Kultur

Roman „Toxibaby“ von Dana von Suffrin: Sie spielt mit dem Klischee, dass es eine Freude ist | ABC-Z

Wer dieses Prosawerk inhaltlich zusammenfassen möchte, kann das entweder in wenigen Zeilen erledigen oder einen abendfüllenden Vortrag halten. Vermutlich wird kaum ein literarischer Text in diesem Frühjahr so polarisieren wie Dana von Suffrins „Toxibaby“, angekündigt als der „schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann“.

Zunächst einmal dreht sich alles um die Schriftstellerin Herzchen Goldberg und ihren gleichermaßen geliebten wie verhassten Toxi. Der Titel- und Antiheld wird als „paranoid, impulsiv, depressiv, ängstlich“ beschrieben, ist offenbar ein gutes Beispiel für die „Krise der Männlichkeit“, weiß laut Ich-Erzählerin aber auch „selbst, was für ein Loser er ist“. Das hält Herzchen nicht davon ab, dem Mann, den sie für „komplett lebensunfähig“ hält, nach jeder Trennung wieder hinterherzulaufen.

Toxibaby – wie ihn die Erzählerin so liebevoll wie herablassend nennt – scheint nie erwachsen zu werden, kann sein Leben kaum finanzieren, belehrt Herzchen aber ständig, wie der Spätkapitalismus funktioniert. Toxi hatte mal einen „befristeten Vertrag als Sozialpädagoge in einer Brennpunktschule“, schlägt sich zwischenzeitlich als „sozialpädagogische Fachkraft“ in Teilzeit durch und setzt darauf, dass die Freundin regelmäßig seine Rechnungen übernimmt. Immerhin sieht er gut aus und vermag die Frau, die sich als leidenschaftlich Liebende begreift, nicht trotz, sondern wegen seiner Verlogenheiten für sich einzunehmen.

Der Roman

Dana von Suffrin: „Toxibaby“. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2026. 237 Seiten, 23 Euro

Rational ist in der vergifteten Beziehung bald nichts mehr: „Wir trennten uns ständig, und dann kamen wir quasi ohne unser Zutun wieder zusammen, zumindest redeten wir uns darauf heraus, und nur ganz am Anfang versuchten wir noch, etwas zu verstehen.“ Dana von Suffrin spielt mit dem Klischee, dass es eine Freude ist. Nicht selten entwickelt sich aus dem vorgeführten Ressentiment eine bittere Wahrheit.

Diskursive Kehrseiten

Wer mehr über die psychische Abhängigkeit vom attraktiven „Hitzkopf“ erfahren möchte, der seine theoretischen Ergüsse auch auf „einem der aggressiven, schlecht formatierten linksextremen Blogs“ veröffentlicht, muss sich mit den politischen Tiefenschichten des Romans befassen. Herzchen ist eine jüdische Schriftstellerin, die ein Buch über ihre Familiengeschichte geschrieben hat, die „überwiegend in einem der Außenlager von Auschwitz-Birkenau geendet war“.

Ihre in „Deutschland, Österreich und Holland“ überaus erfolgreiche Publikation ist die diskursive Kehrseite einer pseudotheoretischen Entwicklung, für die wiederum Toxibaby exemplarisch steht. Kaum geht das unmögliche Paar mal wieder getrennte Wege, möchte Herzchen unbedingt „über die neuen gehässigen, postkolonialen Zeitungsartikel unserer früheren Professoren diskutieren“ – die der Verehrte bestimmt vehement verteidigen wird. Von Suffrins Roman ist auch als Abrechnung mit einer deutschen Öffentlichkeit zu lesen, die sich durch die hingebungsvolle Lektüre jüdischer Familiengeschichten zu entlasten und zugleich den Holocaust aus der kollektiven Erinnerung zu tilgen versucht.

Dennoch hat die 1985 geborene Dana von Suffrin, die über „Wissenschaft und Ideologie im frühen Zionismus“ promovierte, kein schnödes Debattenbuch, sondern eine weitgehend lustige und in ihrer Übertreibungskunst äußerst literarische Suada geschrieben, die in manchen Szenen sogar zartfühlend daherkommt. Das Drama des Vaters, der allmählich seine Sprache verliert und als verstummter Zeuge seiner Epoche stirbt, überzeugt auf den verschiedenen Erzählebenen; handelt es sich nämlich auch um eine anrührende Geschichte, die Herzchen zuweilen „ausbeuten musste, um Toxibaby zum Schweigen zu bringen“.

Wildwitziges Stück Literatur

Drei Jahre lang quält sich das Paar durch eine fragile Beziehung, als die Frau sagt, „ich glaube, ich kriege ein Kind“. Zu ihrer Überraschung agiert der Mann, der „auch ein Engel sein kann“, nach anfänglicher Skepsis äußerst liebevoll. Doch Herzchen hat nur einen üblen Scherz gemacht, verhält sich toxischer als ihr Toxibaby. In diesem Moment hilft dem verarschten Kerl nur die Flucht, die zerstörerische Liebe aber wird irgendwann weitergehen.

Wenn Toxi es halbwegs geschafft hat, sich von Herzchen zu emanzipieren, wird sie ihn sexuell bestürmen, bis er sich „hilflos wie ein Teenager“ bewegt. Wenn sie dann auch noch ihre „gierigen Anne-Frank-Augen in ihn bohrt“, schaut der irritierte Gefährte „beschämt zur Seite“. Dieser Roman mag für Leute, die sich oft in pathetischen Projektionen versteigen und die mit solchen Szenen persifliert werden, eine Zumutung sein. Wer Dana von Suffrins politischen Humor mag, wird „Toxibaby“ als wildwitziges Stück Literatur feiern.

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