Was braucht Integration?: Mehr Geduld statt Pessimismus | ABC-Z

Das negative Bild von Migration, das derzeit den öffentlichen Diskurs und politische Entscheidungsprozesse bestimmt, ist nicht gerechtfertigt. Dies war die Hauptbotschaft, die Berlins Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial am Mittwoch bei einer Veranstaltung zur Situation Geflüchteter in der Hauptstadt vermitteln wollte. „Wer in dem Feld arbeitet, weiß, dass die Realität ein differenziertes Bild ergibt.“
Gerade in Berlin, das seit 2018 sogar ein Gesamtkonzept zur Integration und Partizipation Geflüchteter hat, sei die Situation – etwa was Integration in den Arbeitsmarkt anbelangt – besser als vielfach wahrgenommen. Zugleich kritisierte Niewiedzial aktuelle Entscheidungen der Bundesregierung wie die drastischen Kürzungen bei den Sprach- und Integrationskursen als „absurd“. „Sprache ist und bleibt der Türöffner“, sagte sie.
Tatsächlich sind die Zahlen im Bereich Arbeit ermutigend. So hat Berlin die niedrigste Arbeitslosenquote unter Ukrainer:innen bundesweit: 35 Prozent der arbeitsfähigen Menschen aus diesem Land haben in Berlin Arbeit, die Beschäftigungsquote bei Geflüchteten aus den Asyl-Hauptherkunftsländern (Syrien, Afghanistan, Türkei, Irak, Somalia, Iran) beträgt sogar 50 Prozent. Zum Vergleich: Die Beschäftigungsquote unter Deutschen liegt bei etwa 77 Prozent.
Positiv zu vermelden ist auch, dass die Beschäftigungsquote besonders unter Syrer:innen und Frauen aus den Hauptherkunftsländern steigt, Letztere stellen auch immer mehr Auszubildende. Und vor allem: Zwei Drittel der Geflüchteten, die in Berlin arbeiten, tun dies als Fachkraft oder „auf höherem Anforderungsniveau“.
177.000 Geflüchtete leben derzeit in Berlin
Doch wer zählt überhaupt als Geflüchteter? Die Integrationsbeauftragte definiert dies anhand des „humanitären Aufenthaltsstatus“: Wer Asyl beantragt oder bekommen hat, wer wie die Ukrainer vorübergehenden Schutz oder aus anderen humanitären Gründen ein Bleiberecht hat, gilt als geflüchtet. Wer (später) eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, ein Visum für Arbeit oder Studium bekommt oder eingebürgert wird, ist kein Geflüchteter mehr.
Wer in dem Feld arbeitet, weiß, dass die Realität ein differenziertes Bild ergibt.
Katarina Niewiedzial, Berlins Integrationsbeauftragte
Nach dieser Definition sind etwa 5 Prozent der Berliner Bevölkerung Geflüchtete, etwa 177.000 Menschen. Ein Viertel von ihnen sind Kinder und Jugendliche, ein knappes Drittel Ukrainer:innen, 30 Prozent von ihnen leben seit mehr als fünf Jahren in Berlin. Knapp 25 Prozent wohnen in Unterkünften des Landes, die anderen in bezirklichen Wohnungslosenheimen oder Mietwohnungen.
Um das Ankommen besser zu unterstützen, früher sagte man Integration, aber der Begriff gilt in Fachkreisen heute als „vergiftet“, habe man in den vergangenen Jahren den Fokus auf die Bezirke beziehungsweise die „Sozialräume“ gelegt, in denen die Menschen leben, erklärt Niewiedzial. „Dort passiert das Ankommen, und wenn es Probleme gibt, entstehen sie dort.“ Das Programm BENN („Berlin entwickelt neue Nachbarschaften“), über das seit vielen Jahren Begegnungsstätten und Stadtteilverschönerungsprojekte finanziert werden, aber auch die Integrationslotsen, die Geflüchtete beraten, sind Ausfluss dieser Erkenntnis, ebenso die bezirklichen Integrationsbeauftragten mit ihren Etats für Projekte vor Ort.
Seit Anfang des Jahres können die Bezirke zudem mit der „Gemeinschaftspauschale“ zusätzliches Geld beim Land beantragten – und zwar umso mehr, je mehr Geflüchtete sie bei sich unterbringen: 165 Euro pro Jahr gibt es für jeden Platz in einer Geflüchtetenunterkunft. Ausgegeben werden kann das Geld je nach Bedarf vor Ort: für Nachbarschaftstreffs, Kinder- und Jugendeinrichtungen, Beratungsangebote in den Unterkünften, aber auch für (befristete) Stellen im Bezirk, etwa im Jugend- oder Sozialamt. Das meiste Geld bekommen in diesem Jahr Pankow (eine Million Euro), Tempelhof-Schöneberg (900.000) und Lichtenberg (800.000).
Wie hilfreich und wichtig Nachbarschaftsarbeit für ein gelingendes Ankommen ist, erzählte am Mittwoch der ehemalige Geflüchtete Khalil Sharaf. Der Syrer kam 2015 nach Berlin, seit 2017 arbeitet er im BENN-Projekt im Märkischen Viertel in Reinickendorf. Sharaf berichtete von einem Mann, der neu war und „sehr unsicher und ängstlich“, also habe es ihn ermuntert, eine ehrenamtliche Arbeit zu übernehmen. „Dadurch bekam er mehr Selbstvertrauen, knüpfte Kontakte und fand schließlich einen Job.“
Gerade beim Thema Arbeit sei „geduldige und individuelle Hilfe“ wichtig, merkte Niewiedzial an. Denn in Deutschland sei das Netzwerken bei der Jobsuche enorm wichtig, sprich: ohne „Vitamin B“ geht oft gar nichts. „Und alte Schulfreunde haben die Geflüchteten hier nun mal nicht.“





















