auf der Flucht. „Auf traurige Weise aktuell“, wie die Laudatorin Ingrid von Sternburg anmerkte.
Der Übersetzungspreis
Den Preis in der Kategorie Übersetzung erhielt Manfred Gmeiner für seine Übertragung einer literarischen Entdeckung, nämlich Gustavo Faverón Patriaus Roman „Unten leben“ aus dem Spanischen. In der Begründung der Jury heißt es: „Dutzende Stimmen bilden in diesem meisterhaften Horror- und Schelmenroman ein Mosaik der düsteren Geschichte Lateinamerikas. Manfred Gmeiner hat diese labyrinthische Erzählung mit spielerischer Eleganz übertragen, ohne jemals den Blick auf ihre eigensinnigen Figuren, die literarischen Querverweise und das magische Funkeln der Poesie zu verlieren.“ Der Übersetzer, geboren 1964, lebt in Wien und ist ein Quereinsteiger – vorher war er als Buchhändler tätig.
Wie stark herausgefordert gerade Übersetzer*innen derzeit sind, hat die Jury in einem Statement vor der Verkündung des Preisträgers deutlich gemacht. Gerade eben ist eine Studie herausgekommen, die, so die Juryvorsitzende Katrin Schumacher, „desaströse Zahlen“ enthalte. Angesichts von KI sind die Einnahmen der Übersetzer*innen tatsächlich stark rückläufig. Dass in Leipzig auch Übersetzungen ausgezeichnet werden, sei, so Katrin Schumacher, auch als Zeichen der Wertschätzung des Engagements und des Könnens der Übersetzer*innen zu verstehen. In seiner Laudatio auf Manfred Gmeiner hob der Juror Thomas Hummitzsch die von Manfred Gmeiner gekonnt ins Deutsche übertragenen „überwältigenden Momente der Verstörung“ in dem Roman hervor. Es ist der erste Roman des Autors, der ins Deutsche übersetzt wurde, er erschien im vergangenen Herbst im Droschl-Verlag.





















