Fußball im Gefängnis: Wer bin ich nach der Entlassung – Ex-Häftling oder Trainer? | ABC-Z

Trainerkurs hinter Stacheldraht. Ein Fußballklub aus Neuseeland versucht, Lebensläufe in Gefängnissen zu verändern. Fußball als Brücke zur Rückkehr ins Leben nach der Haftstrafe. Was kann Sport, was kann ein Fußballklub jenseits des Spielplans bewirken?
Als die Kohuora Auckland South Corrections Facility 2015 eröffnet wurde, begann der damalige Justizminister Sam Lotu‑Iiga seine Rede so: „Einer der berühmtesten Gefangenen der Welt hat einmal gesagt: ,Niemand kennt eine Nation wirklich, bevor er nicht in ihren Gefängnissen war. Eine Nation sollte nicht danach beurteilt werden, wie sie ihre angesehensten Bürger behandelt, sondern ihre am schlechtesten gestellten.‘ Dieser Gefangene war 27 Jahre lang in Südafrika inhaftiert, und sein Name ist natürlich Nelson Mandela.“
Damals war die Anstalt ein Symbol für einen neuen, effizienteren Strafvollzug. Heute wird dort auch mit einem Fußballkurs ausprobiert, was Mandelas Worte in der Praxis bedeuten.
Man könnte meinen, es ginge hier um Taktik. Um Formationen, Pressing oder vielleicht um Raumaufteilung. Aber an diesem Januar-Morgen in Auckland steht ein Fußballtrainer vor 16 Männern und spricht über etwas Anderes: über das Leben nach dem Gefängnis. Über die Frage, wer man ist, wenn man wieder draußen ist. Und darüber, ob ein Coaching-Zertifikat mehr sein kann als ein Stück Papier.
Die Szene spielt sich in der Kohuora Auckland South Corrections Facility ab, einer Hochsicherheitsanstalt am Stadtrand. Seit dem 12. Januar läuft hier ein Programm, das Fußball als Brücke versteht – nicht zur Ablenkung, sondern zur Rückkehr ins Leben. Auckland FC, der jüngste Klub in der neuseeländischen Profiliga, will sein Versprechen einlösen, ein Verein für die ganze Stadt zu sein. Auch für jenen Teil der Stadt, der hinter Mauern lebt.
Ein Zertifikat, das Halt gibt und Arbeit verspricht
Das Twinning Project, so heißt das Programm, wurde 2018 im Vereinigten Königreich entwickelt. Die Idee ist simpel: Profiklubs gehen in Gefängnisse und bilden Häftlinge in fußballnahen Kursen aus. In Kohuora dauert der Kurs sechs Wochen, jede Woche beinhaltet sechs Stunden Unterricht. Am Ende erhalten die Teilnehmer ein offizielles Trainerzertifikat, mit dem sie draußen bei Amateurvereinen, in Jugendakademien oder Freizeitprojekten arbeiten können.
Was nach Sport klingt, ist vor allem ein neues Angebot an Identität: Wer bin ich nach der Entlassung – Ex-Häftling oder Trainer. Ein Zertifikat, das Halt gibt und Arbeit verspricht
Die 16 Männer in Kohuora stehen kurz vor ihrer Entlassung. Ausgewählt wurden sie nach Sicherheits- und Eignungskriterien und danach, ob man ihnen zutraut, diese Chance zu nutzen. Sechs Wochen lang lernen sie, wie man eine Trainingseinheit plant, Übungen erklärt, eine Mannschaft führt. Es geht um Technik und Methodik, aber genauso um Teamwork, Resilienz, Respekt – Worte, die hier nicht im Seminarheft stehen, sondern gelebt werden sollen.
Der Unterschied zu vielen anderen Angeboten im Gefängnis ist die Konsequenz: Dieser Kurs endet nicht im Nichts, sondern mit einem Abschluss, der draußen etwas bedeutet. In einem Land, in dem ein Strafregister lange nachwirkt, ist das mehr als Dekoration. Die ersten Monate nach der Entlassung gelten als heikle Zeit. Hier entscheidet sich, ob jemand wieder in alten Mustern landet oder neu anfängt. Ein Zertifikat, das echte Arbeit verspricht, kann in dieser Phase Halt geben.
Was Bewegung hinter Mauern bewirken kann
Die Idee, Sport zur Rehabilitation zu nutzen, kommt nicht aus dem Bauch heraus. Forscherinnen wie die Londoner Kriminologin Rosie Meek beschäftigen sich seit Jahren damit, was Bewegung hinter Mauern bewirken kann. Ihre Studien zeigen: Wer sich als Teil einer Gruppe erlebt, die auf Fairness und Zusammenarbeit baut, verhält sich anders – im Gefängnis und danach. Es geht weniger um Muskeln als um Zugehörigkeit.
