Falsche Wahrnehmung? Reich genug – und trotzdem „bedürftig“: Wenn Geld zur Gefühlssache wird – Wissen | ABC-Z

Wäre die sozioökonomische Mitte ein Verein, könnte dieser sich seit Jahren über immer mehr Mitglieder freuen. So viele Menschen reklamieren ihre Mitgliedschaft, dass die Mitte wegen Überfüllung längst geschlossen sein müsste. Der Millionär und amtierende Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zählte sich zum Beispiel 2018 auf Nachfrage zur „gehobenen Mittelschicht“. Auch sein Amtsvorgänger Olaf Scholz (SPD) beteuerte einst im Wahlkampf 2020, er sei Teil der Mittelschicht. International finden sich weitere Beispiele für diese Art der Tiefstapelei, etwa der US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, der sich 2012 selbst in die Mittelschicht sortierte. Sein Vermögen wurde damals auf 250 Millionen US-Dollar geschätzt.
Diese beiden Politiker befinden sich in guter Gesellschaft: Viele Menschen in Deutschland und anderswo zählen sich zur Mittelschicht, wohlhabend sind immer die anderen – und Auskünfte über die eigenen Finanzen gleichen oft einem extremen Kurzhaarschnitt. Die Psychologen Xing Shu und Jianmin Zeng von der Southwest University in China haben eine Studie in The Journal of Social Psychology publiziert, die diese verbreitete Neigung zum monetären Understatement nahelegt. In mehreren Einzelstudien mit insgesamt 939 Teilnehmern aus China, den USA und Großbritannien zeigte sich, dass diese ihr Gehalt in Unterhaltungen teils deutlich zu niedrig angaben. In einem der Versuche lag das durchschnittlich behauptete Einkommen um 25,42 Prozent unter dem tatsächlichen.
Menschen treten also gerne als finanzielle Scheinzwerge auf: aus der Ferne betrachtet bescheiden ausgestattet, bei näherem Blick jedoch wohlhabender als behauptet. Die treibende Kraft dahinter, so die Forscher, sei die Furcht, Ziel eines „bedrohlichen Aufwärtsvergleichs“ zu werden. In solchen Fällen erlebten Menschen „psychologisches Unbehagen“. Bemerke der Besserverdiener, dass er andere überflügelt, beginne er sich angesichts der Reaktion der Überholten zu sorgen, so Shu und Zeng. Diese könnten mit Neid und Missgunst reagieren, ihn um Geld anpumpen oder mit Feindseligkeit strafen. Die Forscher sprechen von einer Form „empathischer Sorge“ vor Zurückweisung. Um das zu vermeiden, wird präventiv tiefgestapelt.
Wehe, jemand ragt wie eine prächtige Blüte aus der Wiese heraus
Ähnliche Effekte haben Studien in anderen Kontexten gezeigt: Gewinner meiden etwa nach Wettbewerben häufig den Blickkontakt mit den Besiegten und gehen auf Abstand. Oder die eigenen Leistungen werden kleingeredet, um das „Tall Poppy Syndrome“ zu vermeiden. Dieses bezeichnet den Umstand, dass Personen, die wie prächtige Blumen aus einer Wiese herausragen und andere überstrahlen, von den weniger erfolgreichen Menschen aus Neid oder – vornehmer ausgedrückt – im Namen der Gleichheit zurückgestutzt werden. Wer seine Leistungen oder seine finanziellen Mittel kleinredet, versucht sich auf diese Weise vor Missgunst zu schützen und zu signalisieren: Ich bin doch einer von euch!
Wenn Menschen, die finanziell schlechter dastehen, andere nicht neidisch oder missgünstig betrachten (darauf deuten auch die Ergebnisse der Studie von Shu und Zeng hin), dann sinkt die Tendenz, die eigene finanzielle Lage absichtlich schlechter darzustellen. In solchen Situationen geben Personen eher korrekte Angaben zu ihrem Einkommen oder übertreiben sogar: Wer weniger verdient als andere, stellt seine finanzielle Stärke manchmal nur zum Schein größer dar, weil er nicht als Verlierer gelten möchte.
Um die Effekte zu deuten, verweisen Shu und Zeng auf die 1954 von Leon Festinger begründete Theorie des sozialen Vergleichs. Individuen, so die Idee des Sozialpsychologen damals, ermitteln ihren Status und Selbstwert, indem sie sich ständig mit anderen vergleichen. Weil jeder danach strebt, bewundert oder begehrt zu werden, orientiert man sich stets nach oben, egal wie hoch die Sprosse auf der sozialen Leiter ist, auf der jemand bereits steht.
