Oscars 2026: Ein Mittelfinger für Trump – der Überblick zu Hollywoods großer Nacht – Kultur | ABC-Z

„One Battle After Another“ räumt ab und ist der beste Film des Jahres
Schon vorab war klar: Das große Duell der Oscar-Nacht wird zwischen zwei Filmen ausgetragen. Der Vampir-Horror „Blood & Sinners“ war stolze 16 Mal nominiert gewesen, so oft wie noch kein Film jemals zuvor in der Oscar-Geschichte; die dystopische Satire „One Battle After Another“ lag mit 13 Nominierungen nur knapp dahinter. Und nun? Hat sich „One Battle After Another“ klar durchgesetzt. Der Film wurde mit sechs Oscars prämiert: bestes Casting (diese Kategorie wurde erstmals verliehen), bester Nebendarsteller (Sean Penn, der gar nicht erst zur Verleihung kam), bester Schnitt, bestes adaptiertes Drehbuch, beste Regie und bester Film. Ein Triumph für Autor, Regisseur und Produzent Paul Thomas Anderson, der seine Preise mit sympathisch zittrigen Händen entgegennahm. „Blood & Sinners“ ist aber auch alles andere als leer ausgegangen. Der Film wurde mit vier Oscars ausgezeichnet, fürs beste Originaldrehbuch, die beste Filmmusik, die beste Kamera und den besten Hauptdarsteller (Michael B. Jordan).
Der große Gewinner im Hintergrund: das Filmstudio Warner Bros., das beide Werke produziert hat. Es unterstreicht fulminant seinen Ruf als Heimat von großen Autorenfilmern mit reichlich Boxoffice-Power wie „Sinners“-Regisseur Ryan Coogler und „One Battle“-Regisseur Paul Thomas Anderson. Diese Oscar-Nacht ist so wichtig für Warner wie vielleicht noch keine zuvor: Das Studio soll für unglaubliche 111 Milliarden Dollar vom Milliardärssohn David Ellison geschluckt und mit dem Konkurrenten Paramount verschmolzen werden. Der Oscar-Erfolg ist ein starkes Argument für die gerade anstehenden Verhandlungen, um so viele Jobs und so viel Eigenständigkeit wie möglich in die Zukunft zu retten.
Auch Deutschland unter den Gewinnern, zumindest ein ganz kleines bisschen
Deutsche Künstler waren dieses Jahr kaum vertreten. Die deutsche Einreichung für den besten internationalen Film („In die Sonne schauen“) flog bereits in der Vorauswahl raus. Der deutsche Michael Ralla hätte eine Chance gehabt zu gewinnen, ging aber leer aus (gemeinsam mit seinen Kollegen war er für die besten visuellen Effekte für „Blood & Sinners“ nominiert). Dafür hat zumindest ein Film mit deutscher Beteiligung gewonnen. Der Norweger Joachim Trier wurde wie erwartet für seine Tragikomödie „Sentimental Value“ ausgezeichnet, in der Kategorie bester internationaler Film; das Werk bekam finanzielle Unterstützung aus Norwegen, Schweden, Dänemark, Frankreich und auch Deutschland.
Scharfschützen und Drohnen: Warum die Sicherheitsvorkehrungen so hoch waren wie nie

Oscar-Moderator Conan O’Brien scherzte in seinem Eröffnungsmonolog, dass man vorab große Angst vor Angriffen aus der Opern- und Ballettgemeinde gehabt habe. Eine Anspielung auf den Schauspieler Timothée Chalamet, der als bester Hauptdarsteller nominiert war und sich kürzlich abfällig über die klassischen Künste geäußert hatte, wofür er einen Shitstorm kassierte.
Deutlich weniger lustige Drohungen hatte es aber ebenfalls gegeben. Die Security-Maßnahmen bei den Oscars sind immer hoch. Die Polizei von Los Angeles hat für Veranstaltungen dieser Größenordnung eine eigene Abteilung gegründet, die „Major Events Group“. So wie einst nach dem 11. September 2001 und dem Irak-Krieg 2003 hat auch der amerikanisch-israelische Krieg gegen Iran Auswirkungen auf die Show. Obwohl keine konkrete Drohung gegen die Oscars vorlag, hatte das FBI die lokalen Behörden darauf hingewiesen, dass es aus Iran unspezifische Angriffsdrohungen gegen den US-Bundesstaat Kalifornien gegeben hat.
Laut Berichten des Hollywood Reporter und der Los Angeles Times wurde deshalb noch keine Oscar-Verleihung so stark abgesichert wie diese. Mehr als 1000 Beamte sollen im Einsatz gewesen sein. Militärdrohnen, Scharfschützen auf den Dächern, KI-gestützte Kameraüberwachung und weiträumige Straßensperrungen und Sicherheitsringe rund ums Dolby Theatre gehörten zum Sicherheitskonzept. Sogar die Luft über dem Hollywood Boulevard soll streng kontrolliert worden sein, zum Beispiel auf radioaktive Strahlung. Zum Glück ist nichts Schlimmes passiert. Für die Behörden von Los Angeles dürfte die Nacht aber auch eine Art Stresstest für die noch aufwendigeren Großereignisse der nächsten Monate und Jahre gewesen sein: Im Sommer ist Fußball-WM, 2028 folgen die Olympischen Spiele.
Jimmy Kimmel macht sich über das Ehepaar Trump lustig – und warnt vor Zensur in den USA