Auckland FC hat das Programm nicht nur gewählt, weil es gut klingt. Der Klub ist neu in der Liga, die großen Schlagzeilen machen andere. Also sucht er nach einem Profil, das über Tabellenplätze hinausweist. CEO Nick Becker spricht davon, dass Fußball Menschen verbinde und lebenspraktische Fähigkeiten vermittle. Man kann das als Marketing lesen. Oder als Versuch, herauszufinden, wie ernst es einem Verein mit seiner Stadt wirklich ist.
Dass das Projekt überhaupt in Neuseeland gelandet ist, hat mit dem Fußball-Weltverband zu tun. Dessen Fifa Foundation unterstützt das Twinning Project finanziell und treibt seine Expansion voran. Nach ersten Standorten in Europa und Afrika kommen nun Länder wie Australien, Brasilien, Singapur, Uruguay und Neuseeland dazu. Die Liste der Partnerklubs – Melbourne City, Bahia, Young Lions, Montevideo City Torque, Auckland FC – liest sich wie eine kleine Weltreise. Hinter all diesen Namen steht die gleiche Frage: Was kann ein Fußballklub jenseits des Spielplans bewirken.
Neuseeland ist für so ein Experiment empfänglich. Seit Jahren wird darüber gestritten, wie Rückfallquoten zu senken sind, wie viel Härte und wie viel Hilfe ein gerechtes System benötigt. Im Strafvollzug sind Programme entstanden, die stärker auf Bildung, Sport und Übergangsmanagement setzen. In dieser Landschaft wirkt das Twinning Project nicht wie ein Fremdkörper, sondern wie ein weiterer Baustein – wenn auch einer mit internationalem Logo.
Auch eine Form der Sicherheitsstrategie
Für Kohuora, betrieben vom privaten Dienstleister Serco, ist das Programm auch eine Chance. Die Firma stand in der Vergangenheit oft in der Kritik. Nun präsentiert sie sich als Partner eines Rehabilitationsprojekts. Gefängnisdirektor Gerry Smith hofft, dass anerkannte Qualifikationen und erlernte Soft Skills den Männern helfen, draußen Fuß zu fassen – in jener Phase, in der Wohnungssuche, Jobsuche und die eigene Geschichte aufeinanderprallen.
Was wie eine kleine Maßnahme am Rand von Auckland aussieht, hängt in Wirklichkeit an vielen Fäden: an Kriminologie, an globaler Sportpolitik, an neuseeländischen Debatten über Gerechtigkeit. Die Fifa Foundation will mit ihrem Geld zeigen, dass Fußball mehr sein kann als Kulisse für autoritäre Regime. Ob das gelingt, ist offen. Klar ist nur: Wer heute Sportprojekte im Strafvollzug startet, bewegt sich in einem Feld, in dem es immer auch um Bilder geht – von Gefängnissen, von Tätern, von Verantwortung.
In Kohuora sollen in den kommenden Monaten zwei weitere Gruppen den Kurs durchlaufen. Parallel dazu wollen Forscherinnen und Praktiker genauer hinsehen: Was verändert sich im Alltag der Männer, was bleibt, wenn der Schlusspfiff des letzten Moduls verklungen ist. Erste Erfahrungen aus anderen Ländern deuten darauf hin, dass vor allem das Gefühl zählt, Teil von etwas Sinnvollem zu sein – nicht nur Objekt von Kontrolle.
Der Strafpsychologe Armon Tamatea von der University of Waikato beschreibt Gefängnisse als Orte, an denen sich entscheidet, ob Menschen in der Sackgasse landen oder eine Abzweigung finden. Er sagt, dafür brauche es so etwas wie Community innerhalb der Mauern. Aktivitäten wie Sport können Spannungen auffangen, bevor sie in Gewalt umschlagen. Programme wie das Twinning Project sind in dieser Lesart weniger Wohltat als eine Form der Sicherheitsstrategie – und eine Investition in die Atmosphäre eines Ortes.
Ob das hier funktioniert, weiß heute noch niemand. Vielleicht steht in einem Jahr einer der Kursteilnehmer am Spielfeldrand eines Amateurplatzes in South Auckland und lässt mit einer Stoppuhr in der Hand eine U15 nach seinem Kommando laufen. Man wird ihm nicht ansehen, dass sein erster Trainerkurs hinter Stacheldraht stattfand. Sichtbar wird nur sein, ob er es schafft, Jugendliche zu erreichen, die in dieselben Fallen tappen könnten wie er selbst.
Vielleicht klingt das groß. Ist es vielleicht auch. Aber es ist eine der wenigen Geschichten aus dem Strafvollzug, die nicht mit einem Punkt endet, sondern mit einer offenen Frage: Was passiert, wenn man Menschen nicht nur wegsperrt, sondern ihnen eine zählbare Zukunft lässt. Das Twinning Project setzt darauf, dass aus Fehlern Erfahrung wird. Und dass ein Klub, der „für alle“ sein will, dieses Versprechen auch hinter Mauern gelten lässt.




