:„Wir haben festgestellt, dass glückliche Menschen mehr Geld ausgeben“
Von wegen „Kauf dich glücklich!“: Neue Forschung widerspricht der verbreiteten Idee vom Frust-Shopping. Womöglich verleitet eher etwas anderes dazu, den Geldbeutel zu öffnen.
Das zeigt sich in einer weiteren Studie, die Joe Gladstone von der University of California San Diego und Silvia Bellezza von der Columbia Business School jüngst publiziert haben. Die Analyse der Daten von mehreren tausend Probanden aus Großbritannien, den USA und Kenia zeigt, dass sich das Gefühl „subjektiver Armut“, wie die Forscher das bezeichnen, zu einem signifikanten Teil unabhängig vom tatsächlichen Wohlstand einstellt.
Die Wissenschaftler illustrieren das mit einem hypothetischen Beispiel einer Hedgefonds-Managerin, die ein jährliches Gehalt von zwei Millionen US-Dollar bezieht, deren Kunden aber Milliardäre sind. Aus dieser Konstellation könne sich ein „nagendes Gefühl finanzieller Unzulänglichkeit“ speisen, schreibt das Team im Journal of Marketing Research. Objektiv ist die Managerin mit üppigem Wohlstand gesegnet, subjektiv vergleicht sie sich mit Menschen, die noch viel, viel mehr haben – und fühlt so etwas wie relative Armut, so paradox das angesichts ihres Gehalts auch klingen mag.
Wenn über Konsum der Schein gewahrt wird
Aktuelle Umfragen zeigten, so Gladstone und Bellezza, dass sich sogar Personen an der Spitze der Einkommenspyramide regelmäßig „finanziell inadäquat“ fühlten. 31 Prozent der Millionäre in den USA nehmen sich selbst zum Beispiel nicht als reich wahr. Diese Gefühle speisen sich aus dem sozialen Vergleich mit dem Umfeld: Wer sehr reiche Bekannte hat (oder zu viel Zeit damit verbringt, die Glitzerwelt auf Instagram oder TikTok anzusehen), kann sich dadurch unabhängig von seinem Vermögen wie ein Abgehängter fühlen. Andersherum empfinden sich manche Menschen trotz objektiv bescheidener Verhältnisse und Einschränkungen als finanziell abgesichert. Wer also die Entscheidungen von Konsumenten verstehen möchte, so die Forscher, der dürfe nicht nur auf deren Einkommen und Vermögen blicken. Ebenso relevant sei, wie diese Individuen ihre „Ressourcen wahrnehmen und interpretieren“.
Objektive und subjektive finanzielle Verhältnisse zusammen ergeben, abhängig vom sozialen Status, gegenläufige Konsummuster. Wie die Analyse echter Kaufentscheidungen unter anderem aus Großbritannien und Kenia nahelegt, reduzieren Personen mit durchschnittlichem oder moderatem Wohlstand ihren Konsum, sobald sie sich selbst in finanziellen Herausforderungen wähnen. Gab es echte oder nur gefühlte Rückschläge, begannen die Menschen zu sparen und gewannen so das Gefühl von Kontrolle zurück, argumentieren Gladstone und Bellezza.
„Im Vergleich dazu stellt subjektive Armut für Individuen mit hohem Einkommen weniger eine materielle Einschränkung als eine Bedrohung der Identität dar“, schreiben Gladstone und Bellezza im Journal of Marketing Research. Auf echte oder gefühlte finanzielle Rückschläge reagieren Wohlhabende eher, indem sie mehr statt weniger konsumieren. Zum einen verschafften auch sie sich damit ein Gefühl der Kontrolle.
Zum anderen halten sie im Sinne der Bedrohung ihrer Identität den Schein aufrecht, Anschluss zu den Reichen und Schönen ihrer Umgebung zu haben. Durch ihren „demonstrativen Konsum“, wie das der französische Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ genannt hat, eifern sie um Status und versuchen, die oberen Sprossen ihrer sozialen Leiter in Reichweite zu behalten: Sie konsumieren über ihre Verhältnisse, um in der Hierarchie nicht abzurutschen. Die Sache mit dem Geld, sie steckt voller absurder Widersprüche.




















