„Wie ein Lamm zur Schlachtbank“ | ABC-Z

Wenn Thysia Huismann über ihren Pariser Aufenthalt vor 35 Jahren spricht, könnte man meinen, es wäre erst gestern gewesen. Die Ruhe fällt von ihr ab, ihre ringbewehrten Hände fahren durch ihre langen, rostbraunen Haare, wenn die Erinnerung zu stark wird. Dabei hatte alles so gut begonnen, damals, im Jahr 1991. Ihre Agentin rief die 18-Jährige in Amsterdam an und teilte ihr mit, sie habe ihr einen Termin in Paris verschafft – und dies bei dem bekannten Modelagenten Jean-Luc Brunel.
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Werbevereinbarung
zu.
Die ersten Tage über könne sie sogar in seiner weitläufigen Luxuswohnung der Champs-Élysées logieren, hieß es. Paris, die Stadt der Mode, des Glitzers und Glamours – Thysias Traum wurde wahr. Doch er entpuppte sich schnell als Albtraum, der die heute 52-Jährige immer noch verfolgt. „In Wahrheit“, lacht die Niederländerin bitter, „wurde ich wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt.“
Die Macht des Jeffrey Epstein – warum war er so erfolgreich?
Begegnung mit Epstein: Thysia erfuhr erst später, wer er war
Als sie bei der Hausnummer 45 der schicken Avenue Hoche in Paris läutete, öffnete ein Butler die Tür. Drinnen war gerade eine Party im Gang. Brunel begrüßte die hochgewachsene Niederländerin und überließ sie den anderen Gästen. „Darunter waren viele ältere Geschäftsmänner aus den USA, Frankreich oder Saudi-Arabien, umgeben von viel jüngeren Mädchen“, erzählt das Ex-Model. Sie selbst kam neben einem Mann zum Sitzen, auf dessen Knien eine junge Russin saß, der er mechanisch den Rücken kraulte. „Hallo, ich heiße Jeff“, sagte er zu Thysia. Sie erinnert sich noch genau: Der Amerikaner gab ihr den vieldeutigen Rat, sie solle aus ihrem Treffen mit dem berühmten Agenten Brunel „etwas machen“.
Der Amerikaner war Jeffrey Epstein. Der Name des US-Finanziers, der viele Jahre später wegen Sexhandels angeklagt und in seiner Zelle erhängt aufgefunden werden sollte, sagte Thysia damals nichts. Sie wollte nur wissen, wo sie übernachten konnte. Daran hatte niemand gedacht. Nach der Party musste sie sich mit ein paar Kissen einen Schlafplatz einrichten. Am nächsten Tag absolvierte sie ihr erstes Fotoshooting. Jeden Abend gab es Cocktail- und Dinnerpartys – auch in einem legendären Nachtlokal, wo Brunel (damals 44) mit seinen Jungmodels und Kokainreserven ein Platzhirsch war. Nach einer Woche soll er zu Thysia gesagt haben, er werde sie in sein Bett nehmen: „I will fuck you“ („Ich werde dich ficken“, Anm. d. Red.).

Thysia Huisman wollte mit 18 Jahren als Model berühmt werden und geriet in die Fänge eines skrupellosen Modelagenten.
© Guy-Rabier | Guy-Rabier
Sexueller Missbrauch: Mit Modeljob gelockt und dann vergewaltigt
Thysia erschrak, versuchte aber zu scherzen: „Hör doch auf, du könntest mein Großvater sein.“ Dabei blieb es vorerst, bis ihr der französische Agent eines Abends mitteilte, er habe ihr einen Superjob als Model verschafft. Zur Feier mixte er Drinks. „Eine Viertelstunde später wurde mir schwindlig“, erinnert sich Thysia, und ihre Augen verengen sich. „Meine Arme und Beine versagten.“ Brunel habe sie auf sein Bett gelegt, sie entkleidet. „Als er in mich drang, wurde mir schwarz“, so Thysia weiter mit kalt gewordener Stimme. „Am Morgen wachte ich in seinem Bett auf – nackt.“ Thysia stopfte in Panik ihre Siebensachen in die Tasche und verließ die Luxusbleibe, so ihre Darstellung. Sie rannte durch die Straßen, ohne anzuhalten, bis zum Gare du Nord, wo sie einen Zug nach Amsterdam fand.
