Volt im Münchner Stadtrat: Der kleine Wahlgewinner strebt wieder in die Koalition – München | ABC-Z

In der Kneipe für die Schule lernen, das ist auch für die beiden Zehntklässlerinnen neu. Sofia, 15, und Sophia, 16, sind am Mittwochabend ins Klenze 17 gekommen, weil sie wissen wollten, wofür Volt steht. Und das schon auch, weil sie für den Politikunterricht drei politische Veranstaltungen besuchen müssen. Nach einer Stunde sind sie mit ihrer Wahl ganz zufrieden. „Man merkt, die Leute hier sind wirklich für Europa“, sagt Sofia. Das findet sie gut.
Die Stimmung beim Stammtisch ist beschwingt an diesem Abend, ein paar Tage nach der Kommunalwahl. Zwei Dutzend Menschen stehen in der Kneipe, junge Frauen, Männer mit bunten Haaren, Münchner in Lederjacke, Münchner im Jackett. Sie trinken Bier und essen Burger, die neuen Stadträte und Stadträtinnen lassen sich feiern für ihren Erfolg. Alle ein bis zwei Wochen treffen sich die Münchner Volt-Mitglieder dort, nur ein paar Schritte vom Gärtnerplatz entfernt. Es ist ein offenes Treffen, sie nennen es Meet and Greet. Manchmal sind sie unter sich, manchmal, so wie an diesem Abend, sind gleich mehrere neue Gesichter dabei, die meisten von ihnen jung.
:Die Linke als Größte – unter den Kleinen
Die Partei hat ihr Ergebnis verdoppelt und zieht erstmals in Fraktionsstärke in den Stadtrat ein. Auf die Kritik von Grün-Rot an seinem harten Wahlkampf erwidert Parteichef Jagel: „Das müssen sie aushalten.“
Die beiden Schülerinnen sind nicht die Einzigen, die an diesem Abend neu dazugekommen sind. Bei Volt kennen sie das schon, sagt die frisch gewählte Stadträtin Alexandra Lang, vor und nach den Wahlen kämen die meisten zum Volt-Stammtisch. Ein 31-Jähriger erzählt, er sei seit ein paar Jahren Volt-Mitglied, aber noch nie bei einem Treffen gewesen. Diesmal ist er da. Weil seine Freunde keine Zeit hatten, aber auch, weil er sich über das Wahlergebnis freut. „Ich bin so ein Erfolgsfan“, sagt er und lacht.
Für viele ist Volt wohl der Überraschungssieger der Wahl – bei der Partei selbst ist jedoch niemand überrascht. „Genau damit haben wir gerechnet“, sagt Felix Sproll, der die vergangenen sechs Jahre der einzige Volt-Politiker im Münchner Stadtrat war. Sie hätten das ausgerechnet, sagt er, mithilfe der früheren Wahlergebnisse, dem Wählerpotenzial, das sie in München sahen. „Vielleicht sind wir unterschätzt worden.“ Für den Stadtrat holten sie 4,7 Prozent der Wählerstimmen und damit vier Sitze – das bedeutet Fraktionsstatus.
Der war das Ziel, Volt wollte von Anfang an als eigene Fraktion in die Koalitionsverhandlungen gehen, um stärker auftreten, besser eigene Schwerpunkte durchsetzen zu können, sagt Sproll. Die Partei möchte wieder mit regieren, mit wem, das sei dabei gar nicht das Wichtigste, sagt Sproll. Pragmatische Politik wollten sie machen, lieber unter Dominik Krause (Grüne) als unter Dieter Reiter (SPD), aber sie nähmen, was kommt. Nur die AfD komme als Partner nicht infrage.
Als Sproll 2020 neu als Stadtrat ins Münchner Rathaus kam, prägte er sich als Erstes die drei Gesichter der AfD-Stadträte ein, um nicht einem von ihnen aus Versehen mal die Tür zur Toilette aufzuhalten. „Nicht mal die grundlegende Höflichkeit“ wolle er AfD-Politikern entgegenbringen, sagt Sproll.
