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Australien bietet mehr als Ayers Rock | ABC-Z

Auf Wanderschuhe verzichten? Keinesfalls! Das wäre ja halsbrecherisch. Unglamouröse Funktionsjacken und schnöde Wanderhosen hingegen müssten nicht unbedingt sein. Den Kings Canyon könnte man schließlich auch deutlich flamboyanter durchschreiten. Wie wäre es stattdessen mit Federboas und schillernden Kleidern, alles in knalligen Farben, die sich vom Rot der Millionen Jahre alten Felsformationen abheben?

In den 1990er-Jahren haben das drei legendäre Dragqueens vorgemacht. In einer zentralen Szene des Roadmovie-Klassikers „Priscilla – Königin der Wüste“ erklommen sie damals die über 100 Meter hohen Felswände des Kings Canyon. Die erheben sich im Watarrka Nationalpark, mitten im flachen Nirgendwo des australischen Outback, und sind dabei von einer grün durchwucherten Schluchten-Oase durchzogen. „Manchmal kommen tatsächlich Leute in Drag hierher“, erzählt Wanderguide Ricardo auf dem beliebten Rim-Walk, bevor die kleine Hiking-Gruppe auf einem Plateau einen der damaligen Drehorte erreicht.

Von dort blickt man bis zum Horizont. Weiter Himmel. Weites Land. Ja, auf diesem Road­trip im roten Herzen Australiens sind die Dimensionen so respekteinflößend wie atemberaubend. Denn wenn man im Northern Territory die Naturwunder, die Wüstenlandschaft und die alte Kultur der Aborigines erkundet, liegen schnell mal einige 100 Kilometer zwischen den Stopps.

Auch ein anderes, ikonisches Naturhighlight ist rund 400 Kilometer entfernt: der Uluru, so der Name der Ureinwohner für den Monolithen, den die Kolonialmächte aus Europa Ayers Rock tauften. Er ist ein spirituelles Monument und heiligste Stätte für Männer und Frauen des hiesigen Aborigine-Stammes der Anangu. 1985 wurde das Land an die Ureinwohner zurückgegeben und ein Nationalpark eingerichtet, zu dem auch die ebenfalls heiligen Kata Tjuta gehören. Übersetzt bedeutet das „viele Köpfe“, wobei die Köpfe in diesem Fall 36 gigantische Felskuppeln sind, die man auf unterschiedlichen Wanderungen durchkreuzen kann.

Im Nationalpark bekommt man nun einen kleinen Einblick in die Kultur der Ureinwohner: in ihre spirituelle Glaubenswelt, die Philosophie und ihr enges Verhältnis zur Natur. „Der Uluru ist dabei wie ein Buch voller Geschichten“, erklärt eine Guide auf der Tour zum roten Felsgiganten, den man mit genug Trinkwasser im Rucksack in einer rund zehn Kilometer langen Wanderung umlaufen kann. Sieht der Sandsteinmonolith aus der Ferne wie ein roter Riegel aus, der sich in der pfannkuchenflachen Landschaft erhebt, erkennt man beim Hike drumherum in jeder Ecke und hinter jeder Kurve neue Details im Gestein: ein Kunstwerk der Natur mit permanenten Veränderungen durch Schatten und Licht und intensiven Farbwechseln zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Auch darüber hinaus wird der Uluru auf unterschiedliche Weise in Szene gesetzt, wobei Kunst und karge Natur eindrucksvoll verschmelzen. An einem Abend etwa liefert der Uluru die Kulisse für die „Wintjiri Wiru“-Show, die eine Aborigine-Geschichte mit den bunten Lichtern von über 1100 Drohnen am Himmel nachstellt. An einem anderen Abend findet ein Dinner bei Bruce Munros Lichtinstallation „Field of Light“ statt, die mit über 50.000 bunt-leuchtenden Kugeln die Outback-Nacht illuminiert.

Selbst wenn man sich vor der Nachmittagshitze ins klimatisierte Restaurant des „Ayers Rock Resort“ flüchtet, bleibt diese ungewöhnliche, fast schon abstrakte Natur auf kreative Weise Thema: Graciela Jonen, eine Düsseldorferin am anderen Ende der Welt, hat sich davon schließlich für ihre süße Kunst inspirieren lassen – und eine australische Version der sehr britischen Tradition des High Tea kreiert. Dafür experimentierte die deutsche Konditorin mit allerlei Buschzutaten. Nun ist die Étagère mit Häppchen gefüllt, die alle einen Outback-Twist haben: Scones mit Lemon Myrtle, eine Mousse mit der Rosella-Frucht und eine Marmelade aus Quandong. Karamel kombiniert Jonen mit Buschsalz und für die Schokotrüffel nutzt sie die Akaziensamen Wattleseed, die die Ureinwohner unter anderem für das Buschbrot Damper verwenden. „All diese Zutaten sind sehr unterschätzt“, findet die Konditorin, die über einige Umwege vor drei Jahren im australischen Outback landete, statt in Düsseldorf die Familienbäckerei zu übernehmen. „Da viele der Zutaten sehr sauer sind und eine andere Textur als Früchte in Europa haben, hat es einige Zeit gedauert, bis ich die richtigen Dosierungen gefunden hatte“, erzählt Graciela Jonen.

