Gesundheit

Warum Ärzte sich um Jugendliche und die sozialen Medien Sorgen zeugen. |ABC-Z

Nachdem die junge Frau aus meinem Sprechzimmer herausgegangen war, kam meine Mitarbeiterin und sagte: „Herr Doktor, haben Sie sich den Arm der Patientin angesehen?“ Ich guckte überrascht und musste eingestehen, dass ich das nicht getan hatte. Die Patientin war 18 Jahre alt und kam zu einem einfachen Check-up zu uns. Ich frage dabei auch grundsätzlich nach Gewicht und Größe. Sie sagte, sie sei 170 Zentimeter groß und bringe 55 Kilogramm auf die Waage. Ich hatte mir schon notiert, dass das zu wenig Gewicht war. Ich kenne die Patientin aber noch nicht gut, da nehme ich mich meistens erst mal zurück und höre zu.

Denn über die Jahre bekommt man als Arzt einen gewissen Blick. Wenn schlanke junge Frauen wie meine Patientin in einem XXL-Pullover und einer XXL-Hose kommen, ist Vorsicht geboten; oft steht dann das Thema Magersucht im Raum. Ein Thema, das in der Häufigkeit zunimmt. Also hörte ich aufmerksam zu, was meine Mitarbeiterin berichtete: Die junge Dame habe am linken Arm massive, vernarbte Ritzwunden.

Wir erleben in der Praxis, auch hier auf dem Land, immer öfter, dass junge Menschen psychisch labil sind. Bei Mädchen sind es oft Magersucht und Depression. Bei Jungen eine auffällige „Sportbegeisterung“ mit der dazugehörigen Nahrung.

Manches im Netz wird für diese Menschen Realität

Woher bekommen die Jugendlichen die Anstöße dazu? Viele „Ideen“ kommen aus dem Netz, von Tiktok, Instagram und Co. Eine hohe Anzahl von Kindern und Jugendlichen verbringt drei bis vier Stunden pro Tag mit den sozialen Medien. Für sie sind irgendwann absurde Ideen, Meinungen und Trends Alltag, ja Realität.

Aus meiner Erfahrung in der Praxis kann ich es deshalb nur gutheißen, dass sich endlich etwas tut bei der Frage, ob wir Kinder und Jugendliche nicht besser schützen müssen vor diesen Medien.

Nicht nur im Ausland, auch bei uns dürfen Handys mittlerweile nicht mehr in die Schule mitgebracht werden. Im Staat New York gibt es den Gesetzesvorschlag „From bell to bell“. Er soll regeln, dass Smartphones in der Schule während der gesamten Zeit zwischen 8 und 16 Uhr – von der ersten Schulglocke bis zur letzten – ausgeschaltet sein müssen.

Schweden ist, soweit ich gehört habe, noch einen Schritt weiter; dort werden in den Grundschulen die Tablets wieder abgeschafft, und es wurden für viel Geld klassische Schulbücher gekauft. Es gibt also kein „Wischen“ mehr, sondern es geht im wahrsten Sinne des Wortes um das „Begreifen“ der Wirklichkeit!

Etwas muss geschehen

Sie hören es heraus: In der Diskussion um die sozialen Medien halte ich eine Regelung für Kinder und Jugendliche im Alter bis 16 Jahre für zwingend erforderlich. Wie diese ausgestaltet werden soll, muss gut überlegt werden, weil unsere Kinder, wenn sie etwas wirklich wollen, extrem kreativ sind! Ob der australische Weg mit einem generellen Verbot zum Erfolg führt oder Ideen wie in Korea, wo für unter Achtzehnjährige der Zugang zum Internet auf zwei Stunden täglich begrenzt werden soll – das weiß ich auch noch nicht, aber es muss etwas geschehen. Das hat mir meine 18 Jahre alte Patientin wieder deutlich gezeigt.

Bei ihrem Folgetermin werde ich sie auf den Arm ansprechen und ihr Hilfe anbieten. Ich hoffe, sie nimmt diese an. Ich werde hier in meiner Praxis nicht die Probleme und Bedrohungen der sozialen Medien lösen, aber ich kann im Kleinen versuchen aufzuklären und zu helfen, wenn jemand sich in dieser Welt verloren hat.

Liebe Leserinnen und liebe Leser, ich wünsche Ihnen eine schöne Woche mit hoffentlich etwas Zeit für ein Buch, um die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen!

Es grüßt Sie herzlichst aus dem Oberbergischen – Ihr Landarzt

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