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Fünf Jahre Krisendienste Bayern: Hier bekommen Menschen Hilfe in seelischen Notlagen – Bayern | ABC-Z

Björn Rolke erinnert sich noch sehr genau an diesen Punkt, an dem plötzlich gar nichts mehr ging. Er stand am Bahnhof, wollte in die Arbeit fahren. Doch er konnte sich nicht dazu bewegen, in die Bahn zu steigen. „Die Züge kamen und gingen, ich stand da und hab’ geweint und geweint“, erzählt er. „Ich habe meine Frau angerufen und gesagt, ich kann nicht mehr. Ich kann da nicht mehr hingehen.“

Wie er in diese Situation geriet? Rolke muss da sehr weit ausholen. Eine traumatische Kindheit mit alkoholsüchtigem Vater, der die Mutter schlug, kommt in seiner Geschichte vor, genauso wie eigene Depressionen und Panikattacken, die er bekam, wenn er später mit autoritär auftretenden Menschen zu tun hatte. Er beschreibt sich selbst aber auch als jungen Mann, der seine Probleme aufarbeitete und sein Leben lange gut im Griff hatte, eine Erzieherausbildung machte und viele Jahre als Einrichtungsleiter arbeitete.

Dann aber kam eine Zeit, in der sehr viel gleichzeitig auf ihn einstürzte: Corona stellte das Leben auf den Kopf, seine Frau wurde krank, sie mussten umziehen und in der Arbeit ging die Chefin rücksichtslos mit ihm um. Irgendwann brach er zusammen. Rolke erzählt das alles tapfer eine Stunde lang – und hat trotzdem nur an der Oberfläche gekratzt.

Eine andere Frage aber kann er sehr knapp beantworten: Was ihm denn in dieser Situation geholfen habe? Es waren die Krisendienste Bayern. „Der Krisendienst war in der Situation wirklich die Rettung“, sagt er. Sein erster Weg nach dem Zusammenbruch ging zum Hausarzt, der ihn krankschrieb. Auf den Termin bei seinem behandelnden Psychiater aber musste er drei Wochen warten. Drei Wochen, in denen ihm das Leben zunehmend sinnlos erschien.

Er saß zu Hause, wollte seine Frau nicht in der Arbeit stören und fühlte sich hilflos. „Ich wusste, das sind keine guten Gedanken“, erinnert er sich, also scrollte er durch sein Handy auf der Suche nach jemandem, mit dem er reden könne. Er blieb schließlich an der Nummer der Krisendienste hängen, die er dort mal vorsorglich eingespeichert hatte. „Ich hatte eine ganz Liebe am Telefon“, erinnert er sich an die Frau am anderen Ende der Leitung. Die ersten 20 Minuten habe sie nur mit ihm geatmet. „Sie hat nur immer wieder gesagt, ich bin hier. Wir kriegen das hin!“

Die Krisendienste Bayern sind eine Hotline für Menschen in seelischen Notlagen, vertraulich, anonym.  Wer nicht mehr weiterweiß, Panikattacken oder Suizidgedanken hat oder sich um einen anderen Menschen sorgt, kann sie kostenlos anrufen. Unter 0800/655 3000 erreicht man rund um die Uhr ausgebildete Psychologen, Sozialpädagogen oder psychiatrische Fachkrankenpfleger, die zuhören und weiterhelfen. Ein lebensrettendes Angebot, findet Rolke. Er hat sich deshalb auch entschlossen, für die Krisendienste zu werben. Jetzt, da es ihm wieder etwas besser geht. Er möchte etwas zurückgeben.

„Mut in der Krise“ heißt die Kampagne der Krisendienste Bayern, bei der Betroffene ihre Geschichte erzählen. Björn Rolke ist einer von Ihnen.
„Mut in der Krise“ heißt die Kampagne der Krisendienste Bayern, bei der Betroffene ihre Geschichte erzählen. Björn Rolke ist einer von Ihnen. Foto: Bayerischer Bezirketag

Fünf Jahre gibt es das Angebot, das die Bayerischen Bezirke aufgebaut haben, inzwischen. 109 147 Anrufe haben die Mitarbeiter der Hotline allein im vergangenen Jahr entgegengenommen, das sind knapp 300 pro Tag. Meistens konnten sie schon am Telefon helfen, mehr als 4000 Mal schickten sie aber auch mobile Einsatzteams vorbei. Zum fünfjährigen Bestehen starten die Krisendienste nun an diesem Mittwoch die Kampagne „Mut in der Krise“. Menschen, denen die Krisendienste helfen konnten, erzählen dort ihre Geschichte. Björn Rolke ist einer von ihnen.

Der Krisendienst hat seine Anrufe ausgewertet: Am häufigsten suchen demnach Menschen Hilfe, die selbst in einer seelischen Krise stecken. Bei jedem zehnten Anruf spielen Suizidgedanken eine Rolle.  Aber auch Angehörige oder Kollegen nutzen das Hilfsangebot. Und es melden sich auch Mitarbeiter von Fachstellen, Polizei oder Behörden.

Frauen nutzen den Dienst fast doppelt so oft wie Männer. Ein Mann redet nicht über seine Probleme, die Haltung kennt auch Rolke. Drei Bier trinken, boxen gehen, dann wird das schon. Das sei für viele die Strategie. Man kann aber eben nicht alles mit sich selbst ausmachen. Rolke hat das erlebt. Auch er selbst hätte sich viel früher Hilfe holen sollen, sagt er heute. Er hätte sich selbst viel erspart.

Seit zwei Jahren ist er jetzt krank und tastet sich langsam wieder ans Leben ran, lässt sich zum Informatiker umschulen. Er habe immer das Gefühl gehabt, anderen helfen zu müssen, ihm selbst aber tat das nicht gut. Die Therapeuten rieten ihm zu einem Beruf, wo er niemanden retten muss. Aber ganz kann er das doch noch nicht lassen. Sonst wäre sein Gesicht jetzt nicht Teil der Kampagne. Es nimmt ihn mit, über seine Krise zu sprechen. Aber das sei ok. „Wenn diese Kampagne auch nur einen Menschen dazu bringen, sich Hilfe zu holen, dann ist es das wert.“

Die Krisendienste Bayern sind als Hilfe in seelischen Notlagen unter 0800/6553000 rund um die Uhr kostenfrei erreichbar.

Hinweis der Redaktion: Weitere Ansprechpartner bei Verdacht auf eine Depression oder Suizidgedanken sind Hausärzte, Psychiater oder psychologische Psychotherapeuten. Betroffene und Angehörige können sich auch kostenfrei an die Deutsche Depressionshilfe wenden: 0800/3344533.

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