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Streik in Dachau: Kein Stadtbus bewegt sich – Dachau | ABC-Z

Die Frauen und Männer, die den öffentlichen Nahverkehr in Dachau sonst möglich machen, momentan aber nicht arbeiten, hören Schlager. Lauten Schlager. Man hört Ben Zuckers Reibeisenstimme schon von Weitem. Die Streikenden haben eine Musikbox aufgebaut. Sie haben sich Brezen gekauft, Kaffee mitgebracht, einen kleinen Pavillon aufgestellt. Und sie haben sich gelbe Warnwesten angezogen.

So stehen sie da: Knapp 30 Personen, überwiegend Männer, im Gewerbegebiet am östlichen Stadtrand. Hinter ihnen, auf dem städtischen Bauhof, parken die rot lackierten Busse der Stadtwerke Dachau. Keiner von ihnen wird sich an diesem Tag bewegen.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat die Bediensteten der bayerischen Nahverkehrsunternehmen zum Warnstreik aufgerufen. Drei Tage Arbeitskampf, bis Samstag. Verdi will knapp 680 Euro mehr und drei Arbeitsstunden weniger für die Bus- und Bahnfahrer. Und Verdi will dafür Druck machen – auf den Kommunalen Arbeitgeberverband Bayern (KAV), mit dem die Gewerkschaft über den Tarifvertrag verhandelt.

Deshalb ist Haris Softic an diesem Morgen ein glücklicher Mann. Der Gewerkschaftssekretär steht mit seiner roten Verdi-Jacke vor dem Bauhof-Eingang. Er kann die MAN-Busse sehen, die wie angewurzelt auf dem Gelände stehen. Softic lächelt. Es ist ein guter Morgen für ihn. „Die Organisatoren hier holen alles raus“, sagt er.

Alles rausholen bedeutet: in Dachau fahren keine Stadtbusse, und zwar drei Tage lang. Der Plan der Stadtwerke, zumindest für Donnerstag und Freitag einen Notfahrplan einzurichten, ging nicht auf. Zu groß war die Streikbereitschaft unter den Busfahrern. „Wir bitten alle Fahrgäste um Verständnis“, schreiben die Stadtwerke. Dort scheint man zu wissen, wie die Reaktion auf die Nachricht ausfallen wird.

Dachaus Oberbürgermeister wünscht sich, dass sich beide Seiten rasch einigen

Auch Dachaus Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) tut sich mit dem Verständnis immer schwerer. Es ist der dritte Bus-Streik in seiner Stadt binnen weniger Wochen. „Ich würde mir wünschen, dass sich beide Seiten endlich ernsthaft an den Verhandlungstisch setzen und einen Kompromiss erzielen.“ Wünschen – mehr bleibt Hartmann nicht übrig.

Denn die aktuellen Streiks treffen die Stadt Dachau wie kaum eine andere im Münchner Umland. Der Grund liegt darin, dass die Kreisstadt ihre Busflotte selbst verwaltet. Die meisten anderen Kommunen haben diese Aufgabe an Privatanbieter ausgelagert. Für sie gilt ein anderer Tarifvertrag, der erst im kommenden Jahr ausläuft.

Der Rathauschef sitzt trotzdem nicht mit am Verhandlungstisch. Das übernimmt der KAV Bayern stellvertretend für alle Kommunen. So kann Hartmann nur ausrechnen, was die Verdi-Forderungen für Dachau bedeuten würden: deutlich mehr als eine Million Euro Mehrkosten für die Stadtwerke. „Kompensieren könnten wir das voraussichtlich nur mit weiteren Streichungen im Liniennetz.“

Will Verdi das? Nein, nein, sagt Gewerkschafter Softic. Er verstehe ja die Kommunen, ihre Klagen. Er sieht die Lösung woanders. „Die Politik muss sich einmischen.“ Der Bund, die Länder. Sie müssten ihren Anteil leisten. Wie genau der aussehen soll, erläutert Softic nicht.

Muss er hier auch nicht. Nicht bei dieser Runde. Bei all den Busfahrern, die schon seit 4.30 Uhr vor dem Bauhof stehen und streiken. Sie haben sich um Sofitc gestellt. Er erklärt ihnen das weitere Vorgehen: am Donnerstag große Verdi-Kundgebung auf dem Marienplatz, am Freitag noch einmal Streik. Und dann?

Die Verhandlungen mit dem KAV gehen nächste Woche in die vierte Runde. Eine Einigung ist wenig realistisch. Die Fronten sind verhärtet. Verdi-Gewerkschafter Softic sagt: „Die Gegenseite hat sich nicht ansatzweise angenähert.“ Der KAV schreibt in einer Mitteilung: „Die Gewerkschaft war auch in der dritten Tarifrunde bei ihren unerfüllbaren Forderungen geblieben.“ Es klingt, als würden sich zwei Jugendliche streiten.

Die Leidtragenden dieses Streits stehen am Mittwoch am Dachauer Bahnhof. Sie blicken auf eine elektronische Anzeigetafel, die zwischen zwei grünen Säulen montiert ist. Darauf zu lesen: ein Kuddelmuddel von Ausfällen, Abfahrten und wechselnden Anzeigen.

Für die Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs ist die Lage komplex. Die Stadtlinien fallen aus, die MVV-Regionalbusse und die S-Bahnen fahren hingegen. Nicht allen gelingt es da, den Überblick zu behalten.

Ein englischsprachiges Paar starrt auf die Anzeigetafel. Sie wollen zur KZ-Gedenkstätte, die Tafel zeigt einen Bus, Linie 726 soll um 10.21 Uhr fahren. „Tentwentyone“, sagt die Frau und läuft los. Kurz danach springt die Anzeige um: Bus 726 fällt heute aus.

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