Kultur

Neuer Roman von Norbert Gstrein: Entscheidungen angesichts einer zerbrechenden Weltordnung | ABC-Z

Der österreichische Schriftsteller Norbert Gstrein greift in seinen Romanen immer wieder Gegenwartsthemen auf, die zeitlose Fragen enthalten. In „Das Handwerk des Krieges“ von 2003 beispielsweise hatte er den Bürgerkrieg in Jugoslawien zum Anlass genommen, um über die Frage, ob die Realität eines Krieges überhaupt darstellbar ist, einen Roman zu schreiben.

In „Vier Tage, drei Nächte“, seinem vorletzten Roman, war die Corona-Pandemie Anlass, über die ausbrechenden Widersprüche und Zwänge in einer Familie während einer Quarantäne-Situation zu erzählen. In „Im ersten Licht“, seinem neuen Roman, ist das Thema erneut der Krieg, der seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine die öffentliche Diskussion immer wieder bestimmt. Doch diesmal steht nicht – wie in „Das Handwerk des Tötens“ -, der Krieg selbst im Zentrum, sondern seine Vorbereitung und seine Folgen für diejenigen, die nicht unmittelbar an ihm beteiligt sind.

Immer wieder hört Adrian Reiter, der Held des Romans, auf seinen jugendlichen Streifzügen vor dem Ersten Weltkrieg junge Stimmen hinter der Mauer zu den großen Villengrundstücken in seiner österreichischen Provinzstadt. Die Feriendomizile reicher Wiener Familien sind für den Sohn eines kleinen Postbeamten die unerreichbare Welt der Herrschaft in der k.u.k. Gesellschaft.

Der Roman

Nobert Gstrein: „Im ersten Licht“. Hanser Verlag, München 2026. 416 Seiten, 27 Euro

Fasziniert von dem Riesenreich der Doppelmonarchie beginnt er sich für dessen Geschichte und vor allem für dessen Militär zu begeistern. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges sorgt dann allerdings sein sozialistisch gesinnter Vater mit einem Axthieb in seinen Unterschenkel dafür, dass Adrian nicht eingezogen wird. Stattdessen beginnt er im nahe gelegenen Seehotel an der Rezeption zu arbeiten.

Die Frage der Schuld

Verlorener Krieg und der Zerfall der k.u.k. Monarchie, die den Krieg mit verursacht hatte, ändern nichts an Adrians Faszination für das untergegangene Großreich. Auch nicht das durch eine Kriegsverletzung völlig verunstaltete Gesicht Ernest Ellers, dem Sohn eines der reichen Villenbesitzer, der eines Tages auf einem abgelegenen Teil der Hotelterrasse sitzt. Eller beginnt, dem Hotelangestellten Aufträge zu erteilen, und es entsteht nach und nach eine Art Freundschaft zwischen beiden.

Obwohl Norbert Gstreins Held für den Leser nicht unbedingt ein Sympathieträger ist, gelingt es ihm, das Interesse des Lesers an seiner Geschichte aufrechtzuerhalten. Indem er immer wieder mit Andeutungen Erwartungen hinsichtlich des Fortgangs der Geschichte weckt, hält er die Spannung aufrecht. Die Beantwortung der durch seine Figuren und durch seine Ereignisse entstehenden Fragen überlässt er dabei dem Leser.

Im zweiten Teil des Romans rückt die Frage der Schuld in den Vordergrund. Nach dem Selbstmord von Ernest Eller nimmt sich dessen Mutter, die ursprünglich aus England stammt, Adrian an und verschafft ihm die Möglichkeit eines Studiums in Wien. Er wird Gymnasiallehrer für Englisch und Geschichte und gibt seine Faszination für die Österreich-Ungarische Monarchie und vor allem deren Militärgeschichte an seine Schüler weiter.

Eine unerwartete Wendung

Einer, Hans Baumgartner, wird zu seinem Bewunderer und entscheidet sich auch durch Adrians Einfluss nach der Schule, Berufssoldat zu werden. Adrian Reiter wird unfreiwillig zum einzigen Vertrauten und Baumgartners, der ihn im Zweiten Weltkrieg immer wieder während seines Fronturlaubs besucht. Als er bei einem dieser Besuche von Erschießungen in der Ukraine erzählt, kann sich Adrian Reiter später trotz großer Anstrengungen nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern.

Norbert Gstrein hat mit „Im ersten Licht“ einen großartigen Roman geschrieben, in dem er anhand der Geschichte eines einfachen Menschen die zeitlosen Themen von Gewalt, Verantwortung und Schuld entfaltet. Im dritten Teil des Romans gelingt es ihm noch einmal, Adrian Reiters Leben eine unerwartete, aber plausible Wendung zu geben. Der eher versöhnliche Schluss des Romans ändert dann nichts an der Beunruhigung des Lesers, der sich fragt, vor was für Entscheidungen er wohl angesichts der gerade zerbrechenden Weltordnung gestellt werden wird.

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