Ehemalige Vorzeige-Wohnlage erstickt im Müll | ABC-Z

Charlottenburg – 1961 erster Spatenstich im Norden Charlottenburgs. Die neue Paul-Hertz-Siedlung entsteht auf ehemaligem Laubenland. Berlin brauchte dringend Wohnraum, im Gegensatz zu heute, wurde auch gebaut. In vier Jahren entstanden 2616 Neubauwohnungen. Doch 65 Jahre später bietet sich der B.Z. beim Jubiläumsbesuch ein erschreckendes Bild.
Paul-Hertz-Siedlung: Mülltonnen quellen über, Sperrmüll stapelt sich
Einst war es eine Vorzeige-Siedlung. Die meisten der rund 65 Gebäude hatten nur drei Stockwerke, dazu gab es breite Grünstreifen und zwei Einkaufszentren. Motto: Licht, Luft, Sonne. Ein Paradies des sozialen Wohnungsbaus, vor allem für junge Familien. Heute könnte der Kontrast nicht krasser sein. Grünflächen versanden und vermüllen. Mülltonnen quellen über, Sperrmüll stapelt sich, Hinweisschilder zu Rattenbekämpfung.

Gerd Hendricks aus der Teichgräberzeile ist Erstmieter. „Vor 60 Jahren war es ein Traum hier, aber seit die Dachaufbauten kamen, hat sich viel verändert.” Das war Ende der 1990er-Jahre. Damals wurden die Gebäude aufgestockt, gegen lauten Protest der Mieter. Man ahnte, dass Verdichtung und viele Neumieter auf einen Schlag Probleme schaffen. Die versprochenen Fahrstühle wurden nie gebaut, ein großes Problem für die vielen älteren Mieter.

Siedlungsinhaber ist die landeseigene Gewobag. Ein Sprecher bestätigt „bestehende Herausforderungen” und betont: „Müll ist dabei nicht nur eine Frage der Bewirtschaftung, sondern auch des gemeinschaftlichen Umgangs mit dem Wohnumfeld. Neben regelmäßiger Reinigung setzen wir auf zusätzliche Maßnahmen bei Bedarf sowie auf direkte Ansprache und Information der Bewohnerschaft, um gemeinsam Verbesserungen zu erreichen.“
Bei den Grünflächen prüft die Gewobag Maßnahmen zur Optimierung bzw. Aufklärung der Mieter, die teilweise Kaninchen füttern. Hinzu kommt laut Gewobag, dass die Siedlung von Bewohnern des nahegelegenen Ankunftszentrums Tegel stark frequentiert war und ist. Der Sprecher zu B.Z.: „Diese gesamtstädtische Aufgabe wirkt sich auch auf das Umfeld aus, unabhängig von der direkten Bewirtschaftung der Wohnanlagen.”

Die Probleme im Jubiläumsjahr sind groß, aber es gibt auch Lichtblicke. Einige Mieter haben Gärten angelegt, man sieht neue Spielgeräte, der Kieztreff ist aktiv, die Apotheke am Heckerdamm und der Schreibwarenladen sind noch da. Die katholische Kirche Maria Regina Martyrium ist eine wahre Sehenswürdigkeit und in der Kneipe „Brink Blue” gibt‘s bei jedem Hertha-Tor einen Kümmerling aufs Haus.






