Dass er mit mehreren Parteien kann, zeigte sich im vergangenen Jahr. Im Mai wechselte Sproll aus der Fraktion mit der SPD in die der Grünen und der Rosa Liste. „Ich habe nichts gegen die SPD, die haben großartige Leute“, sagt er. Und doch habe es für den Wechsel eine Vielzahl von Gründen gegeben. Zum Beispiel, dass sie wochenlang im Mobilitätsausschuss an einem Thema arbeiteten – „und dann sagt der OB: ‚Das will ich nicht.‘ Das war manchmal frustrierend“.
Ein 56-Jähriger sitzt neben ein paar Jüngeren am Tisch, isst Käsespätzle – sehr zu empfehlen, meint er – und erzählt später, er sei vor der Kommunalwahl in die Partei eingetreten, um etwas gegen den Rechtsruck zu tun. Er habe verschiedene Parteiprogramme gelesen, und das von Volt passe am besten zu seinem Weltbild. Im Wahlkampf stand er an Infotischen, diskutierte mit Passanten über IT und darüber, was das Schlagwort Digitalisierung bedeutet. „Gute Erfahrung“, sagt er.



Da kommt Michael von Stosch, neu gewählter Stadtrat, Kunstschmied und Musiker durch die Tür, er trägt einen Karton mit lila Aufklebern: Volt empfiehlt Dominik Krause. Eine Anhängerin schaut neugierig in den Karton, zieht einen Aufkleber heraus und betrachtet kritisch die Rückseite, „die kann man wieder scheiße abziehen“, meint sie. Die andere Seite findet Anklang, in den nächsten Tagen kleben die Sticker auf vielen Voltplakaten.
Den Volt-Stammtisch im Klenze 17 gibt es schon länger. Als Michael von Stosch vor ein paar Jahren meinte, er müsste sich politisch engagieren, ging der Münchner auch zum Meet and Greet. „München ist eine coole Stadt zum Leben, aber seit zehn, zwanzig Jahren merkt man, dass sich Probleme aufstauen“, sagt er. Beim Wohnen, beim Thema Mobilität, bei der Kultur – da bräuchte es mehr Ideen, findet der 36-Jährige. „Vielen Kulturbetrieben geht die Luft aus“, das merke er als Musiker.
Ein Mann im schwarzen Mantel mit Laptoptasche über der Schulter kommt dazu, er gratuliert Alexandra Lang und umarmt sie. Die 30-Jährige ist seit knapp zwei Jahren bei Volt, stand auf der Liste für die Bundestagswahl und wird nun für die Partei im Rathaus sitzen. „Jetzt hab ich die Möglichkeit, die Stadt ein bisschen besser zu machen“, sagt sie. Ihr Thema ist Verkehrsplanung, sie will bessere Radwege, eine Stadt, in der vieles zu Fuß zu erledigen ist und einen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Auch beruflich beschäftigt sich die Verkehrsingenieurin mit diesen Themen. Die vergangenen zwölf Wochen seien hart gewesen, sagt sie, die Arbeit, Wahlkampf und dann noch ihr Amt als Schatzmeisterin im Parteivorstand – „ich bin froh, dass es das wert war“.
Felix Sproll sitzt mitten im Trubel, trinkt Spezi und lacht viel. Anders als auf den Wahlplakaten trägt er kein weißes Hemd, sondern kurze Ärmel. Als Ukrainer für Europa auf den Maidan zogen und in Großbritannien die Idee eines Brexits auftauchte, sei das für ihn der Moment gewesen, etwas zu tun, sagt Sproll. „Ich hab gemerkt, dass ich mich nicht länger nur darum kümmern kann, dass es mir gut geht.“ Seit 2018 ist er bei Volt, ein Freund und er seien Mitglied Nummer vier und fünf in München gewesen, erzählt er. Heute seien sie 500. Er schaut in die Runde. Und vielleicht bald noch ein paar mehr.





