Spontanität und Improvisation sind im engen Korsett der Oscar-Logistik nach dem Willen der stets sehr nervösen Veranstalter eher nicht vorgesehen. Der streng geplante Ablauf hat aber auch noch nie verhindert, dass es schon zu ziemlich irren Auftritten auf der Bühne des Dolby Theatre gekommen ist. Siehe die Ohrfeige, die Will Smith 2022 im Gesicht seines Kollegen Chris Rock platzierte. Dieses Jahr gab es keinen ganz so spektakulären Zwischenfall. Dafür mangelte es nicht an politischen Statements.
Besonders hervorzuheben: der Moderator Jimmy Kimmel. Er präsentierte die zwei Dokumentarfilm-Kategorien und nutzte die Gelegenheit, Donald Trump zumindest verbal den Mittelfinger zu zeigen. Es gebe mutige Filmemacher, die ein großes Risiko eingingen, schlimme Ungerechtigkeiten in der Welt anzuprangern, sagte Kimmel. „Und es gibt Dokus, in denen jemand durchs Weiße Haus spaziert und Schuhe anprobiert.“ Eine ironische Anspielung auf die vielfach verrissene Doku über Trumps Ehefrau Melania. „Mann, wird er sauer sein, dass der Film nicht nominiert ist“, fuhr Kimmel grinsend fort. Und weiter: „Es gibt Länder, deren Führer gegen Meinungsfreiheit sind. Ich darf nicht sagen welche. Belassen wir es bei Nordkorea und CBS.“ Damit griff er den Streit zwischen seinem Moderatorenkollegen Stephen Colbert und dem US-Sender CBS auf; Colbert hatte CBS der Zensur beschuldigt, weil man ihn ein Interview mit dem Senatskandidaten James Talarico nicht senden ließ (weshalb er es dann auf Youtube veröffentlichte).

:Just like Tom f***cking Cruise
Das Zeitalter der USA gehe dem Ende entgegen, wird allenthalben behauptet. Wenn das mal nicht verfrüht ist. Die Oscars zeigen dieses Jahr, wie wunderbar amerikanischer Wahn immer noch sein kann.
Den Oscar für den besten Dokumentar-Langfilm überreichte Jimmy Kimmel dann den Machern von „Mr Nobody Against Putin“. Sie porträtieren in ihrem Werk den russischen Lehrer Pavel Talankin, der seit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine die Indoktrinierung von Kindern in Schulen durch die Regierung anprangert. Talankin kam mit dem Filmteam auf die Bühne und hielt eine kurze Dankesrede – auf Russisch. Eine Sprache, die man auch nicht ständig im Dolby Theatre am Hollywood Boulevard hört, gerade jetzt.
Eine erstaunlich flotte Show – kürzer als „One Battle After Another“

Die Oscar-Shows waren schon oft genug unendlich lang und langweilig. Diesmal aber ging es beeindruckend flott. Was vermutlich vor allem daran lag, dass nicht alle fünf Minuten gesungen und getanzt wurde wie in manch anderem Jahr. Sprich: Das größte Kompliment, dass man der diesjährigen Show machen kann, ist, dass sie kürzer war als „One Battle After Another“. Moderator Conan O’Brien, der zum zweiten Mal durch die Zeremonie führte, hatte die Sache charmant und fest im Griff. Er witzelte über Netflix-Chef Ted Sarandos („Heute ist das erste Mal, dass er in einem Kino sitzt, und er fragt sich, warum die Leute Spaß haben und nicht daheim hocken!“). Und er sorgte dafür, dass alle Kategorien zügig, aber nicht gehetzt über die Bühne gingen.
Ein besonders emotionaler Moment des Abends: Der Schauspieler Billy Crystal, der die Oscars selbst neunmal moderiert hat, gedachte seiner Freunde Rob und Michele Reiner. Der Regisseur und seine Frau waren im Dezember ermordet worden, mutmaßlich von ihrem gemeinsamen Sohn Nick. Crystal hat mit Reiner die legendäre Komödie „Harry und Sally“ (1989) gedreht. Er leitete mit seinem kleinen Bühnennachruf den üblichen melancholischen Rückblick auf die großen verstorbenen Künstler des vergangenen Filmjahres ein. Darin wurde auch des deutschen Schauspielers Udo Kier gedacht.





