Ihr Paris-Trip hatte nur eine Woche gedauert, die Nachwehen sollten hingegen Jahrzehnte anhalten. Sie habe „schlicht verdrängt, dass ich vergewaltigt worden war“, sagt sie heute. „Dafür fühlte ich mich schuldig, voller Scham.“ Man habe ihr Vorhaltungen gemacht: „Ich hätte alles verpatzt, wo doch Brunel so gut und sanft sei.“ Thysia versuchte es noch ein halbes Jahr als Model, aber sie war nicht mehr bei der Sache. Sie begann in Amsterdam, Kommunikation zu studieren, weit weg vom Modebusiness. Bis sie in den Zeitungen nach 2008 das Bild eines Mannes sah, den sie in Paris getroffen hatte: Jeffrey Epstein hatte sich der „Anwerbung Minderjähriger zur Prostitution“ schuldig bekannt.
Epstein und Modelagent Brunel waren „dicke Freunde“
Die Frage lag für die Niederländerin auf der Hand: Hatte ihm sein Pariser Intimus Jean-Luc Brunel jeweils „Nachschub“ aus Paris geliefert? Thysia, die dank einer Therapie die Gewaltnacht in Paris zu überwinden begann, stellte indessen selbst Nachforschungen an. Sie stieß auf Aussagen ihrer bekannten Landsmännin Karen Mulder, fand Berichte anderer Topmodels, die über sexuellen Missbrauch in der Pariser Modeszene berichteten.
Es fielen die Namen der größten Modelagenturen. Die Namen der Gewalttäter zirkulierten nur in der Branche. „Als Epstein 2019 das zweite Mal verhaftet wurde, rief ich selbst die FBI-Hotline an“, sagt Thysia Huisman. „Doch die französischen und amerikanischen Behörden unternahmen nichts wirklich, vermutlich, um die milliardenschwere Modeindustrie zu verschonen.“ Dabei machen die heute bekannten Epstein-Files klar, dass sich Brunel für den Amerikaner im Pariser Modelmilieu als „Rabatteur“, als „Kundenfänger“, betätigt hatte. „Dass sie dicke Freunde waren, zeigt sich schon darin, dass Brunel Epstein in seiner einjährigen Haft in New York 50-mal besuchte“, sagt das Ex-Model.
Missbrauchsfall von Avignon
Hat #MeToo etwas geändert? Missbrauch in Branche immer noch „schrecklich“
Die Pariser Strafverfolger haben inzwischen neue Ermittlungen zum Fall Brunel gestartet, doch Thysia winkt ab: „Jetzt ist es zu spät. Die meisten Anschuldigungen sind verjährt, viele Täter tot. Und solange Donald Trump US-Präsident ist, wird es bis nach Frankreich keine restlose Aufklärung geben. Keine Gerechtigkeit.“ Aber hat sich die Modeszene dank der #MeToo-Bewegung nicht verändert? Thysia Huismann, die heute als erfolgreiche Fernsehproduzentin und Krimiautorin arbeitet, ist skeptisch: „Das Bewusstsein für den Machtmissbrauch mag zunehmen, die Mechanismen sind bekannt. Aber die Zahl sexuellen Missbrauchs bleibt in der Branche schrecklich hoch.“
Thysia hat ihre Erfahrungen in einem Buch namens „Close-up“ (bisher nicht auf Deutsch erschienen) festgehalten und ist konsterniert, wie viele Frauen in der Modebranche ihr seither von sexuellen Übergriffen und Gewalt berichtet haben. Die Dinge hätten sich eigentlich nur verlagert, sagt die Mutter eines 13-jährigen Sohnes. Heute würden Minderjährige direkt via Social Media kontaktiert und für Partys auf Milliardärsyachten und dergleichen angeheuert. Ein Luxusgefängnis für Teenagerinnen. Das wird unter anderem das Thema eines zweiten Buches, an dem sie derzeit arbeitet. „Der Stoff“, erklärt Thysia Huisman, „geht mir leider nicht aus.“





