Sobald man nach der Teatime das Resort verlässt, sind sie wieder da, die ständigen Begleiter der aufdringlichen Art: die Buschfliegen! Tagsüber surren sie überall durch die heiße Luft und sind nur durch ein Netz über dem Kopf davon abzuhalten, in Mund, Ohren, Nasenlöcher zu krabbeln. Andere Tiere hingegen halten sich im Busch-, Steppen- und Wüstenland gut versteckt. Allerlei Spinnen und Schlangen, deren nähere Bekanntschaft man ohnehin nicht unbedingt machen muss. Aber auch Kängurus, die irgendwo durch die Büsche hüpfen.

Menschen aber? Sieht man bei einem Outback-Roadtrip so gut wie keine. Abgesehen von großen Farmen gibt es entlang der Strecken im Grunde keine Dörfer. Selten kommen einem andere Autos entgegen. Selbst Raststätten sind spärlich, die mit einfachem Essen, Benzin und kleinen Kuriositäten wie einem Emu-Gehege aufwarten. Schnurrgerade durchziehen die wenigen Straßen das Northern Territory, in dem nur rund 250.000 Menschen leben – und das auf einer Fläche, die fast vier Mal so groß ist wie Deutschland.

Kein Wunder, dass Alice Springs mit gerade einmal 27.000 Einwohnern schon die größte Stadt im gesamten Outback ist. Vor rund 150 Jahren wurde sie in der Mitte Australiens und umgeben von der 600 Kilometer langen Bergkette der MacDonnell Ranges als Posten an der transkontinentalen Telegrafenleitung gegründet. Die Verbindung folgte der Route von John McDouall Stuart, dem ersten Europäer, dem es gelang, die unwägbare Wildnis von Süd nach Nord zu durchqueren. Heute ist die ehemalige Station ein Museum und einer der wenigen historischen Orte der Stadt, die zu großen Teilen aus zweckmäßigen Bauten besteht, die dem herausfordernden, heißen Klima trotzen. Hier gibt es Bars, Restaurants, Hotels und viele Art-Shops und Galerien mit bunt-stilisierter Aborigine-Kunst. Bei den Sehenswürdigkeiten wird die Abgelegenheit zum Thema: Wie funktioniert die Fernschule „School of the Air“ im Outback? Wie die Krankenversorgung durch die fliegenden Ärzte des „Royal Flying Doctor Service“?

Zum Dahinschmelzen süß hingegen ist der Besuch im „Kangaroo Sanctuary“: Inhaber Chris Barns führt dort kurz vor Sonnenuntergang über das große Gelände, wo seine aufgepäppelten Kängurus glücklich herumhüpfen. Meist wurden sie aus den Beuteln der Mütter gerettet, die auf den Straßen von Autos tödlich erfasst wurden. In einem sehr unkommerziellen Spaziergang gibt er, umzingelt von den Beuteltieren, einen Einblick in sein Herzensprojekt und die Besonderheiten der Kängurus. Schönster Moment: Wenn man für fünf Minuten zum Känguru-Papa oder zur Känguru-Mama wird und mit verträumtem Blick ein Kleines im Stoffbeutel durch die Gegend tragen kann. Spätestens dann möchte man sicher kein Känguru-Fleisch mehr essen, das genauso wie Wallaby, Emu oder Krokodil häufig mal auf der Speisekarte steht.

In Alice Springs hat man auch die Möglichkeit, vom Mietwagen umzusteigen: auf den berühmten Zug The Ghan, der vor allem Touristen all inclusive von Adelaide an der Südküste bis zur Nordküste bringt. Zwar erreicht man Alice Springs aus dem Süden seit 1929 bereits auf Schienen. Erst seit 2004 aber führt die Strecke auch weiter in die Nordhälfte bis nach Darwin, der Hauptstadt des Northern Territory. Während der Zug durch das Outback rattert, man im Bordrestaurant ein feines Menü verspeist und durchs Fenster schaut, spürt man sie noch einmal ganz stark: diese Weite, die schier endlosen Dimensionen dieses Kontinents.

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