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Psychologie: Menschen sind ehrlicher als ihr Ruf – Wissen | ABC-Z

Der amtierende US-Präsident ließe sich als das historisch größte Arbeitsbeschaffungsprogramm für Faktenprüfer begreifen. Wann immer der Mann den Mund öffnet, wann immer seine Finger über das Smartphonedisplay tippen, um so etwas wie einen Text in die Social-Media-Arena zu schießen, gerät die Wahrheit unter die Räder. Trump feuert dabei allerdings mit einer so hohen Kadenz, dass selbst ein Fußballstadion voller motivierter Faktenprüfer die weiße Flagge hissen müsste: Da kommt niemand hinterher.

Der US-Präsident hat sich in den Augen sehr vieler so zu einer Figur entwickelt, in der sich das Schlechte im Menschen wie in einem hochprozentigen Destillat konzentriert. Wer ohnehin generelle Zweifel am Guten im Menschen hegt, findet in dieser Person täglich Bestätigung für seine pessimistische Ansicht.

Doch auch sonst bietet die unmittelbare Gegenwart ausreichend Anlässe, um am Menschen an und für sich zu zweifeln. In diesem Sinne soll im Folgenden der Versuch unternommen werden, als winziges Gegengewicht die Ergebnisse einer großen Studie aus der Psychologie auf positive Weise darzustellen.

„Ehrlichkeit ist wie die Luft, die uns umgibt“

Wie nämlich gerade ein Team um Jareef Martuza von der Norwegian School of Economics in Bergen im Journal of Experimental Social Psychology berichtet, sind die Menschen doch etwas besser als ihr Ruf: Sie verhalten sich demnach deutlich ehrlicher, als ihre Mitmenschen im Durchschnitt glauben.

Für die Studie werteten die Wissenschaftler Daten von etwa 10 000 Teilnehmern aus. Ein Großteil von ihnen nahm an Spielen teil, in denen sie leicht betrügen konnten, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Die Forscher um Martuza baten nun Probanden um eine Einschätzung über das Ausmaß der Unehrlichkeit der anderen Teilnehmer. Im Schnitt überschätzten die Befragten den Hang zum Betrug um 13,6 Prozentpunkte. Lediglich ein Viertel der Probanden unterschätzte, wie oft andere betrogen. Elf Prozent der Befragten gaben eine weitgehend korrekte Antwort ab. Mit freundlichen Worten ausgedrückt: Die Menschen sind also ehrlicher als ihr Ruf.

„Ehrlichkeit ist wie die Luft, die uns umgibt“, schreiben die Wissenschaftler um Martuza, „wir nehmen ihre Präsenz normalerweise nicht wahr, aber ihr Fehlen hat gravierende Folgen.“ Es hat jedoch auch Folgen, die Häufigkeit unehrlichen Verhaltens zu überschätzen, wie die Forscher in ihren Versuchen beobachtet haben. Pessimistische Führungskräfte neigten demnach stärker dazu, Angestellte am Arbeitsplatz zu überwachen und zu schurigeln. Wer Menschen für grundsätzlich arglistige Betrüger hält, klopft ihnen eben fester auf die Finger.

Sobald das Team um Martuza den Managern allerdings korrekte Informationen über das durchschnittliche Ausmaß an Unehrlichkeit gab, neigten die Führungskräfte zu milderem Verhalten. Wer anderen nicht reflexartig Eigennutz und niedere Motive unterstellt, scheint also selbst eine bessere Person zu werden. Und dass die meisten Menschen dazu berechtigten Anlass geben, ist doch mal eine gute Nachricht.

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